Kids of the Diaspora: "Unsere Kollektion wird wie ein Schutzschild getragen"

Mode mit Message ist gefragt - gerade jetzt mehr denn je. Leni Charles und Cherrelle, die Frauen hinter dem Wiener Modelabel Kids of the Diaspora, wollen Inklusion und Integrität tragbar machen. Wir haben mit ihnen darüber gesprochen, warum und wie sie das tun.

KOTD Bloodline Collection

Dass ihre T-Shirts und Hoodies weit über Wien hinaus zu einem Must-have wurden, war eigentlich gar nicht geplant. Vielmehr war es Cherrelle und Leni Charles' Wunsch, mit Kids of the Diaspora Menschen eine (digitale) Plattform zu bieten, die wie die Schwestern selbst bohrende Fragen nach der eigenen, vermeintlich fremden, Herkunft satt hatten. Ihre Idee stieß auf Resonanz, aus KOTD wurde eine Bewegung, ästhetisch ansprechende Streetwear ihr modisches Sprachrohr. An ihrer Botschaft änderte sich dennoch nichts. "Wir wollen das Konzept von Minderheiten dekonstruieren", sagen die Designerinnen. Viel wichtiger als optische Kriterien sei es ihnen, Kleidung zu machen, die etwas ausdrücken will - und die damit in Zeiten der Krise relevanter denn je zu sein scheint.

WIENERIN: Wie kam's zur Gründung eures Streetwear-Labels?

Cherrelle und Leni Charles: Die Idee zu Kids of the Diaspora gab es lange bevor Leni das erste Shirt entworfen hat. Alles ist aus dem Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit im Kindesalter entstanden. Das Shirt war an sich ein Kunstprojekt und gar nicht zum Verkauf gedacht, aber ist so gut angekommen, dass wir’s dann doch zugänglich machen wollten. Auf der Suche nach Zugehörigkeit stößt man oft auf Ablehnung und das macht etwas mit einem. Man setzt sich immer ein Stück mehr mit der eigenen Identität auseinander. Den Namen Kids of the Diaspora haben wir genau aus diesem Gefühl heraus eigentlich ganz intuitiv gewählt.

Eure Designs haben eine wuchtige, plakative, für manche vielleicht sogar irritierende Ästhetik. Ich denke etwa an die Frakturschrift in eurem Logo. Warum habt ihr euch für diese Stilistik entschieden?

Wichtig ist uns, dass die Mode die Message von Kids of the Diaspora empowernd transportiert, dafür haben wir bewusst die Frakturschrift gewählt. Sie ist markant, historisch behaftet und gleichzeitig in Subkulturen von Minderheiten immer wieder neu interpretiert worden, und sie hat so viel Ausdruck und auch etwas Mystisches. Wir wollten eine Kollektion kreieren, über die man wie ein Bild im Museum reflektieren kann.

Was kann oder soll eure Mode bewirken?

Im Wandel der Zeit haben Moden immer schon die Gesellschaft und wie es ihr so geht widergespiegelt. Und wie es der Gesellschaft geht, steht immer in direkter Verbindung zur vorherrschenden Politik. Unsere Kollektion spiegelt wider, wie wir uns hier und jetzt fühlen. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, mehr Awareness für die Gefühlswelt unserer (inneren) Kinder zu schaffen.

Man findet Kids of the Diaspora nicht nur als Kleidungsstück in unserem Onlineshop, sondern auch als Visual Poem im Museum (Seattle Popculture Museum) oder als Casting Agency für heimische Filme oder als Kreativagentur für Kulturvereine und/oder Künstler*innen. Wir wollen dafür sorgen, dass Kulturen in den Medien respektvoll und fair repräsentiert werden.

Uns erreicht vor allem Dankbarkeit dafür, dass wir verstehen, wie es den Kids geht.

von Leni und Cherrelle Charles

Wie reagieren die Menschen auf eure Arbeit?

Uns erreicht vor allem Dankbarkeit dafür, dass wir verstehen, wie es den Kids geht. Sie sind dankbar dafür, dass sie sich uns nicht erklären müssen und dafür, dass wir ihre Gefühle, ihr Verhalten, ihre Reaktionen auf gewisse Themen nie verurteilen. Viele berichten uns, dass sie die Kollektion wie ein Schutzschild tragen, andere tragen sie zum Ausdruck ihrer Seele. Wir empfinden vor allem das Ambassador-Shirt wie eine Peace Flag.

Die Corona-Krise stellt auch für die Kreativbranche gerade vieles auf den Kopf. Wie nehmt ihr die Situation wahr?

Was aktuell in der Welt passiert, müssen wir auch erst mal verarbeiten, bevor wir sagen können, was es mit uns, unserer Arbeit, unserem Leben und dem der anderen macht. Aber wir können eine Vermutung anstellen, dass uns eine überstandene Krise näher zusammenbringt. Wir fühlen uns unseren Mitmenschen verbundener denn je und sind vor allem den neuen Held*innen des Landes unendlich dankbar – euch gehört ein Orden! Obwohl uns der aktuelle Verhaltenskodex Trennung – sogar von unseren Nächsten – vorschreibt, stecken wir da alle gleich mit drin. In diesem Sinne passt unsere Message: "We are closer to each other than we think. We are one." Und mit Rücksicht aufeinander schaffen wir das.

Der Begriff Diaspora geht auf das griechische Wort für Zerstreuung zurück. Er bezeichnet religiöse, kulturelle, nationale und ethnische Gemeinschaften in der Fremde. Die aus dem niederösterreichischen Leopoldsdorf stammenden Schwestern Leni und Cherrelle Charles wählten diesen Begriff, um aus ihm eine modische Bewegung zu machen: Kids of the Diaspora ist Fashionlabel, Kreativagentur und Kulturplattform in einem. Ziel des Projekts ist es, das Konzept von Minderheiten aufzulösen und einen (modischen) Raum zu schaffen, in dem Gemeinschaft ebenso wichtig ist wie individuelle Entfaltung.

 

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