Kinofilm "Beautiful Boy": Gegen Drogen ist niemand immun

In den USA sterben 2019 täglich 200 Menschen an einer Überdosis. Der Film „Beautiful Boy“ trifft den Nerv der Zeit und spiegelt den verzweifelten Kampf von David Sheff (Steve Carell) um das Leben seines drogensüchtigen Teenagersohnes Nic (Timothée Chalamet).

Mit ihren aufwühlenden Biografien Beautiful Boy: A Father’s Journey Through His Son’s Addiction und Tweak: Growing up on Methamphetamines haben der Autor und JournalistDavid Sheff (63) und sein ehemals suchtkranker Sohn Nic (36) einer ganzen Nation die Augen über Drogensucht bei Teenagern geöffnet und eine Welle des Mitgefühls und des Verständnisses ausgelöst.

Der belgische Regisseur Felix Van Groeningen vereint im Film „Beautiful Boy“ (Filmstart: 25.01.2019, mit Hollywood-Stars Timothée Chalamet und Steve Carrell in den Hauptrollen) die unterschiedlichen Perspektiven von Vater und Sohn zu einem berührenden Meisterwerk. WIENERIN sprach hintereinander mit David und Nic.

Beautiful Boy -Trailer

"Der Film bringt Familien Suchtkranker dazu, sich nach Jahrzehnten miteinander zu versöhnen."

von David Sheff, Journalist, Bestsellerautor und Vater

WIENERIN:Bekommen Sie manchmal den Satz zu hören „mit einer Geschichte über Drogensucht bei Teenagern will ich mich erst gar nicht auseinander setzen“?

David Sheff: Natürlich! Manche Leute wollen etwas so Schmerzhaftes nicht einmal in Gedanken durchleben. Interessant ist, welche Reaktionen der Film auslöst und wie tief der Film Menschen auf eine sehr persönliche Weise berührt: Der Film bringt Familien Suchtkranker dazu, sich nach Jahrzehnten miteinander zu versöhnen. Ein Tablettensüchtiges Mädchen hat mir gerade geschrieben, dass sie sich endlich dazu durchringen konnte, eine Therapie zu beginnen, nachdem sie den Film gesehen hatte. Das sind die wundervollen Dinge, die dieser Film auslöst.

WIENERIN: Ihr Buch „Beautiful Boy: A Father’s Journey Through His Son’s Addiction“ haben Sie bereits vor über 10 Jahren geschrieben, ihr Sohn Nic ist 2009 mit seinem Buch "Tweak" herausgekommen. Seit diesem Zeitpunkt sind Sie beide sprichwörtlich „auf einer Mission“. Es geht nicht mehr nur um eine in einer Autobiografie festgehaltene Message über die Gefahren von Drogenkonsum, sondern um einen aufklärerischen Kampf gegen Drogenmissbrauch. Sie sind sozusagen schon „einen Schritt weiter“.

David Sheff: Besser könnte ich es auch nicht sagen. Wir arbeiten immer noch die Reaktionen auf, die die Bücher ausgelöst haben. Offensichtlich haben wir einen Nerv getroffen und ausgesprochen, wofür sich die Leute geschämt haben und was sie versteckt hielten. Als aber die Bücher rausgekommen sind, haben Betroffene begonnen, uns ganz offen ihre Geschichten zu erzählen. Vor zehn Jahren sind in den USA 35.000 Menschen an einer Überdosis gestorben. Damals habe ich mir noch gedacht, das ist grauenvoll, man muss das ändern. Aber das Problem hat sich nur noch mehr verschlimmert. Letztes Jahr sind in den USA 72.000 Menschen an einer Überdosis gestorben, die meisten davon junge Leute. 200 Menschen sterben täglich (in Österreich 2016: 165 Drogentote jährlich laut European Drug Report 2018, siehe unten) an einer Überdosis. Die Frage, ob wir Aufklärung betreiben sollen, stellt sich also gar nicht erst. Wir hatten das Riesenglück, dass mein Sohn Nic überlebt hat. Nicht alle Eltern können das sagen.

„Junge Menschen nehmen Drogen, um damit alles Negative ‚wegzublasen‘.“

von Nic Sheff, Autor & ehemaliger Suchtkranker
Timothée Chalamet in "Beautiful Boy"

WIENERIN: Kann ein Film wie „Beautiful Boy“ einen Beitrag dazu leisten, dass wir Drogensucht aus einer anderen Perspektive betrachten?

David Sheff: Auf jeden Fall. In der Vergangenheit haben wir Suchtkranke als Schwächlinge betrachtet, denen es einfach nur an Willensstärke fehlt. Heute wissen wir, dass Suchtkranke eine psychische Erkrankung haben. Deswegen müssen wir anders und mit viel mehr Verständnis auf Suchtkranke zugehen und ihnen die richtige medizinische Hilfe zukommen lassen, statt sie zu verurteilen und von uns zu stoßen.

WIENERIN: Ist „Drogensucht bei Teenagern“ ein amerikanisches Problem oder ist die ganze Welt davon betroffen?

