Klassische Partnervermittlung im Test

Immer mehr Singles vertrauen bei ihrer Suche lieber einem Profi mit Menschenkenntnis als einem PC mit Matching-Programm oder sich selbst. WIENERIN-Autorin Johanna Jenner hat einer Profi-Kupplerin in die Kartei-Karten geschaut.

Im Märchen müssen Königskinder erst knifflige Aufgaben lösen und Hürden überwinden, um einander zu bekommen. Nun bin ich keine Prinzessin, sondern eine Single-Frau, die beschlossen hat, sich bei der Suche nach ihrem Traumprinzen helfen zu lassen. Dennoch muss auch ich zuvor eine Aufgabe lösen. Und die lautet: die „Geheimtür“ zu jener Frau zu finden, die angeblich haufenweise Prinzen in der Schublade hat.

Im Netz lassen sich Fotos, Familienstand und Finanzen ziemlich leicht optimieren. Nicht bei mir.
von Doris Hackl

„Bis jetzt fand mich erst einer meiner Klienten auf Anhieb. Und der arbeitete bei der Mordkommission“, warnt mich Doris Hackl vom Salzburger Büro der Agentur KONTAKT – die Partnervermittlung eU am Telefon vor. Dass sie nicht leicht zu finden ist, ist ihr sehr wichtig. Diskretion gehört eben zu ihrem Business. Ganz besonders in der Jeder-kennt-jeden-Kleinstadt Salzburg. Daher gibt es im Geschäftsgebäude am Ferdinand-Hanusch-Platz keine großen ­Beschilderungen oder gar Werbetafeln. Immerhin kann man den richtigen Weg zur Liebe erfragen. Per Mobiltelefon. Doris Hackl geleitet jeden Neukunden sicher ans Ziel: zu jener Tür, die sich fern vom geschäftigen Treiben mitten in einem Labyrinth aus menschenleeren Gängen befindet. Und an der lediglich eine Firmenkennzeichnung in Visitenkartengröße mit der Aufschrift KONTAKT – die Partnervermittlung eU befestigt ist.

WWW Ade?

Immer mehr Menschen suchen Profis wie Doris Hackl auf. Das belegt auch ein Bericht der Wirtschaftskammer Österreich aus dem Jahr 2014. Der besagt, dass der Trend bei der Partnersuche wieder zurück in Richtung „klassische“ Partnervermittlungsagentur geht. Besonders bei Jüngeren, sagt Doris Hackl. Waren es vor einigen Jahren vermehrt ältere Semester, die zu ihr kamen, finden sich mittlerweile immer mehr Mittdreißiger in ihrer Kartei. Diese haben viel Zeit in Ausbildung oder Karriere investiert und wenig für die Partnersuche im Alltag übrig gehabt.
„Die meisten wollen am Abend auch nicht mehr durch zig Internetprofile surfen oder wochenlang hin und her mailen, bis es zum ersten Treffen kommt.“ Von dem sie dann sowieso oft enttäuscht zurückkehren. Denn Fotos, Familienstand, Finanzen – das alles lässt sich im Netz ziemlich leicht optimieren. Nicht aber bei Partneragenturen. Da wird erst auf Herz und Nieren geprüft.

Im Fundbüro

Besonders das Herz prüft Frau Hackl in ihrem schlichten Büro, fern von Romantik-Kitsch. Ein großer Glasschreibtisch trennt mich und die „Hüterin der Herzen“. Einige Fotos von weiblichen und männlichen Klienten liegen auf einer Ablage. Ich schiele unauffällig hinüber. Ein Glatzkopf, einer mit schütterem grauem Haar, einer mit strengem Blick in Anzug und Krawatte. Oje. Die Liebe auf den ersten Blick ist nicht dabei. Aber es wurden noch keine Schubladen geöffnet, von denen Doris Hackl behauptet, dass sie randvoll mit tollen Männern seien. Prominente seien in ihrer Kundenkartei, Primarärzte bis Prinzen. Echt jetzt? Als Beweis zieht Frau Hackl die überdimensionale, vergoldete Visitenkarte eines Kunden aus der Schublade. Und siehe da: Oben prangt ein Adelswappen und darunter steht ein sehr bekannter Clan-Name. Nur um wen aus der Sippschaft es sich dabei genau handelt, verdeckt Hackl wohlweislich mit ihrem Finger. Diskre­tion eben.

Ich muss meine Klienten oft auf den Boden der Realität holen und fragen: 'Suchen Sie jetzt einen Golfpartner oder einen fürs Leben?'
von Doris Hackl


Insider-Wissen

Das „Bewerbungsgespräch“ bei Frau Hackl ähnelt eher einem Kaffeeplausch: über Männer, Frösche, die man vergeblich geküsst hat und Traumprinzen. Ja, die lieben Erwartungen. Frau Hackl kann ein Lied davon singen, was Singles sich wünschen. Da hatte sie eine Dame, die sich beschwerte, dass ihr ein Mann vermittelt wurde, der viel kann, aber nicht Golfspielen. „Dann muss ich meine Kunden oft wieder auf den Boden der Realität holen und fragen: ,Suchen Sie einen Golfpartner oder einen Lebenspartner?‘“
Viel ist ihr schon untergekommen in den über 30 Jahren, in denen sie anderen zum Liebesglück verhelfen konnte. Sie habe eine hohe Trefferquote mit ihrem Gefühl für „die passen zsamm“. Den Beweis bekommt sie jedes Jahr zu Weihnachten, wenn Post von ehemaligen Klienten eintrudelt mit Hochzeits- oder Babyfotos. Einer schickte ihr das Wort „Danke“ in 100 Sprachen. Sie selbst, gesteht sie, hat ihren Traummann allerdings nicht in einer ihrer Schubladen gefunden, sondern noch viel „klassischer“: in der Disko.


