Kann man flirten lernen? Ein Selbstversuch

Wir lassen unsere Kollegin Flirtangebote testen. Ein Experiment zwischen NLP-Methoden, Selbstoptimierung und körperlichen Höchstleistungen.

Flirt Coaching Wien

Ich muss ganz ehrlich sein: Als mich der Arbeitsauftrag "Flirt-Experiment" erreichte, hatte ich erst mal Panik. Wir brauchen nicht so tun, als wäre ich die Furchtlosigkeit in Person, die sich gerne unangenehmen zwischenmenschlichen Herausforderungen stellt. Ich starte meinen Selbstversuch also erst einmal im Netz -man muss sich ja nicht gleich komplett aus der Komfortzone rausbegeben. Nichtsahnend tippe ich "Flirten in Wien" in die Suchmaschine -und es dauert nicht lange, da möchte ich am liebsten schreiend von meinem Laptop davonrennen. "Gemeinsam statt einsam","Wir schaffen das" - die Flirtangebote überschlagen sich förmlich mit Floskeln aus den 1970ern. Nächste Station Seniorentanzen?"Wir zeigen dir, wie du sehr attraktive Frauen eroberst", verspricht ein anderer Anbieter, der für seine Pakete mit klingenden Namen wie Gottesapfel oder Musenkuss gleich mehrere Tausend Euro veranschlagt. Besonders beängstigend: das Modul NLP-Speed-Seduction. Männer sollen hier "Verführungsmethoden" lernen, denen keine Frau mehr "widerstehen" kann. Hey, liebe Single-KollegInnen, falls ihr euch mal gefragt habt, wo so mancher Typ seine Sprüche herhat, ich bin hier etwas ganz Heißem auf der Spur! Nach weiteren, genauso verstörenden Website-Besuchen habe ich endlich Erfolg: Ich treffe auf Susi Bartmann (mentallove.at), die im Gegensatz zu den restlichen "Angeboten" auch Coachings für Singlefrauen (Jössas, die gibt es ja auch!) anbietet. Es geht also auch ohne blöde Sprüche und zwielichtige Überzeugungsmethoden.

Ich melde mich für ihren kostenlosen zehntägigen Online-Mini-Kurs an und versuche in den folgenden Tagen, mein Flirt-Ich zu optimieren. Manchmal muss ich meditieren, an anderen Tagen an meinem Selbstbewusstsein werkeln oder meinen idealen Mann visualisieren (gar nicht so einfach!). Zum Flirtprofi werde ich damit freilich noch nicht. Deswegen treffe ich Susi ein paar Tage später zum Kennenlerngespräch. Wir reden über mich, graben in meiner Vergangenheit und versuchen, schädliche Glaubenssätze zu brechen. Susis Coaching (acht Einzelsitzungen à 1,5 Stunden) sind eine Mischung aus Flirt-und "Komfortzonentrainings" - am Ende soll ich mentale Taktiken parat haben, die es mir in unterschiedlichen Situationen ermöglichen, souverän zu reagieren.

Prädikat: Sehr anstrengend

Nach dem Soulsearching ist nun aber Feldarbeit angesagt. Ich bin übermütig und melde mich gleich für ein Single-Work-out an. "Was gibt es Besseres, als sich bei einem gemeinsamen Interesse kennenzulernen, ungezwungen, ohne peinliche Gesprächspausen?", lockt das Angebot von Vienna City Bootcamp (viennacitybootcamp.at). Hier sollen sportlich Gleichgesinnte einander mit Pärchenübungen näherkommen. Kurz visualisiere ich mich mit hochrotem Kopf, schwitzend und hechelnd -wer würde mich da nicht haben wollen? Spätestens nach dem Aufwärmen habe ich diese Unsicherheiten aber verworfen. Das Bootcamp entpuppt sich als knallhartes Zirkeltraining, bei dem ich mit wechselnden Partnern "gegen die Bewusstlosigkeit ankämpfe" (Worte meines Trainingspartners). Erstaunlicherweise lässt sich in Schnappatmung aber auch gut flirten. Gesprächsthemen findet man viele, wenn man sich ständig gegenseitig motivieren oder aneinander festklammern muss. Peinliche Momente der Stille braucht man nicht zu fürchten, und wenn man niemanden zum Anbandeln findet, produziert man die Endorphine eben durchs Work-out für sich selbst.

Ich stelle fest, dass es vor allem eine Sache des Selbst ist, ob man erfolgreich flirtet -wer die Fehler immer beim anderen sucht, wird bei keinem Coach zum Flirtprofi werden. Im Nachhinein frage ich mich, warum ich davor so ein Theater gemacht habe. Mein Flirt-Ich ist jetzt jedenfalls trainiert -physisch und psychisch.

 

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