Kann man Zivilcourage lernen?

Man braucht keinen schwarzen Gürtel in Karate, um zugunsten Dritter einzugreifen. Wir waren bei einem Zivilcourage-Workshop von ZARA dabei und lernten, wie Mut und Solidarität gehen.

"Hey, du Fut! Bist du zu blöd oder was?!" Tatort Straßenbahnlinie 60. Es ist helllichter Tag. Eine junge Frau in Begleitung von zwei jungen Männern Anfang 20 steigt ein. Die Typen reden in einem Mischmasch aus Deutsch und einer Fremdsprache auf sie ein. Ich kann sie kaum verstehen, offensichtlich hat die Frau aber etwas "falsch" gemacht. Die Männer lachen über sie. Der geringe Körperabstand zwischen den dreien und die bedrohliche Körpersprache der Männer soll mir und allen anderen in der Straßenbahn offenbar zeigen: Wir haben Macht über diese Frau. Ist einer davon ihr Bruder? Zwar wird die Frau nicht angerempelt oder festgehalten, aber ich spüre deutlich, dass sie Angst hat. Was soll ich tun? Ich überlege Hilfeoptionen. Jetzt könnte ich zu der Frau hingehen und irgendeinen Unsinn wie "Entschuldigung, wie spät ist es?" sagen, nur, um die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken; die Männer direkt anzuschreien traue ich mich jedenfalls nicht. Mein innerer Feigling drückt mich tiefer in meinen Straßenbahnsitz. "Hab eh keine Zeit", murmle ich in mich hinein, und "an der Situation der Frau kann ich eh nichts nachhaltig ändern". Zwei Stationen später steigen die drei aus. Ich habe nichts getan -und der Gedanke quält mich bis heute.

Zeit für Zivilcourage!

Ich will nicht mehr feig sein, ich möchte für meine Werte einstehen, ich will Menschen in Notsituationen helfen können -dafür brauche ich Unterstützung; einen "Zivilcourage-Kompass". Gibt es ein "Richtig" oder "Falsch" beim zivilcouragierten Handeln? Wann darf, soll oder muss ich eingreifen, wenn eine Person bedrängt wird? Was kann meine Intervention -etwa im öffentlichen Raum -bewirken, wenn sich nicht einmal Nachbars Katze vor mir fürchtet? Wie kann ich "in der Hitze des Gefechts" gegen meine eigene Ohnmacht ankämpfen?

Fragen, die mir meine Zivilcourage-Trainerin Karin Bischof von ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus- Arbeit) im Workshop beantworten kann. Sie hört aufmerksam zu, wenn alle TeilnehmerInnen ihre persönlichen Erfahrungen in der Gruppe reflektieren, und löst auf. Es ist befreiend. Ziel des Workshops ist laut ZARA-Training-Geschäftsführerin Bianca Schönberger, "dabei zu helfen, Handlungskompetenzen zu erwerben, das Selbstbewusstsein zu stärken und in schwierigen Situationen mutig einzugreifen". Zwei Drittel der TeilnehmerInnen sind Frauen. Was uns alle vereint, ist unsere Haltung: Wir wollen kein menschenfeindliches oder gewaltvolles Verhalten in unserem Umfeld tolerieren und den Raum, in dem wir leben, aktiv mitgestalten.

Ziel des Workshops ist es, dabei zu helfen, Handlungskompetenzen zu erwerben, das Selbstbewusstsein zu stärken und in schwierigen Situationen mutig einzugreifen.

von Bianca Schönberger, ZARA-Training-Geschäftsführerin

Ich bestimme, wann die Grenze überschritten ist ...

Eine der ersten Workshopübungen, "das Gewaltbarometer", zeigt schon auf, dass die Einschätzung von Gewalt bei den TeilnehmerInnen völlig unterschiedlich ist. Wenn jemand also den moralischen Impuls verspürt, zum Schutz anderer zu handeln, basiert dieser Impuls auf ganz individuellen Erfahrungen, Erlebnissen und Empfindungen. "Richtig" oder "falsch" sind hier also keine brauchbaren Kategorien. Hier muss man sich selbst ermächtigen, in die Rolle der mutigen Beschützerin oder des mutigen Beschützers zu schlüpfen und einzugreifen - ein gutes Gefühl. Man muss aber, wenn man sich einmischt - egal, in welchem Kontext -, damit rechnen, für dieses Einschreiten scharf kritisiert zu werden.