David Sheff: Drogensucht bei Teenagern und der Tod durch eine Überdosis ist definitiv ein globales Phänomen. Welche Drogen konsumiert werden, ist allerdings ortsabhängig. Das Problem wächst überall. Europa wird gerade von einer Welle von Methamphetamine-Konsum durchschwemmt. Was dann kommt, kann man nicht sagen: Kokain-Konsum oder der Konsum von Fentanylderivaten (synthetische Opioide). Fentanyl ist weltweit der größte Killer unter den Rauschmitteln. Bei Fentanyl gibt es sogar noch mehr Stigma, die Leute reden noch weniger darüber und auch die Behandlung ist schlechter. Aber so allgemein kann man das auch nicht sagen. An manchen Orten ist man progressiver und offener und hat eine anspruchsvolle Haltung in Bezug auf das Suchtproblem: Süchtige werde als Suchtkranke oder Menschen mit einer Krankheit wahrgenommen, nicht verurteilt und bekommen Hilfe.

WIENERIN: "Beautiful Boy" ist nicht nur eine wahre Geschichte über Drogenmissbrauch, sondern auch eine Geschichte über eine Vater-Sohn-Beziehung. Ihr Sohn Nic schreibt, dass er bereits mit elf betrunken war und Cannabis konsumiert hat. Wie konnten Sie das damals übersehen?

David Sheff: Ich dachte damals, dass ich wüsste, was sich im Leben meines Sohnes abspielt. Kinder sind ziemlich gut darin, Dinge vor ihren Eltern geheim zu halten. Mir ist es erst aufgefallen, als es alles um ihn herum, beeinflusst hat: sein Verhalten, seine Leistungen in der Schule, er wirkte depressiv und distanziert, er ist plötzlich mit ganz anderen Kindern abgehangen. Sogar als ich Cannabis in seinen Sachen gefunden habe und seine Lehrer diesbezüglich befragt habe, hat man mich nur mit folgenden Worten beruhigt: „Kinder wollen in diesem Alter gern experimentieren. Lassen Sie ihn einfach! Das ist eine Phase!“. Ich weiß nicht, wie man das in Österreich handhabt, aber ich habe gehört, dass man in Europa noch liberaler ist als in den USA und dass Kinder schon mal einen Schluck Wein oder Bier probieren dürfen, wenn sie noch ziemlich jung sind. Keiner sieht darin ein Problem, solange das Kind kein Alkoholiker wird.

WIENERIN:Sie halten gemeinsam Vorträge an Schulen, um über die Gefahren von Drogenkonsum aufzuklären. Ihr und Nics neues Buch High: Everything You Want to Know About Drugs, Alcohol and Addiction wendet sich direkt an 8 bis 13-Jährige. Was machen Sie anders?

David Sheff: Wir konfrontieren die jungen Leute mit wissenschaftlichen Fakten. Wir liefern die Informationen, aber verurteilen nicht. Wir zeigen auf, wie sich die Informationsverarbeitungsprozesse im Gehirn verändern, wenn man Drogen nimmt. Wir sagen den Kids „Hey, es ist eure Entscheidung, ob ihr Drogen nehmt, aber, wenn ihr das tut, sieht euer Gehirn bald so aus.“

Suchtproblematik in Österreich 2018

WIENERIN: Nic, kannst du als ,Survivor‘, also jemand der die Sucht überwunden hat, Kinder, die Drogen konsumieren, eher davon überzeugen, die Finger davon zu lassen?

Nic Sheff: Ich hoffe es jedenfalls. Ich kann mich in ihre Situation gut hineinversetzten. Schließlich habe ich selbst mit 11 begonnen Drogen zu nehmen. Hätte mir damals jemand erklärt, wie Drogen dein Hirn zerfressen, hätte es mir wahrscheinlich geholfen, die Finger davon zu lassen.

WIENERIN: Warum?

Nic Sheff: Ehrlichkeit reicht manchmal aus, um anderen die Augen zu öffnen. Es hilft anderen, aus meinem Mund zu hören, wie es damals für mich gewesen ist. Wer ganz früh Hilfe bekommt, kann es schaffen, „clean“ zu bleiben. Mein „Pate“ (Anmerkung: Entzugshelfer) in der Entzugsklink hat es geschafft, mit 17 von den Drogen wegzukommen, heute ist er 40 und noch immer „clean“. Ich glaube ehrlich daran, dass man den Teenagern helfen kann, einerseits die richtigen Fakten über Drogenkonsum zu bekommen und andererseits sie dabei unterstützen kann, sofort die richtige Hilfe zu bekommen, die sie brauchen.

Vater David (Steve Carell, r.) und Sohn Nic Sheff (Timothée Chalamet, l.)

WIENERIN:Im Gegensatz zu der Art von Drogenaufklärung, wie sie früher üblich war, nämlich einfach nur zu sagen: „Drogen sind schlecht!“ versuchst du mit deinem Vater David bei eurer Aufklärungskampagne, die Kids mit Mix aus Faktenwissen und Erfahrungsbericht aus erster Hand zu konfrontieren, richtig?

Nic Sheff: Genau. Es geht auch darum jungen Leuten die Gefühle zu sprechen, die mit Drogenkonsum assoziiert werden. Ich habe Drogen genommen, weil ich mich in meiner eigenen Haut nicht wohl gefühlt habe, ich war unsicher. Erst wenn ich Gras geraucht oder etwas getrunken habe, war ich in der Lage überhaupt am sozialen Leben teilzunehmen. Es hilft anderen Menschen, wenn ich diese Erfahrung mit ihnen teile, wenn sie aus meinem Mund hören, wie es damals für mich gewesen ist. Das ist nichts was man sonst zu hören bekommt, wenn es um Drogenaufklärung geht.

 

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