Kann eine Frau im Rollstuhl eine Schwangerschaft normal durchleben?

Vom Kinderwunsch zum Wunschkind. Dr. Feichtinger erklärt, wie er Menschen mit Behinderungen die Familiengründung ermöglicht.

Vom Kinderwunsch zum Wunschkind.

"Was für die meisten Menschen kein Problem darstellt ist für zahlreiche Menschen mit körperlicher Beeinträchtigung ohne Hilfe unmöglich", beschreibt Priv. Doz. DDr. Michael Feichtinger vom Wunschbaby Institut. Viele Frauen mit körperlichen Einschränkungen sind nämlich biologisch in der Lage schwanger zu werden.

Was der Hauptgrund ist, warum eine physische Behinderung einem Kinderwunsch im Weg stehen kann und wie der Arzt Menschen mit Behinderungen bei der Familiengründung unterstützt, erklärte er uns in einem Interview.

WIENERIN: Wie verläuft eine Schwangerschaft bei körperlicher Behinderung vom Kinderwunsch bis zur Geburt?

Dr. Feichtinger:
Noch vor Kinderwunsch ist die Vorstellung des gemeinsamen Alltags mit Kind eine sehr große Hürde, welche Paare mit einer körperlichen Behinderung oft schon vor einer Schwangerschaft zurückschrecken lässt. Das ist aber ein Problem, das durch langfristige Planung gut gelöst werden kann. Es gibt natürlich gewisse Risikofaktoren, wie zum Beispiel eine Thromboseneigung, die berücksichtigt werden muss. Doch eine Frau, die im Rollstuhl sitzt, kann mit entsprechender Schwangerschaftsbetreuung eine Schwangerschaft relativ normal durchleben.

Jedes Paar braucht unbedingt eine individuelle und besondere Betreuung.

Also steht eine körperliche Behinderung einem Kinderwunsch nicht im Weg?

Der Hauptgrund, warum eine körperliche Behinderung einem Kinderwunsch im Weg stehen kann, liegt in der Zeugung des Kindes. Ein Mensch, der körperlich beeinträchtigt ist – zum Beispiel dadurch bedingt, dass er*sie im Rollstuhl sitzt – hat es schwer Geschlechtsverkehr durchzuführen. Das klingt jetzt total unromantisch, aber es gibt Möglichkeiten, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen sich diesbezüglich helfen lassen. Es gibt dafür speziell geschulte Pfleger*innen.

In den meisten Fällen scheitert es also am Sex. Das bedeutet aber, dass wir solchen Paaren oft relativ einfach helfen können. Zum Beispiel durch eine Insemination, indem wir sicher gehen, dass der Samen des Partners sicher in der Gebärmutterhöhle der Frau landet. Und dann in weiterer Folge die Eizelle befruchtet. So können wir das "Zeugungsproblem" oft lösen.

Heißt das, dass eine Frau mit Querschnittslähmung mit medizinischer Unterstützung auch Kinder bekommen kann?

Diese Frage muss prinzipiell mit "ja" beantwortet werden. Eine Frau mit Querschnittslähmung kann schwanger werden, außer die körperliche Behinderung ist fortgeschritten. Im Einzelfall kann es sein, dass die Behinderung so schwer ist, dass eine Schwangerschaft entweder medizinisch nicht möglich oder in Zukunft die Kinderbetreuung eingeschränkt sein wird. Jedes Paar braucht unbedingt eine individuelle und besondere Betreuung.

Es wird ignoriert, dass das zu einer aktiven Diskriminierung dieser Menschen führt.

Sie behandeln viele Paare, die einen unerfüllten Kinderwunsch haben. Was unterscheidet ihre Patient*innen und was haben sie gemeinsam?

Was die Patient*innen, die den Weg zu mir finden, unterscheidet, sind ihre individuellen Geschichten. Und natürlich die Arten der körperlichen Beeinträchtigung. Was sie aber gemeinsam haben, ist dass sie sich in den meisten Fällen gut überlegt haben, dass und wie sie ein Kind haben möchten und wie ihr Leben dann in Zukunft aussehen wird. Es sind reflektierte und wohlüberlegte Entscheidungen, die fast jedes Paar getroffen hat, das bei mir war.

Menschen mit Behinderung haben mit vielen Hürden zu kämpfen. Welche scheint Ihrer Meinung nach für die Paare eine größere zu sein - die soziale oder die medizinische?

Ich denke, es ist überwiegend eine soziale Hürde. Das Thema Kinderwunsch mit Behinderung ist nicht wirklich in den Köpfen unserer Gesellschaft angekommen und es herrscht oft eine sehr große Ignoranz: "Warum brauchen die überhaupt Kinder? Das ist ja nicht notwendig, dass die Kinder bekommen."

Eine weitere Frage ist, ob die Patient*innen mit ihren Rollstühlen überall hinkommen. Und ob die Ordinationen und Kinderwunschinstitute behindertengerecht ausgestattet sind. Es wird ignoriert, dass das zu einer aktiven Diskriminierung dieser Menschen führt. Das ist auf keinen Fall zu rechtfertigen oder zu ignorieren. Weil auch Menschen mit körperlicher Behinderung haben ein Recht darauf sich einer solchen Behandlung zu unterziehen.

 

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