Karen Müller über Männer am Grill

Bekannt ist, dass Männer geil aufs Grillen sind. Eher unbekannt jedoch, wie wir die Grill-Manie empfinden.

Schatz, jetzt wird gegrillt!" - Ich weiß ja nicht, was Sie bei diesem Satz empfinden. Nun, für mich ist es: ein Ritt durch die Hölle. Würde mir jemand ankündigen, nicht unschuldiges Bratgut, sondern ich selbst würde demnächst über kleiner Flamme geröstet werden, es könnte kaum schlimmer sein.

Es ist ja schon viel über den modernen Mann und seine Passion für auf Holzkohle verbrannte Fleischbrocken geschrieben worden. Seine steinzeitliche Jägerpsyche und seine tiefe Befriedigung, wenn er in der Epoche der Mikrowellenherde noch selbst offenes Feuer produzieren kann.

Aber wer hat sich über die Psyche von Frauen grillender Männer je Gedanken gemacht? Ich meine, was wir eigentlich davon halten, wenn ab Mai jegliche Küchenkultur flöten geht und die Saison der schwarz linierten Steaks beginnt? Und wie wir es finden, in Rauchschwaden sitzend mit Geschmacksverstärker niedergeprügelte Schuhsohlen zu kauen und selbige auch an unsere vitaminbedürftigen Kinder zu verfüttern?

Also, im Prinzip habe ich ja nichts dagegen, wenn Männer auch mal ihren Spaß haben. Aber warum will meiner das bald jeden zweiten Tag? Und nicht nur das, sondern auch noch sein Lieblingsmenü: Spareribs. Die fixfertig Vorgewürzten in Dunkelorange.

"Schatz, ich werf' den Griller an."

Keine zwei Minuten später beginnt der Stress. In meiner Familie gibt es nämlich nicht nur einen 32-jährigen, sondern auch einen knapp vierjährigen Grillmaster. Sprich: Um die Oberhoheit über die Feuerstelle entzündet sich ein heißer Vater-Sohn-Konflikt. Während der eine mit wissenschaftlicher Akribie Stückchen vom Anzündwürfel unter die Kohle schlichtet, wirft der andere Stöckcken, Blätter und Zigarettenstummel dazu. Diese unreinen Gegenstände entweihen natürlich den heiligen Akt des Feuermachens, woraufhin eine schrille Schreierei entbrennt: "Will auch grillen!!!" gegen "Hör sofort auf!!"

Na, und wer muss eingreifen, damit beide nicht irgendwann mit Feuerhaken und Grillgabel aufeinander losgehen? Erraten, ich natürlich. Durch die pyromanische Ader meines Sohnes (hat er zugegebenermaßen von mir, aber ich stehe eher auf Vulkane) ist die Grillstimmung dann natürlich von Beginn an etwas angekokelt. Irgendwann kommen dann die Spareribs, die mein Angetrauter so liebt, und wehe, man sagt dann noch etwas in der Art von: "Das Schwarze da außen schmeckt bitter." Dann wird man angeschaut, als wäre man eines der Rippchen, dem gleich mit den Zähnen das Fleisch vom Knochen gerissen werden wird.

Und am meisten hasse ich den letzten Gruß vom Rippenfleisch: die zähen Fasern zwischen den Zähnen, derentwegen man Zahnseide plötzlich als die geilste Sache gleich nach der Erfindung der Schrotflinte ansieht.
von Karen Müller

Ja, und damit kommen wir gleich zum nächsten mich zermürbenden Kapitel: die Ästhetik. Ich hasse es, wenn alle im Steinzeit-Stil essen. Wenn meine hübschen Kinder und mein hübscher Partner fettige, dunkelorange verschmierte Hände und Gesichter haben. Und wenn dann mit den dreckigen Fingern auf Saftgläser, Pölster und nach mir gegriffen wird. Ich hasse auch die abgegessenen Teller danach, auf denen in fünferlei Grillsaucen ertrinkende Knochenstücke und an benutztes Klopapier erinnernde Servietten liegen. Und am meisten hasse ich den letzten Gruß vom Rippenfleisch: die zähen Fasern zwischen den Zähnen, derentwegen man Zahnseide plötzlich als die geilste Sache gleich nach der Erfindung der Schrotflinte ansieht.

Fazit:

Grillen ist für die Psyche einer Frau nicht unbedingt gesund. Unter anderem formen sich dann nämlich hässliche, kleine Rachegedanken darin. So was in der Art von: Na warte. Ab September gibt's jeden Tag gedünstetes Gemüse. Mit Graupeln. Und Haferschleim.

 

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