Klassenbildung: Wer von unserem Schulsystem zurückgelassen wird

Patric und David besuchen die gleiche Schulstufe, sie lernen beide gerne und sind motiviert. Für David war der coronabedingte Heimunterricht eine Umstellung – Patric stand kurz davor, alles hinzuschmeißen. Warum?

Klassenbildung

Diese Geschichte beginnt in Japan, 27 Kilometer entfernt von Steyr, mitten im oberösterreichischen Weyer. Patrics Idole tragen Namen wie Naruto, Sasuke und Itachi und stehen vor großen Entscheidungen: Rettest du deinen Clan, die eigene Familie – oder ein Dorf und seine 200 Bewohner*innen? Patric zieht die Luft ein. Der Held in seinem Anime, einer japanischen Zeichentrickserie, muss sich letztlich dafür entscheiden, seine gesamte Familie auszulöschen, um Schlimmeres zu verhindern. Nur seinen kleinen Bruder, so erzählt es Patric, lässt er am Leben. "Er hat es einfach nicht übers Herz gebracht, weil er ihn zu sehr liebte." Diese Geschichte handelt von Patric, dem großen Bruder; einem 16-jährigen Japan-Fan, der sich selbst "Otaku" nennt, alles an Japan mag – außer Sushi – und nichts mehr liebt als seinen kleinen Bruder Thomas.

Die Geschichte erzählt aber auch von David. Er wohnt 250 Kilometer weiter südwestlich, in den Ausläufern Innsbrucks. Sein Idol heißt Achraf, hat auf Instagram 85.000 Abonnent*innen und erlebt laut David "den übelsten Hype". Doch die Follower*innen, die Likes sind David egal: "Achraf hat einen Style, den hat nicht jeder." David ist 15 Jahre alt und ein Sneakerhead. Er sammelt Turnschuhe und trägt statt Skinny Jeans lieber kurze Trackpants, auch wenn das viele seiner Mitschüler*innen nicht verstehen. Er interessiert sich für Algorithmen und künstliche Intelligenz und ist so neugierig, dass er bei Nacht wach bleibt, um sich Doku um Doku anzuschauen.

David und Patric sind zwei der über 1,1 Millionen Schüler*innen, die von den coronabedingten Schulschließungen betroffen waren. Mitten in den Sommerferien führen sie zwei Journalistinnen durch leere Klassenräume und Schulhöfe – Patric an seiner HLW in Weyer, David an seiner HAK in Innsbruck. Als der Unterricht Mitte März in die österreichischen Haushalte verlegt wurde, wurde in Medien und Politik viel über Bildung diskutiert. Diese Geschichte könnte deshalb mit dem Lockdown beginnen. Doch sie beginnt schon davor. Die Coronakrise machte sichtbar, was Österreichs Bildungssystem seit Jahrzehnten kennzeichnet: Nicht alle Kinder haben dieselben Chancen.

Patric und David sind beinahe gleich alt, im Herbst werden sie beide mit der zehnten Schulstufe beginnen, sie lernen gerne und sind wissbegierig. David will in den USA künstliche Intelligenz studieren, Patric möchte in einem Waisenhaus arbeiten. Der Heimunterricht war für David eine Umstellung, für Patric bedeutete er fast den Schulabbruch. Wie kann das sein?

Schule für alle

Flink wandern Patrics Finger über die Tastatur – zwei braucht er, um zu schießen, einen, um über Hindernisse zu springen. Hier, am Computer im Klassenzimmer, spielt er mit Freunden in der Pause normalerweise ein Shootergame. Vor einem Monat hat Patric sein erstes Jahr an der HLW abgeschlossen, zuvor hatte er eine Neue Mittelschule (NMS) besucht. Die Oberstufe hat Patric mit einem Plan begonnen: Matura machen, danach die Ausbildung zum Sozialpädagogen. "Es ist wichtig, dass Kinder zu Erwachsenen werden, die wissen, was richtig ist, und nicht einen Scheiß auf alles geben", sagt er.

Mit zehn Jahren ist Patric von Rumänien nach Österreich gezogen. Seine Mutter arbeitet abends als Reinigungskraft in einer Bank, zweimal in der Woche steht sie tagsüber zusätzlich in einer Saftfabrik am Fließband. Um ihren Sohn beim Lernen zu unterstützen, fehlen Zeit und Deutschkenntnisse. "Meine Mutter frage ich nur, wenn sie etwas unterschreiben muss", sagt Patric. In seiner Familie wäre Patric der Erste mit Matura – in der Statistik ein Ausreißer.

