Kind & Computer

Kind und Computer: Steter Konflikt im Minenfeld pädagogischer Weltanschauungen. Lernen Kinder hier Schlüsselqualifikationen für ihr künftiges Leben - oder werden sie zu verwöhnten Fratzen mit Tunnelblick? Wir haben bei Lernspiel-Experten Ralph Möllers nachgefragt.

Kinder werden heute immer früher mit Computern/Tablets/Smartphones konfrontiert und tun sich auch sehr leicht mit dem Umgang - aber gibt es da ein "zu früh"?

Ralph Möllers: Es gibt kein "zu früh" dafür, die Welt zu entdecken. Und Computer gehören genauso zur Welt wie Stofftiere. Es gibt sicher ein "zuviel"! Und es gibt falsche Erwartungen und falsche Ängste bei den Eltern. Regelmäßig schwappt aus den USA und mehr und mehr auch aus Asien so ein Blödsinn wie "Baby Einstein" zu uns herüber. Als könne man schon seinen Säugling mit Lernsoftware "schulen". Das ist sicherlich Nonsense.

Ab welchem Alter wäre es denn sinnvoll, Kinder an "neue Medien" heranzuführen?

Kinder unter 3 Jahren können nur sehr begrenzt von einem Bildschirm lernen, für sie ist das reale Erlebnis viel wichtiger. Aber Kleinkinder ab 3 Jahren werden auch nicht vom "bösen Bildschirm" geschädigt. Das Spiel mit Farben, Formen, Interaktionen in einer pädagogisch verantwortungsvoll umgesetzt Spielsoftware für Kinder ist anregend und kann durchaus entwicklungspsychologisch sinnvoll sein: Logisches denken, Problemlösen, Feinmotorik .... all das kann auch mit dem sinnvollen Einsatz des PC/Tablets gefördert werden. Eine Verteufelung des Computers und die Weigerung seinem Kind Zugang zu dieser wichtigen Kulturtechnik zu gewähren, ist aus meiner Sicht borniert...

Werden Bilderbücher am iPad oder eBook Reader das klassische Kinderbuch in Zukunft ersetzen? Geht uns da eine Kulturtechnik verloren?

Nein! Auch unsere Kinder werden ihren Enkeln aus gedruckten Büchern vorlesen und die Kinder werden es lieben! Sie erinnern sich sich sicher alle an das Theater, das komplett vom Film ersetzt wurde, der schließlich zu 100% dem Fernsehen Platz machen, das schließlich vollständig vom Internet verdrängt wurde .... Medien, die an eine bestimmt Nutzungssituation perfekt angepasst sind, verschwinden nicht, sie teilen nur den Platz mit anderen. Das Fachbuch wird vermutlich fast ganz verschwinden, das Kinderbuch niemals. Und die "Kulturtechnik", um die es hier geht ist das Lesen und das wird durch die Allgegenwärtig der elektronischen Medien gerade stärker gefördert als jemals zuvor.

Auf was muss ich achten, wenn ich meinem Kind ein Lernspiel kaufe?

Kaufen Sie ihrem Kind kein Kriegsspielzeug und keinen sexistischen Dreck! Jeder, der sich für das interessiert, was sein Kind egal auf welche Weise konsumiert, erkennt ein gutes, liebevoll gemachtes Produkt. (Ausnahme sind vielleicht Lebensmittel, bei denen wir offenbar systematisch in die Irre geführt werden.) Schauen Sie sich die Website des Entwicklers bzw. Verlags an, sie werden sofort merken, ob diese Firma sich für Kinder oder ausschließlich für Umsatz interessiert.

Ralph Möllers studierte evangelische Theologie und Germanistik. Seit 1988 arbeitet er im Verlagswesen. 1997 gründete er gemeinsam mit seiner Frau Iris Bellinghausen den Müncher Verlag Terzio, der Bücher, CDs und Software für Kinder herausbringt und mittlerweile als deutscher Marktführer im Segment Kindersoftware gilt.
2012 wurde der Terzio von Carlsen übernommen, wird aber als als eigenes Imprint unter der Leitung von Möllers und Bellinghausen weitergeführt.

Kleine Kinder können ja Handlungsanweisungen noch nicht lesen - wie kann ich ein Spiel so gestalten, dass sich auch ein Vorschul-Kind darin zurecht findet?

Ralph Möllers: Ein gutes Spiel für Vorschulkinder kommt ohne schriftliche Anweisungen aus und ist intuitiv zu bedienen. Kinder haben die "Grammatik" der interaktiven Medien eigentlich immer schneller begiffen als Erwachsene, weil sie damit aufwachsen und es Ihnen nicht fremd erscheint, mit der Maus zu klicken oder den Fingern zu "wischen".

Das heißt, ich kann mein Kind alleine spielen lassen - oder muss ich dabei sitzen bleiben?

Eltern sollten in der Tat sooft wie möglich dabei sein wenn ihr Kind mit dem PC spielt, es ist aber ganz sicher nicht notwendig, um Schaden vom Kind abzuwenden. Es ist einfach besser, mit jemandem zusammen zu spielen als allein. Schließlich will das Kind seine Erfolge ja sofort vorzeigen können.
Gute Spiele belohnen Kinder für ihre Leistungen und fordern sie gleichzeitig heraus. Ein Spiel, das jede Aktion mit einem albern "Toll! Du hast auf den XY geklickt" quittiert ist genauso sinnlos wie ein frustrierend schwieriges Spiel. Ein gutes Spiel sieht übrigens auch gut aus!

Es gibt unendlich viele (unterschiedliche) Empfehlungen, die Computerzeit von Kindern zu begrenzen... sinnvoll?

Absolut! Man kann sicher keine allgemeingültigen Empfehlungen geben, aber eine ausgewogene Mischung aus Atomen und Bytes, ist sicher wichtig für die Entwicklung eines Kindes. Ein richtiger Ball, eine richtige Puppe, ein richtiges Spielzeugauto ist und bleibt viel wichtiger als jede Bildschirmdarstellung.

Stichwort: Game-based Learning in der Schule? Zumindest in Österreich hat sich das noch nicht wirklich durchgesetzt. Ist Deutschland da progressiver?

Nein, Deutschland tut nur progressiver. Aber es ist offensichtlich, dass es Bereiche gibt, in denen Kinder und Jugendliche wesentlich besser mit spielerischen Ansätze lernen. Simulationen sind zum Beispiel so ein Bereich. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Kinder in der Schule mit Wirtschaftsimulationen spielerisch die wirtschaftlichen Zusammenhänge erlernen würden. Das gilt auch für viele naturwissenschaftliche Themen. Und ein Schul"buch", das mir unmittelbares Feedback und zusätzlich spielerische Herausforderungen gibt, ist einem traditionellen Buch weit überlegen.

Lernen in Computerspielen basiert auf "Instant-Gratification". Pädagogisch ist das gut und sinnvoll. Gleichzeitig beschreiben Erziehungsratgeber, dass Kinder das Warten und "Geduld haben" zusehens verlernen. Sie wollen alle Belohnungen sofort, können sich nicht gedulden... Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Nein! Früher hieß das "Verwöhnen" und war auch keine gute Idee. Genau aus dem Grund ist ja eine Mischung aus wirklicher und virtueller Welt so wichtig. Beide Welten haben unterschiedliche Belohnungssysteme .... zum Glück! .... oder .... Leider!

 

Aktuell