Karen Müller übers Aufräumen

Eines der beliebtesten Streitthemen zwischen Mann und Frau ist die liebe Ordnung. Was die Frage aufwirft: Warum dann überhaupt zusammenziehen?

Am Esstisch lagen Laptops, Pinsel, Plastikritter, Schokoriegel, Schraubenschlüssel, Bücher und Sackerln. Auf den Sesseln Jacken, Zeitungen und Rucksäcke. Am Kaminsims Regaldübel, Computerspiele und lose Rechnungen. Auf der Couch Reisetaschen und – der Hund. „Soll ich dir was freiräumen, damit du dich hinsetzen kannst?“, fragte der Liebste freundlich. „Ooch, nicht nötig“, flötete ich, „ich muss eh noch aufräumen.“

Und dann? Dann ging wahrscheinlich ein Beziehungskrieg mit Schlachtrufen wie „elender Saustall“ oder „Muss ich immer alles alleine machen“ los, oder? Nein, das tat es nicht. Ich schloss die Tür hinter mir, ging pfeifend eine Treppe hinunter und – in meine eigenen vier Wände. Dort lobte ich den Herrn und das Schicksal, das uns in einem Haus zwei Wohnungen beschert hat. Denn unter uns: Für die Aufrechterhaltung des Beziehungsfriedens ist das die Sache.

Jedenfalls bei mir ist das so. Und das weiß ich deshalb so genau, weil wir noch vor nicht allzu langer Zeit nur meine Wohnung hatten und er ein Zimmer in derselben. Zugegeben: Der Platz war für all seine Sachen doch ein wenig knapp. Aber ich glaube, bei einem Menschen wie ihm ist es egal, wie viele Quadratmeter und Tische und Regale er besitzt. Er wird ­immer jede Fläche so vollräumen, dass es aussieht, als hätten zehn Geheimagenten das Zimmer nach einem ­Mikrochip durchsucht.

Da ich letztens mit seiner Mutter geredet habe, habe ich bezüglich seiner Erziehbarkeit auch keine Illusionen mehr. Denn die hat mir verraten, dass der Gute schon als Teenager seine Besitztümer stets auf allen verfügbaren Flächen liebevoll aufgestapelt und sich in dem ganzen Irrsinn sauwohl gefühlt hat. Als sie sein Zimmer einmal lautstark kommentierte mit: „WIE SCHAUT'S DENN HIER AUS?!?", hätte er nur konsterniert geantwortet: „Ich lebe hier!" - Daraufhin schwieg sie erst einmal, völlig baff - und resignierte in weiterer Folge.

Zwei Leben, einmal Chaos

Bevor Sie jetzt denken, dass wieder mal eine Mutter ihren Sohn verzogen hat: Sein Bruder ist ein Pedant. Und sein Vater? Der hat ebenfalls Zimmertürme gebaut. Es dürfte also so was wie eine genetische Veranlagung zur Aufstapelitis geben. Bevor mir das klar wurde, habe ich das getan, was fast alle Frauen tun: allergisch reagieren. Ich bin zwar keine Fanatikerin wie Bree aus Desperate Housewives, meine Schmutztoleranz ist kinder- und hundegeprüft. Wenn ich allerdings sehe, dass das Chaos auf einem Tisch sich höher als 40 Zentimeter türmt, kriege ich Pickel. Mein Liebster hat diese 40-Zentimeter-Marke nicht in seinem Ordnungssystem eingebaut. Solange wir zusammenwohnten, fragte ich mich also regelmäßig: „Mecker ich ihn jetzt an?", „Mach ich es selber?" und „Wo zum Teufel ist die Pickelcreme?".


Nun, egal wie die Antwort ausfiehl: Sie war nicht gut für die Beziehung. Konsequentes Anmeckern macht Männer trotzig, weil sie sich wie kleine Buben behandelt fühlen. Hinter ihnen herzuräumen, macht Frauen wütend, weil sie sich wie der Trottel vom Dienst vorkommen. Und konsequent Pickelcreme, nein, aus dem Alter sind wir nun wirklich raus. Es ist ja eigentlich einfach - zwei Menschen, die zwei verschiedene Ordnungssysteme haben, brauchen zwei Wohnungen. Das Einzige, was ich jetzt noch erledigen muss, ist dieser seltsame Drang in mir: seine Wohnung so aufzuräumen, dass es darin wie in meiner aussieht ...

 

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