Kate Morton

Mit ihren Liebesbekundungen an die "guten alten Zeiten" spricht Kate Morton Millionen Leserinnen und Lesern aus der Seele. Uns erzählte die junge Australierin, warum sie der Realität entflieht, wie Smartphones die Liebe killen und was Langeweile mit Fantasie zu tun hat.

Auf einem knorrigen Baum, ganz oben in der blühenden Krone, sitzt ein junges Mädchen und baut ein Luftschloss mit ihrer ersten Liebe, Billy. In der Abenddämmerung zeichnet sich ein verwittertes Herrenhaus ab, ein Bach gluckst und Kinderlachen und Hundegebell wehen herüber. Idyllisch, oder? Genau solche altmodisch-heilen Lebenswelten erschafft die Australierin Kate Morton in ihren Romanen – und trifft damit den Nerv der Zeit. Kein aggressives Handygebimmel, keine grellen Leuchtstoffröhren, keine quäkende Daniela Katzenberger zwischen hysterischen Werbeblöcken. Stattdessen geht es raus aus der rasenden Realität – zumindest für ein paar Stunden. Für ihre Leserinnen und Leser ist Kate Morton die kindliche Kaiserin der Fantasie.

Kate Morton im Video-Interview zu ihrem Buch "The Secret Keeper".

Gothic Novel

Schon jetzt gehört Morton zu jenen Autorinnen, deren Namen in größeren Lettern auf dem Cover geschrieben stehen als der eigentliche Buchtitel. Typisch für Kitschromane, könnte man unken, nichts für gebildete Menschen unter 65. Doch zur Anhängerschaft der 36-Jährigen gehören nicht nur Omis, sondern auch deren Hipster-Enkel. Und das, obwohl ihre Romane allesamt ins verstaubte, fast peinliche Genre der „Gothic Novel“ fallen. Die im 18. Jahrhundert entstandene, englische Variante des romantischen Schauerromans erlebt mit Kate Morton eine Renaissance, die viele überrascht – und irgendwie auch nicht. Schließlich decken sich einige Kernthemen mit dem Vampir-Hype, der sich durch so ziemlich alle Altersgruppen und sozialen Klassen zieht. Beide Genres – Gothic und Blutsauger – bedienen eine wachsende Sehnsucht der westlichen Gesellschaft nach Mystik und Romantik. Das Credo lautet: Hauptsache weit, weit weg von der glatten, computerisierten Welt von heute, die ohnehin keiner mehr versteht. Morton erklärt’s so: „Ich lebe ohnehin im hektischen Hier und Jetzt, ich muss nicht auch noch darüber lesen.“ So verwundert es nicht, dass Morton, die mit ihren beiden Schwestern auf einem abgelegenen Hof aufwuchs, technologischen Innovationen kritisch gegenübersteht. „Ich glaube, dass aus Langeweile Kreativität entsteht. Aber heute lockt überall mühelose Unterhaltung, ständige Ablenkung. Kinder verlieren ihre Fantasie.“ Diese Entwicklung findet sie beängstigend. „Sogar an der roten Ampel holen die Leute ihr Smartphone heraus, anstatt zumindest für ein paar Sekunden die Umwelt zu betrachten. Wie sollen wir uns da noch auf den ersten Blick verlieben, wenn wir ständig auf einen (Mini-)Bildschirm starren?“ Sie selbst setzt sich jedenfalls regelmäßig auf Handy-Diät.

Lesen Sie weiter auf Seite 2!

Kate Morton
Kate Morton
Man nehme nebelverhangene Landschaften im alten England, ein prickelndes Geheimnis und die reine Liebe. Aus diesen Konstanten kreiert Kate Morton momentan einen Weltbestseller nach dem andern. Bereits sieben Millionen Bücher in 32 Sprachen hat die junge Australierin verkauft. Gerade ist ihr viertes 640-Seiten-Werk "Die verlorenen Spuren" (€ 23,70-) im Diana Verlag erschienen.

Und sie lebten glücklich...

