"Kein Sex in der Beziehung ist immer ein Kompromiss"

Psychotherapeut Uwe Hartmann (MHH Hannover) über die Frage, wie viel Sex denn nun „normal“ ist.

Psychotherapeut Uwe Hartmann (MHH Hannover) über die Frage, wie viel Sex denn nun „normal“ ist.

Dr. Hartmann, kann man auch ganz ohne Sex ein gutes Paarleben führen?

Ich habe einmal für eine Studie über „Josefsehen" Teilnehmer gesucht, aber praktisch keine gefunden. Bei den wenigen, die sich fanden, sagte mindestens einer von beiden, dass er den Sex vermisst. Ich denke, „kein Sex" in der Beziehung ist immer ein Kompromiss.

Viele Menschen lassen sich von Statistiken unter Druck setzen, wie häufig man es miteinander treiben müsse ...

Ich fokussiere mehr auf Qualität als auf Quantität. Wenn ein Paar voll im Beruf steht und Kinder hat, vielleicht ein Haus baut und nur einmal im Monat Sex hat, aber der ist richtig klasse - wo ist das Problem? Heute konkurriert Sex eben mit vielen Zerstreuungen, wie den neuen Kommunikationsmitteln.

Aber was, wenn der Sex selten und schlecht ist?

Für erregenden, befriedigenden Sex muss man sich ein wenig anstrengen. Sehen Sie Sex als Investment! Klar hat jedes Paar ein Sexrepertoire, das es abspult. Aber das ganz große Geheimnis ist die eigene Entwicklung. (Guter) Sex lebt aus Spannung, Weiterentwicklung, Neuland und fällt nicht bloß vom Himmel.

Langzeitpaare sagen oft, dass sie weniger Sex haben. Ist das eh okay?

Es ist der Standardfall, dass Sexualität mit der Zeit weniger erregend wird. Was nicht schlimm ist, aber Sie können es wie gesagt ändern. Für mich sind übrigens die Sicherheit und Zufriedenheit, die man als Paar erlebt, kein Widerspruch zu erfüllender Erotik. Das geht! Wer glaubt, zu wenig Sex zu haben, dem rate ich zu gestalteter Sexualität: Dazu gehört erst mal, dass man Sex wichtig findet. Und dann muss man sich Zeit dafür reservieren. Das Tolle ist: Je mehr Sie Sex planen, desto häufiger kommt er dann auch unerwartet. Weil Sie wieder eine Gewinnerwartung haben.

Geplanter Sex klingt nach Arbeit... nicht gerade romantisch.

Das kann man ein bisschen traurig finden - aber was man am Ende zurückbekommt, was man als Benefit zurückbekommt, macht die Arbeit wett! Es geht um diese Erfahrung, die uns Sexualität ermöglicht: Erregung, Intimität und gleichzeitig die Verbindung zu einem Menschen! Also: „Ich bin richtig scharf und bin Dir richtig nah, ich meine Dich" - wenn das hinhaut, macht es doch nichts, wenn man den Sex geplant hat. Sex tut uns nun einmal gut. Eben nicht nur, weil er uns die sexuellen Lusterfahrung gibt, sondern auch, weil wir damit die Verbindung zum anderen ausdrücken. Das ist etwas Besonderes.

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Meist liest man ja über Frauen, die über verminderte Lust klagen. Erleben Sie das in Ihren Beratungen auch?

Studien zeigen: 10 bis 20 Prozent der Männer haben wenig Lust auf Sex. Etwa jeder fünfte, sechste, siebte Mann entspricht also nicht dem "klassischen" Männerbild. Die Gründe? Sind ähnlich wie bei Frauen: Überlastung, sexuelles Burnout, große Ansprüche an sich selber haben - nach dem Motto: „Er muss doch noch so hart werden können wie damals mit 21". Und: Männer reden nicht drüber. Wenn dann auch noch Krankheiten dazu kommen, wie Übergewicht oder ein hormonelles Ungleichgewicht, dann ist das ein schwieriges Konglomerat. Manchmal gibt es auch Männer, die gar keinen Draht zu Sex haben. Und das sind gar nicht so wenige.

Ist in unserer Gesellschaft zu viel Sex um uns herum?

Was etwa im Internet für viele sexuelle Reize herumschwirren, das hat es in der Menschheitsgeschichte noch nie gegeben. Aber die Einflüsse dessen kennen wir noch nicht genau: Ob es etwa bedeutet, dass wir weniger Lust auf Sex mit echten Partnern haben und den virtuellen Sex bevorzugen. Was aber nach wie vor nicht viel anders ist als früher: Dass die Schere zwischen der Gesellschaft und dem Schlafzimmer immer noch weit auseinander ist. So sehr Thema Sex um uns herum offenbar Thema ist, so wenig tauschen sich die Paare selbst darüber aus. Da hat sich wenig geändert in den letzten 40 Jahren.

Jetzt doch noch die Frage: Was ist eine durchschnittliche Sexfrequenz?

Eine schwedische Studie sagt: Die sexuelle UND die Lebenszufriedenheit hängen mit der Häufigkeit der sexuellen Kontakte zusammen. Am höchsten ist sie bei 4- bis 5-mal Sex im Monat. Danach steigt die Kurve nicht mehr an. 10 Mal Sex im Monat macht also nicht glücklicher.

 

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