Vier wichtige Schritte müssen in einer koordinierten Zivilcourage-Hilfsaktion im Kopf hintereinander ablaufen, meistens innerhalb von Sekunden: wahrnehmen, einschätzen, Verantwortung übernehmen, handeln. In anderen Worten: genau hinschauen, die Situation realistisch beurteilen, Deeskalationsziele formulieren und blitzschnell brauchbare Deeskalationsstrategien entwickeln und anwenden. Zivilcouragiertes Handeln bedeutet keinesfalls, sich blindlings in eine direkte körperliche Auseinandersetzung mit AngreiferInnen verwickeln zu lassen. Je nach Zielsetzung kann man Gewaltdynamiken auch durch andere Arten des Eingreifens unterbrechen: Störaktionen wie das Vortäuschen eines epileptischen Anfalls, schrilles Schreien oder der Einsatz einer Trillerpfeife können AngreiferInnen irritieren, ebenso wie provokantes Anrempeln, durchdringendes In-die-Augen-Schauen oder das Suchen körperlicher Nähe zum Opfer. Hilfe zu rufen, Vorfälle zu melden und zu bezeugen, sich um das Opfer zu kümmern, gilt auch als Zivilcourage. "In konkreten Situationen geht es grundsätzlich darum, mit meiner Haltung zu deeskalieren und der betroffenen Person Unterstützung zu signalisieren. Schon die kleinste Intervention kann eine Veränderung in der Situation bewirken", erklärt Karin Bischof. Wer wissen will, wie es sich anfühlt, eine Intervention zu starten, darf es gleich im Rollenspiel-Training ausprobieren. Das macht Riesenspaß und hilft erwiesenermaßen im Ernstfall.

Schon die kleinste Intervention kann eine Veränderung in der Situation bewirken.

von Karin Bischof, Zivilcourage-Trainerin von ZARA

Das Lächeln abtrainieren

Sprache ist keine Barriere, wenn es ums Einschreiten geht. Wir üben also, "Stopp!" oder "Nein!" durch nonverbale Kommunikation verständlich zu machen. Die nächste Anweisung von Karin Bischof erstaunt: "Hör auf, zu lächeln!" Wer einem/r AngreiferIn ein resolutes "Nein!", "Stopp!" oder "Hören Sie auf!" signalisiert, sollte dabei auf keinen Fall wie eine sanft lächelnde Geisha oder eine niedliche Schmunzelmaus rüberkommen. Das senkt die Glaubwürdigkeit.

Goodbye, Hasenfuß!

Mein innerer Hasenfuß fürchtet sich - wie viele WorkshopteilnehmerInnen - am meisten vor Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit roher Gewalt. "Mutig macht mich, mein 'selbstbewusstes Ich' zu aktivieren", erklärt Karin Bischof und führt aus: "Dreimal tief durchzuatmen unterstützt die Stimme, Hüftstand und aufrechte Haltung signalisieren Selbstbewusstsein." Was immer hilft und am wenigsten Gefahr bringt, ist laut Bianca Schönberger, nicht alleine in gefährliche Situationen reinzugehen und "Hilfesysteme in Anspruch zu nehmen", also z. B. in öffentlichen Verkehrsmitteln den / die FahrerIn zu aktivieren und von Anfang an andere Personen in ein Rettungsszenario hineinzuholen. "Potenzielle andere Helferinnen und Helfer sollte man direkt ansprechen", erläutert Schönberger, "etwa mit den Worten 'Sie da mit dem roten Pullover, sehen Sie das auch?', und ihnen direkte Handlungsanweisungen wie ,Rufen Sie bitte die Polizei!' zu erteilen."

Was ich aus dem Workshop mitnehme

Ich fühle mich stark, denn ich bin nicht allein. Manche der im Workshop erworbenen Techniken wie den "verbalen Dreischritt" - eine sichere Methode, menschenverachtende "Kotzer" rhetorisch in die Schranken zu weisen -kann ich sofort anwenden, andere muss ich noch trainieren. Wenn man mich also sieht, wie ich laut "Nein!" schreiend durch den Wald laufe oder probeweise wie ein Sumoringer auf mein Gegenüber zuwalze, übe ich nur. In puncto Zivilcourage-Training habe ich noch lange nicht ausgelernt. Mein nächstes Ziel? Der "Digitale Zivilcourage"-Workshop. Denn mit Hass im Netz muss auch Schluss sein!

 

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