Mortons ganze Erscheinung erinnert passenderweise an Liv Tyler als Elbin in Der Herr der Ringe. Doch nicht nur ihr Aussehen, auch ihr Lebenslauf wirkt wie aus dem Märchen. Über die Begegnung mit ihrem Mann, einem Musiker – die beiden Turteltauben lernten sich auf einem seiner Konzerte kennen, als sie gerade 18 war – sagt Morton zum Beispiel: „Wir hatten sofort das Gefühl, uns schon ewig zu kennen!“ Und erstaunlicherweise hört sich diese Kitsch-Aussage weder abgedroschen noch einstudiert an, sondern völlig authentisch. Bald darauf gebar die schreibende Schöne zwei wundervolle Söhne: Louis, heute viereinhalb Jahre alt, und Oliver, neun. Letzterer liest des Nachts unter der Bettdecke mit einer Taschenlampe Harry Potter, anstatt zu schlafen oder Nintendo zu spielen. Die Familie lebt in einem Haus aus den 1920er-Jahren in einem Vorort von Brisbane. Und über Mortons Schreibtisch hängt eine Lichterkette.

InlineBild (ffa2788b)

Anti-Lindsay

Jede Journalistin muss ob so viel Idylle misstrauisch die Augenbrauen hochziehen und die schreckliche Ahrheit erschnüffeln. Wer will schon noch an Märchen - oder die perfekte Liebe - glauben? "Meine Großmutter hatte ein dunkles Geheimnis", bietet Morton offenherzig eine "Leiche im Keller" an und wird damit noch liebenswürdiger. "Mit 21 Jahren fand Oma heraus, dass ihr Vater nicht ihr biologischer war und behielt dieses Wissen fast ihr ganzes Leben für sich." Ein Augenaufschlag von Lindsay Lohan hat mehr Skandalpotenzial als diese Offenbarung. Keine dunklen Kapitel? Keine Eifersucht? Kein Neid? Aber zumindest der Herr Gatte muss doch ein Problem mit dem plötzlichen Welterfolg seiner Frau haben! Aber nein, "mein Ehemann unterstützt mich, wo er kann. Während wir hier miteinander sprechen, passt er gerade auf die Kinder auf", berichtete die Bücherfee.

Vielleicht gibt es die vollkommene Liebe aus Kate Mortons Bücherns ja doch noch. Ein letzter test: Morton und ihr Mann sind seit 18 Jahren zusammen - brennt's da noch, also zwischen den Eheleuten? Morton räuspert sich etwas verlegen. Dann erzählt sie, dass Musiker-Mann Davin und sie jeden Donnerstagabend auf ein Date gehen: "Wir machen nichts aufregendes, schlendern zu unserem Italiener, reden und fühlen uns als Liebespaar. Und danach schauen wir Breaking Bad (Anmerkung: eine US-amerikanische TV-Serie)!"

Lesen Sie weiter auf Seite 3!

InlineBild (49ec06dd)

Im Schweisse des Angesichts

Immerhin, Mortons Erfolg ist keineswegs bloß Gottesgeschenk, sondern das Ergebnis enormer Selbstdisziplin und Hingabe und ihr Handwerk. „Ich kann schon entspannen. Manchmal. Aber ich will definitiv alles so gut machen wie nur möglich“, sagt sie fast entschuldigend. Obwohl ihre ersten beiden Manuskripte, jeweils ein ganzes Jahr Arbeit, abgelehnt wurden, blieb sie bei ihrer selbst auferlegten Routine, schrieb jeden Tag mindestens 1.000 Wörter. Zwischendurch absolvierte sie ein Studium der Literaturwissenschaften und setzt jetzt noch den Doktortitel drauf. Außerdem tüftelt sie bereits an Buch Nummer fünf. Wie geht sich das bloß alles aus, fragt sich der Normalo, bevor er automatisch das Handy zückt, Facebook checkt und vergisst, worüber er gerade nachgedacht hat. Vielleicht brauchen wir eine Kate-Morton-App, die uns regelmäßig ins Bewusstsein brüllt: „Schau dich um, entdecke die Welt!“

 

Aktuell