Bereits 1918 leitete der Wiener Stadtschulrat Otto Glöckel eine Schulreform ein. Das Ziel: bestmögliche Bildung für alle. 2005 wurde dieses Bildungsziel in die Verfassung geschrieben – Schule soll für alle sein, unabhängig von Herkunft, sozialer Lage und finanziellem Hintergrund. Heute aber gibt es NMS und Gymnasium. Für Kinder bedeutet das: Schon im Alter von zehn Jahren werden zentrale Weichen für ihre Biografien gestellt. Kinder, die aufs Gymnasium gehen, studieren später eher an einer Universität; jene, die in die NMS gehen, sind häufig leistungsschwächere Schüler*innen und Kinder mit Migrationshintergrund.
In der Theorie ist unser Schulsystem durchlässig – wer eine NMS besucht, kann immer noch studieren. Tatsächlich ist es am Ende aber eine Trennung in die Guten und die nicht so Guten, in akademische und praktische Berufslaufbahnen. 60 Prozent der Kinder von Führungskräften werden auch Manager*innen. Für Kinder wie Patric, deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben, bedeutet die Statistik: Lediglich 17 Prozent von ihnen werden maturieren.

Ich will wissen: Wie funktioniert der Markt? Wie zahle ich Steuern?

von David (HAK in Innsbruck)
David, 15 Jahre

Eltern als Ressource

Auf dem Schulhof in Innsbruck wischt David über bunte Graphen auf seinem Smartphone: "Das ist wie eine Börse. Da sehe ich, um wie viel welcher Schuh verkauft worden ist." Bis vor einem Jahr hat David ein Gymnasium besucht. Nach der Unterstufe wechselte er in eine HAK. Er sagt: "Ich will nicht wissen, was die Wurzel von irgendwas ist. Ich will wissen: Wie funktioniert der Markt? Wie zahle ich Steuern?" Seit einem Jahr verkauft David Sneakers über Instagram, Kleiderkreisel oder WhatsApp. Auf Websites und Apps sucht er nach besonders seltenen Modellen, um sie dann zu einem höheren Preis zu verkaufen. Das Geld dafür verdient er in den Winterferien als Skilehrer. Wie sein Vater will er später studieren und Unternehmer werden. Wenn er über den Resellmarkt, Sneakerkurse und Wertsteigerung spricht, dann tut er das so schnell und detailliert, dass man ohne Fachkenntnisse nur schwer folgen kann.

Davids Eltern haben ihn bei seiner Schulwahl beraten, sie haben gemeinsam überlegt, wo seine Interessen und Fähigkeiten liegen, und die Schule danach ausgesucht. David ist ein vifer Bursche, Schulsachen erledigt er meistens alleine. Als er seine Aufgaben während der Schulschließungen zu Hause machen musste, fiel ihm das leicht. "In der Schule rechnen wir in Mathe in einer Stunde drei Beispiele. Alleine schaffe ich das oft schneller", sagt er. Nur manchmal, wenn er doch Unterstützung braucht, hilft ihm seine Mutter.

Auf sich allein gestellt

Knapp ein Drittel aller Schüler*innen braucht Hilfe beim Lernen. In 83 Prozent der Fälle sind es die Mütter, die mit den Kindern die Hausübung machen und den Unterrichtsstoff wieder­holen. Dort, wo niemand mit Kindern lernt, plant und sie motiviert, bleiben sie zurück.Fast zwölf Wochen zu Hause zu lernen hat ­Patric ­verzweifeln lassen. Aufgaben gab es reichlich. Seine LehrerInnen schickten fast täglich Arbeitsblätter und Übungsunterlagen. Aber über Monate war niemand da, der ihn unterstützte. "Nach der ersten Woche Homeschooling konnte ich schon nicht mehr", sagt Patric.

Auch Patric ist neugierig und klug. Aus Animes weiß er, was auf Japanisch "Mädchen" und "Guten ­Morgen!" heißt und wann in Japan die Kirschbäume blühen. Wenn er seine Held*innen auf ihren Abenteuern begleitet, merkt er sich die kompliziertesten Ortsnamen. Bei Schulaufgaben kommt er über die Angaben auf Deutsch oft nicht hinaus. "Wenn ich da schon eine halbe Stunde überlegen muss, bekomme ich Kopfschmerzen", sagt er. Bis Schulschluss gibt Patric deshalb fast keine Aufgaben ab. Nur mit der Hilfe einer engagierten Lehrerin konnte er das Schuljahr doch noch positiv abschließen. "Ich bin froh, dass ich es geschafft habe", sagt Patric nüchtern. Nun, in der zweiten Ferienwoche, langweilt er sich bereits. Die Reise nach Rumänien zu seinen Verwandten und Freund*innen fällt heuer aus, genauso wie vergangenes Jahr. "Ich habe jetzt praktisch nichts zu tun", sagt Patric.

