Kathrin Resetarits über den österreichischen Film und die Frauen darin

Kino klischeefrei: Kathrin Resetarits bündelt ihre Kräfte in Katharina Mücksteins hypnotischem Drama „L’Animale“.

Kathrin Resetarits ist so etwas wie der „weibliche österreichische Film in Personal-Union“: Sie arbeitest als Autorin, Regisseurin und Schauspielerin. Außerdem ist sie seit 2011 Dozentin für Drehbuch an der Wiener Filmakademie und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin und Mitbegründerin des Filmfrauenvereins FC-Gloria.

WIENERIN: Nach welchen Kriterien wählst du Stoffe aus, die du umsetzt?

Kathrin Resetarits: Als Filmschaffende - also als Regisseurin und Autorin - geht es mir immer darum, Wahrhaftigkeit zu finden und Klischees zu vermieden. Als Schauspielerin muss ein Stoff meiner Haltung und Weltsicht entsprechen.

Als Schauspielerin bist du relativ selten zu sehen, was hat dich daran gereizt, in "L’Animale" (Filmstart 16.03.2018, Anm.) mitzuwirken?

Mich hat es berührt, eine Frau wie Gabriele darzustellen. Ich konnte mich in sie einfühlen: Eine arbeitende Mutter und Ehefrau, die jahrelang für das perfekte Glück kämpft und sich damit abfindet, die eigenen Bedürfnisse zurückzuschrauben, bis sie feststellt, dass sie verraten wurde. Ich wollte Gabriele gerecht werden und sie in ihrer Reaktion so zeigen, wie sie es verdient: Als Frau, die Offenheit lebt, und nicht als keppelnde, strenge, spießige Person.

L' Animale mit Kathrin Resetarits

"L’Animale" konfrontiert ein mündiges Kinopublikum mit der Frage: Wähle ich persönliche Freiheit oder Verantwortung?

Für mich geht es im Film ganz stark um die Frage, was ein Leben leisten soll. Ich bin nicht der Ansicht, dass jedes Leben den Perfektionsansprüchen gerecht werden muss, die uns heute umschwirren: Der perfekte Partner, die perfekte Sexualität, der perfekte Job, das perfekte Kind … Wir leben nicht, um permanent glücklich zu sein, sondern um bei uns selbst zu bleiben, gerade weil wir uns in einer Welt voller Kompromisse und Halbwahrheiten zurechtfinden müssen.

Du unterrichtest schon seit 2011 an der Filmakademie in Wien und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin. Was gibst du als Drehbuch-Dozentin dem Nachwuchs mit?

Das Unterrichten find ich deswegen auch so schön, weil ich glaube, dass wir als Medienschaffende eine wahnsinnige Verantwortung tragen. Film ist ein Medium, das die Gesellschaft wirklich stark beeinflusst. Es geht darum, aktive ZuschauerInnen zu schaffen, die auch selber denken können und keine passiven, die sich manipulieren lassen. Es ist wichtig, dass die Studierenden wissen, dass sie selbst sehr viel verändern können, auch in der Art, wie ein Publikum die Welt sieht. Ich finde es wichtig, den Studierenden ein hohes, dramaturgisches Niveau zu vermitteln, damit sie wissen, was der Stoff, den sie vor sich haben, braucht und dass es andere, neue Erzählformen gibt als die althergebrachten. Filme zu machen ist, ist mit einer Verantwortung verbunden die Gesellschaft zu gestalten. Es ist wichtig, gewisse Narrative, Strukturen, Schablonen, die immer wieder dieselben sind, zu durchbrechen und Geschichten auch anders zu erzählen.

Wie ist der Prozentsatz zwischen männlichen und weiblichen Studierenden?

Relativ ausgewogen. Der Punkt ist aber, dass die Frauen seltsamerweise nach dem Studium nicht mehr auftauchen. Man nennt das „leaky pipe syndrome“. Das bedeutet, dass Frauen nach der Ausbildung als Entscheidungsträgerinnen „verschwinden“. Männer besetzen die wichtigen Positionen im Film wie Produktion, Regie und Drehbuch. Dieses Ungleichgewicht bekämpfen wir beim Filmfrauenverein FC-Gloria. Wir fragen uns, warum ist das so und wie man Frauen fördern kann. Wir brauchen Filmemacherinnen und Filmemacher, die Diversität einbringen, weil unterschiedliche Sichtweisen auf die Welt wiederum unterschiedliche Sichtweisen auf Probleme zulassen. Das hat wieder einen aufklärerischen Aspekt.

Klingt idealistisch: Können FilmemacherInnen die Welt mit ihrem Input verändern?

Das habe das schon als Kind/junge Frau beobachtet: In 98 Prozent der Fälle habe ich mich beim Fernsehen mit einem Mann identifiziert, weil der Mann in den meisten Fällen die aktive Figur und der Held war. Ich habe mich als Kind – ohne es zu bemerken – mich quasi mit den Männern identifiziert, die in den Hauptrollen waren, die die Helden waren. Ich war Steve McQueen. Ich wollte ihn nicht heiraten. Ich wollte so sein wie er. Wir müssen uns endlich im Kino mit Frauenfiguren identifizieren können, die als Menschen agieren. Frauen sind eben nicht nur die zu rettenden Prinzessinnen und die femmes fatales, diese Nebenfiguren im Kasperltheater, sondern eben auch Menschen mit allgemein menschlichen Problemen. Auch der Subtext „Oh, das ist jetzt eine starke Frau! Die kann auch kämpfen oder die kann auch gewinnen so wie die Männer“ ist überflüssig. Warum sagen wir nicht einfach: Wir erzählen Geschichten von Frauen und wir erzählen Geschichten von Männern.

Spielst du auf den Wonder Woman-Hype an?

Ich bin oft gar nicht so begeistert von Frauen, die von den Männern dieses klassische „Gewinner-Narrativ“ übernehmen, z. B. Filme wie „Joy“, in dem eine Frau ein Imperium aufbaut. Das macht ja nur scheinbar Mut. Da sitzen Frauen und identifizieren sich voll mit der Heldin im Kino und sehen der zu, wie sie gewinnt, ein Imperium gründet und eine erfolgreiche Unternehmerin wird und fühlen sich glücklich und gehen aus dem Kino. Irgendwann kommt es unterbewusst hoch, dass die Frauen kein Imperium gegründet haben. Deswegen bin ich manchmal skeptisch bei diesen klassischen Heldengeschichten, wo jemand aus eigenem Antrieb heraus gegen alle Hindernisse seines Glückes Schmied ist und es schafft zu gewinnen.

Welche Impulse gehen heute vom österreichischen Film aus?

Ich glaube, dass der österreichische Filme gerade am Arthouse-Sektor, gerade dort, wo es um neue Erzählstrukturen geht und um Kunstfilm, ganz wichtig ist. Dafür kennt man uns in der Welt. Wir sind ein kleines Land, aber schneiden auf Festivals super ab und das immer mit dem Speziellen, mit dem Originellen, das nicht der Schablone folgt.

L’Animale ist ein österreichisches Coming-of-Age-Drama von KatharinaMückstein.

Kinostart in Österreich: 16. März 2018

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