Klassenkampf beim Elternabend

Wenn sich Mamas und Papas zur jährlichen Versammlung am Beginn eines Schul- oder Kindergartenjahres treffen, ist das ein Seelenstriptease.

Eigentlich war ich immer dagegen, die Menschheit in verschiedene Gruppen einzuteilen. Bei Sternzeichen zum Beispiel. Die ganze Menschheit in zwölf Typen kategorisieren? Okay, mit Aszendenten dann 144 Kategorien? Nein. Seit ich Papa von Kindergartenkindern – und neuerdings auch eines Schulkindes – bin, habe ich meine Meinung aber geändert. Ich behaupte mittler­weile, dass sich Eltern in drei Typen ein­teilen lassen – am besten erkennbar, wenn sie sich auf viel zu kleinen Stühlen zum Elternabend treffen.

Nehmen wir die schweigende Mehrheit einmal aus. Dann wären da erstens: die „Präsenz-Eltern“. In diese Kategorie fallen hauptsächlich Väter. Den größten Teil des Elternabends verbringen sie mit dem Smartphone – nicht provokativ für alle sichtbar, aber auch nicht so versteckt, dass es nicht jeder mitbekäme. Irgendwann kommt dann eine gut hörbare ­Zwischenfrage. Am Ende der Lehrerantwort schaut der Typ Präsenz-Papa schon wieder ins Handy. Die „Dienst-E-Mails“ darauf – vulgo Fußballergebnisse – sind dann doch wichtiger.

Die kleinste Gruppe sind meistens „die Engagierten“: im besten Fall Mamas und Papas, die sich als Elternvertreter opfern. Allerdings nicht zu verwechseln mit der dritten Gruppe, den „Pseudoengagierten“. Die haben wiederum – um Gottes willen – aber bitte wirklich nicht genug Zeit für so was. Nachfragen sind dafür ihre Spezialität. Wenn der Pädagoge dann eine eher knappe Antwort gibt, weil das Thema eigentlich schon hinlänglich erläutert ist, ortet dieser Typ gerne mangelndes Engagement oder gleich Lehrerfaulheit. Man wird ja wohl noch nachfragen dürfen, was der Nachwuchs an Dienstleistungen von der Schule angeboten bekommt! ­Meine Lieblingsmutter in dieser Kategorie hat bei uns heuer gefordert, Eltern sollen an Kindergarten­geburtstagen nur mehr gekaufte ­Mehlspeisen mitbringen dürfen. Sonst ließe sich nicht nachvollziehen, was in den Kuchen und Torten drinnen ist. Echt jetzt? Mit dem Argument?

Mein persönliches Highlight heuer war allerdings eine Mischung aus Typ 1 und 3, ein „pseudoengagierter Präsenz-Papa“. Mit dem Smartphone in der Hand Zwischenfragen stellend, hatte er am Ende des Abends eine Bitte an das pädagogische Dienstpersonal: Wenn sein Sohn plötzlich erkranke, möge man den Kleinen einfach weiterbetreuen und keinesfalls bei ihm anrufen. Er könne in seiner Arbeit nicht telefonieren und sowieso nicht weg – egal, wie es dem Spross gehe. Man möge ihm stattdessen – jetzt kommt’s – eine E-Mail-Nachricht schreiben.

Ich hoffe ja, der Mann ist Notarzt und rettet Leben, während sein Sohn krank im Kindergarten ist. Ich fürchte aber, er ist Astrologe und teilt die Menschheit in verschiedene Kategorien ein.

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