Karenz: Warum "er verdient halt mehr" nicht gilt

Gleichberechtigte Elternschaft - was hat Geld damit zu tun? Ganz schön viel, findet Gastautorin Melanie Trommer. Denn wenn Eltern sich damit auseinander setzen, finden sich trotz unterschiedlicher Verdienste Alternativen zum klassischen Karenzmodell, bei dem überwiegend Frauen zuhause bleiben. 

Neulich twitterte ich, dass ich seit einem halben Jahr ein ‚Haushaltsbuch‘ führe:

 

 

Selten hab ich so viele Reaktionen auf einen Tweet bekommen wie auf diesen hier. Sehr oft kamen Nachfragen, mit welchem Tool ich das mache oder welche Posten ich im Haushaltsbuch festhalte. Und viele Reaktionen zeigten, dass so was eher unüblich ist, viele sogar keinen oder wenig Überblick über regelmäßige Einnahmen und Ausgaben haben. 

Warum ich das hier zu einem Beitrag über gleichberechtigte Elternschaft schreibe? Weil Geld eine ganze Menge damit zu tun hat.

Vor dem Kind für das Leben mit Kind sparen

Die Aufteilung von Elternzeit und späterer Teilzeit-/Vollzeitarbeit wird oft damit begründet, dass eine_r (bei Heteropaaren meist der Mann) mehr verdient als die andere. Wenn tatsächlich die Frau mehr verdient, ist Geld seltener ein Argument, auch wenn sie trotzdem meist länger in Elternzeit bleibt und später in Teilzeit geht. Da wird dann eher vorgeschoben, dass der Mann halt grade einen wichtigen Karriereschritt vor sich hat oder sein Chef ihm eine längere berufliche Unterbrechung übel nimmt (ich könnte jetzt schon so viele Fußnoten einbauen, aber ich möchte auf einen bestimmten Punkt hinaus):

Nehmen wir eben den Fall eines jungen Paares, das Eltern werden möchte und bei dem „er“ mehr verdient als „sie“. Und nehmen an, dass dieses Paar mehr verdient, als mit Mindestlohnjobs oder Hartz IV Satz möglich wäre. Damit mit der Geburt des Kindes die Aufteilung von Lohn- und Carearbeit nicht ‚automatisch‘ nach dem klassischen Modell erfolgt, bei dem ’sie‘ später auf Elternzeit und Teilzeit sitzen bleibt, während ‚er‘ in Vollzeit durchgängig weiter arbeitet, hab ich einen krassen Tipp: Werdet euch klar über euren Finanzbedarf! (Dass man natürlich die Verteilung trotzdem so handhaben kann, weil man es WILL ist selbstredend ok, aber dann soll mans auch so sagen. Aber oft hört man: „Er verdient halt mehr…“)

Erstaunlich viele Paare wissen nicht mal genau, wie viel der andere verdient oder wie viel sie zum Leben monatlich brauchen. Wer kann, kann zum Beispiel vor der Schwangerschaft Geld beiseite legen, für die Elternzeit: Wenn, sagen wir, der Mann 300 Euro im Monat mehr Elterngeld bekäme, kann man vorher schon Rücklagen bilden oder während der Schwangerschaft das Geld zur Seite legen.

Eltern, redet über Geld!

Alleine durch das Festhalten unserer Einnahmen und Ausgaben haben sich unsere Finanzen verbessert, sind „Löcher“ aufgefallen und wir halten unser Geld besser zusammen. Viele Paare hätten schon lange vor der Elternzeit die Möglichkeit, Rücklagen für die erste Zeit mit Baby und Kind zu bilden. Wie gesagt, ich rede nicht von Paaren, die eh schon im unteren Bereich verdienen oder während Ausbildung/Studium ihre Kinder bekommen.

Wenn ich also mit erhobenem Zeigefinger und mit dem Krückstock fuchtelnd werdenden Eltern was raten dürfte: Redet über Geld und wie viel ihr braucht, das ist oft sehr erhellend und hilfreich und verhindert eine spätere Rollenverteilung, die nur ‚aus dem Bauch‘ getroffen wird.

Konkrete Fragen, die ihr euch stellen könntet:

  • wie viele Einnahmen haben wir aktuell
  • wie viel davon geben wir wofür aus
  • wie viel haben wir übrig, wo hätten wir Einsparpotential
  • können wir ein Konto (oder ganz haptisch ein Sparschwein) einrichten, auf das wir Geld für die ersten Monate/Jahre als Eltern legen
  • wie viel Geld weniger hätten wir, wenn A in Elternzeit geht, wie viel weniger, wenn B auch 2,4,6 Monate Elternzeit nimmt
  • wie sieht die Rechnung aus, wenn anschließend Kinderbetreuung vorhanden ist? Wäre es finanziell möglich, dass beide in Teilzeit (ob je 20, je 30 Stunden, eine_r 20, der andere 30 Stunden) gehen? Teilzeitrechner nutzen und gern auch mal eine Steuerberaterin fragen! Sowohl wenn unverheiratet, aber auch bei verheiratet, ob dann die aktuellen Steuerklassen Sinn machen etc.
  • (indirekt im Zusammenhang mit Geld, aber wo wir schon mal dabei sind): Es ist sinnvoll, wenn eine_r sich mit Blick auf Familienplanung schon mal einen neuen/anderen Job sucht, so dass zumindest pendeln weg fällt oder Homeoffice möglich ist (und damit mein ich die_den, die mehr arbeiten will/muss).

Für die Transparenz: Wir haben uns damals nicht diese Fragen gestellt, waren beim ersten Kind dennoch beide gleich lang in Elternzeit. Für uns spielte das Thema Geld aber da auch nicht so die Rolle, das kam aber beim zweiten Kind…und außerdem: ihr könnt ja auch aus unseren Fehlern lernen..

Melanie Trommer schreibt auf ihrem Blog Glücklich scheitern über den Versuch, allen Ansprüchen zu genügen: zu promovieren und eine Familie zu haben, ethisch und ökologisch korrekt zu leben und trotzdem Spaß zu haben. Sie ist Mitte 30 und lebt mit ihrer "angefangenen Großfamilie" in ihrer Wahlheimat Köln.
Auf Twitter und Instagram ist Melanie als @glcklchschtrn zu finden.

Dieser Text erschien zuerst auf Melanies Blog (zum Original-Blogbeitrag). Vielen Dank an Melanie, dass wir ihn auch hier veröffentlichen dürfen.

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