Meine Mutter frage ich nur, wenn sie etwas unterschreiben muss.

von Patric (HLW in Weyer)
Patric, 16 Jahre

Ausspannen und Verreisen bedeuten auch, zusätzliches Wissen zu erwerben. Lange Ferien, in denen manche Kinder in Museen gehen, auf Urlaub oder Sprachreise fahren, und andere nicht, sind deshalb ein Katalysator für Chancenungleichheit. Besonders für benachteiligte Kinder hat die unterrichtsfreie Zeit negative Effekte, die sich Jahr für Jahr zu Semesterbeginn zeigen. Denn auch wenn Kinder das Schuljahr mit unterschiedlichem Wissensstand, verschiedenen Kompetenzen und Fähigkeiten beginnen, verläuft ihre Lernentwicklung während der Unterrichtsmonate fast parallel. In den Ferien hingegen geht die Leistungs­schere auseinander. Schüler*innen aus Familien mit geringem sozioökonomischem Status verlieren über die Ferien mehr Wissen als ihre KollegInnen aus Elternhäusern mit höherem sozioökonomischem Status. Auch aus Davids Tenniscamp in den Osterferien wurde heuer nichts. So wie jedes Jahr wird er aber nach Kroatien auf Urlaub fahren.

Das Problem beginnt aber nicht bei großen Auslands­reisen und aufwendigen Freizeitaktivitäten. Es beginnt im Alltag: Bis vor Kurzem hat David dreimal in der Woche Tennis in einem Verein gespielt. An Ferientagen trifft er Freund*innen bei Subway oder zum Sushiessen. Heute hat seine Oma für ihn gekocht. David muss los; von der Schule fährt er mit dem Moped zu ihr.

Bei Patric passiert in den Ferien nicht viel. Zu seinem Geburtstag Anfang Juli hat er von einer Freundin ein japanisches Comicbuch geschenkt bekommen. Das Manga, wie Otakus dazu sagen, hat er in zwei Tagen ausgelesen. Nun sitzt er wieder vor dem Handy und wartet auf WhatsApp-Nachrichten seiner Freund*innen. Irgendwann, sagt Patric, möchte er eine ganze Sammlung an Mangas haben. "Aber sie sind unglaublich teuer, sechs Euro das Stück." Auf Urlaub war Patric noch nie, ins Kino oder Schwimmbad geht er nur selten. "Am liebsten würde ich einmal Lasertag spielen", sagt er. Sein Geld spart Patric aber für einen Computer.

Wissenschaftler*innen beschäftigen sich schon lange damit, welche Auswirkungen das österreichische Bildungssystem auf Kinder und Jugendliche und die Gesellschaft als Ganzes hat: Bereits vor der Coronakrise sahen Expert*innen laut dem aktuellen Natio­nalen Bildungsbericht einen großen Handlungsbedarf bei "Chancengleichheit und Diversität". Ihr Befund reiht sich in die Erkenntnis unzähliger Studien ein: Die frühe schulische Auslese verstärkt die Benachteiligung zahlreicher Schüler*nnen. Wer an einer Hochschule oder Universität studiert hat, verdient später fast doppelt so viel wie jemand mit Pflichtschulabschluss. Ungleichheit endet nicht bei Bildung, sondern ist einer ihrer Ursprünge: In Österreich verdienen die Nachkommen von Familien, die zu den zehn Prozent mit den niedrigsten Einkommen zählten, erst nach fünf Generationen das Durchschnittseinkommen.

Patric weiß das alles nicht. Aber er weiß, dass es für ihn nicht einfach wird. Trotzdem will er maturieren. Für die Zeit nach der Schule hat er sich einen Plan zurechtgelegt: Sobald er mit der Ausbildung zum Sozialpädagogen beginnt, wird er sich einen Nebenjob suchen. Am liebsten etwas, so sagt er, bei dem er viel mit Menschen zu tun hat: "Bevor ich in einem Waisenhaus arbeite, will ich lernen, Menschen einzuschätzen." Wie auch heute wird er aber versuchen, spätestens um 17 Uhr zu Hause zu sein. Dann muss seine Mutter zum Bus, um zu ihrem zweiten Job zu fahren – und Patric passt auf seinen kleinen Bruder auf.

Reinhören! Wie Patric die Schulschließungen erlebt und deshalb beinahe die Schule abgebrochen hat, erzählt er in einer Sonderfolge des WIENERIN-Podcasts – HIER!

 

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