Der Mann, der passen kann

Nach zwei Stunden der kurze, offizielle Teil: Ausweis herzeigen, Fragebogen ausfüllen, Vertrag unterzeichnen. Beim Fragebogen soll ich mich und meinen Traummann per Kästchenankreuzen definieren. Ja, sie hat auch eine Online-Kartei, damit sie den Überblick über 16.000 Kunden österreichweit behält. Aber eigentlich habe sie sowieso nach wenigen Gesprächsminuten schon einen Mann oder eine Frau für ihr Gegenüber im Kopf.
Echt? Und wen hat sie jetzt für mich im Kopf bzw. in der Lade? Doris Hackl lehnt sich zurück, lächelt siegessicher und rattert die Eckdaten aus dem Effeff herunter: Alleinerzieher, etwa zehn ­Jahre älter, ein ganz Lieber, fürsorglich, sensibel, lustig, bodenständig. Kein Angeber. Ein Akademiker. Geschieden – die Frau hat ihn wegen einem anderen verlassen, ist mit dem Neuen ins Ausland gezogen. Er lebt mit der Teenie-Tochter in der Stadt Salzburg. Seine freundlichen, sanften Augen hat sie noch vor sich. Und mit dem, was sie nun von mir weiß, wagt sie behaupten zu können, dass das passen könnte. Sie würde ihm noch am selben Tag Bescheid geben bzw. meinen Namen und Telefonnummer weitergeben, wenn ich das will.
Ja, ich will. Ich unterschreibe den Vertrag und Verhaltensregeln, wie etwa: „Zu einem persönlichen Treffen sind Sie verpflichtet, auch wenn der erste telefonische Kontakt nicht Ihren Vorstellungen entsprechen sollte. Erste Eindrücke können täuschen!“ Hackl erklärt außerdem, es gebe immer nur einen Vorschlag, nie mehrere auf einmal. Das sei das Dilemma von Online-Börsen, wo im Postfach „eh noch 10 andere warten“. Da gibt sich keiner mehr Mühe, jemanden wirklich kennen zu lernen.


Happy End?

Am gleichen Abend ruft Frau Hackl an. Sie habe eben mit meinem potenziellen Herzblatt telefoniert. Er sei sehr interessiert und ruft mich an. Im Geiste sehe ich mich schon die jährliche Dankes-Weihnachtspost an Frau Hackl verfassen.
Zwei Tage vergehen. ­Wahnsinnig eilig scheint es der Herr nicht zu haben. Dann ruft er doch an. Bereits nach fünf Minuten stellt sich heraus: Seine Ex ist Dauer-Thema. Treffen muss ich mich mit ihm dennoch – steht im Vertrag. Ich soll ihm ja eine Chance geben. Doch das Treffen ist so wie das Telefonat. Randvoll mit dem Thema „Ex“. Da helfen auch seine – ja, stimmt – sanften Augen nichts. Für meine interessiert er sich leider nicht. Die erste Karteikarte gleich der Herzbub? Wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Aber wahrscheinlich steckt mein Traumprinz noch in Frau Hackls Lade …

Bei Anni (31) und Jule (32) gibt es keine falschen Alters-Angaben oder Profilfotos. Im Gegenteil – so heißt die Online-Singleplattform der beiden Berlinerinnen.

Was bietet ihr, was andere Online-Singlebörsen nicht bieten?
Hochwertige Bilder, individuelle, objektive Porträt-Texte. Dafür besuchen wir „unsere“ Singles zu Hause. Wir nehmen uns Zeit und auch die Kunden müssen sich Zeit nehmen.
Mit der Idee liegt ihr im Trend ...
Offensichtlich haben wir den Zeitgeist getroffen. Obwohl wir Ende 2013 zeitgleich mit Tinder auf den Markt kamen, bei dem man im Sekundentakt über Profilfotos klickt und wo es eher um sexuelle Kontakte geht. Wir sind die Gegenbewegung. Bei uns sucht und findet man Langfristiges.
Und funktioniert es?
Bestens! Von den 2.000 Bewerbern haben wir bislang über 200 porträtiert und darunter fanden sich bereits 40 Pärchen.

Info: imgegenteil.de, Österreich-Start ist in Planung.


Zum Nachlesen

Der Berufsalltag einer Partnervermittlerin liefert Stoff für ganze Romane. Das beweist die Schweizer Kupplerin und Buchautorin Maria Klein.

Die Liebe findet jeden. Eine Partnervermittlerin erzählt. Von Maria Klein, erschienen beim Knaur-Verlag, 2010. € 9,20.

Weiblich, 40, Plötzlich Single. Meine Suche nach dem neuen Mann fürs Leben. Von Maria Klein, erschienen beim Knaur-Verlag, 2013. € 9,30.

 

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