Kämpferinnen: "Kinder werden viel zu oft an ihren Schwächen aufgemacht"

Menschen mit Beeinträchtigung haben nur wenig Raum in Sozialen Medien. Das möchte die Sonder- und Heilpädagogin Greta Scheichenost ändern. Wir haben mit ihr über das Projekt "und du so?" gesprochen und sie gefragt, wie sie sich die perfekte Schule für alle Kinder vorstellt.

In der Artikel-Serie "Kämpferinnen" lässt die WIENERIN Frauen zu Wort kommen, die in der Diskussion über politische Veränderungen nur selten in den Blick genommen werden und in ihrem Leben gegen private, berufliche und gesellschaftliche Widerstände kämpfen und gekämpft haben. Heute mit Greta Scheichenost. Sie ist Sonder- und Heilpädagogin an einer Wiener Schule. Nebenbei hat sie das Foto-Projekt "und du so?" ins Leben gerufen, mit dem sie sich für Inklusion stark macht. 

Greta Scheichenost vom Foto-Projekt "und du so?" #undduso

Luxusreisen, teure Kleidung oder Fitness-Hype: Diese Themen nehmen einen großen Platz auf Instagram ein. Warum Greta Scheichenost etwas ganz anderes auf der Plattform macht und was sie damit erreichen will, lest ihr im 4. Teil der WIENERIN Serie "Kämpferinnen". 

„Obwohl es auf Instagram mittlerweile einige Accounts gibt, die politische oder gesellschaftliche Themen behandeln, ist mir aufgefallen, dass es wenige bis gar keine Menschen mit Behinderungen auf der Plattform gibt. Das habe ich total schade gefunden. Und das war der Grundstein von „Und du so?“. Ich arbeite als Sonder- und Heilpädagogin in einer Schule in Wien und da habe ich auch meine ersten Fotos für 'und du so?' gemacht. Gleich zu Beginn habe ich meinen Schüler Yannis fotografiert. Nach Absprache mit seiner Mutter natürlich.

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

„Erzähl mir von meiner Welt!“ sagt Yannis und will die Dinge dann ganz genau wissen. Es ist die Welt, in der er die erste Zeit seines Lebens im Krankenhaus verbringen musste. Und die, in der Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte immer wieder Teil seines Alltags sind. Seine Welt ist nun aber auch die, in der er immer gut gelaunt ist und vor Lebensfreude nur so strahlt. Es ist die, in der er Gitarre spielen lernt, in der Sandkiste spielt, den lieben langen Tag Lieder in verschiedenen Sprachen singt und seinen Mitmenschen Löcher in den Bauch fragt. Es ist seine Welt und sie ist wunderbar! #undduso #inklusion #inclusion #barrierefrei #nobarriers #disabilities #notdisable #able #disabilityawareness #happy #child #school #lebenmitbehinderung #world

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Neben meiner Schulkinder, bin ich immer wieder auf der Suche, bekomme Empfehlungen und schreibe Menschen einfach an, die ich gerne für mein Projekt gewinnen würde. Das gestaltet sich oft lustig, denn ich fotografiere sowohl Menschen mit körperlichen als auch kognitiven Beeinträchtigten wie Trisomie 21. Dann vereinbaren wir ein Treffen und reden drauf los. Die meisten sind sehr offen und erzählen gerne über sich. Es ist natürlich auch davon abhängig, inwiefern sie kognitiv beeinträchtigt sind. Bevor ich die Fotos und den Text online stelle, zeige ich ihnen alles nochmal und Frage um ihr Einverständnis.

 

Inklusion vs. Integration

Unter dem #undduso möchte ich zeigen, dass Inklusion im Gegensatz zu Integration der einzig richtige Weg ist. Integration geht davon aus, dass es eine Norm gibt und die, die von der Norm abfallen, nimmt man dann dazu. Inklusion ist dagegen etwas Ganzheitliches. Dabei geht man nicht davon aus, dass es die eine und die andere Gruppe gibt, sondern es gibt eine ganze gemeinsame Gruppe, in der alle verschieden sind. Und jeder hat bestimmte Merkmale - eine Behinderung kann eines von ganz vielen Merkmalen sein. Und so schaut man dann, dass eine diverse Gruppe gemeinsam unterrichtet wird. Natürlich braucht man dann mehr Lehrkräfte.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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Probleme im Schulsystem

Es ist generell ein großes Problem im Schulsystem, dass Kinder total an ihren Schwächen aufgemacht werden. Den Kindern wird meist nur gesagt was sie nicht können. Bei der Inklusion gibt es diese Bewertung von Fähigkeiten nicht. Ich vergesse z.B. oft, dass meine Schulkinder eine Beeinträchtigung haben. Ich wünsche mir, dass es eine Selbstverständlichkeit ist, dass alle Menschen, also auch Personen mit Beeinträchtigung ein gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft sind. Dafür muss es aber Begegnungspunkte geben und das fängt schon bei der Sprache an. Es ist nicht ok, wenn jemand das Wort „behindert“ falsch verwendet, aber falls es passiert ist es gut, wenn man es danach reflektiert und versucht es in Zukunft nicht mehr zu verwenden. Das hat in unserer Sprache in dem Sinne keinen Platz und das muss einfach aussterben.

Wenn ich Bildungsministerin wäre…

Realistisch gesehen will ich nicht die Person sein, die das alles reformieren muss. Idealistisch gesehen würde ich mir wünschen, dass jedes Kind das Recht hat zu entscheiden, in welche Schule er oder sie gehen will und es dann auch die Ressourcen und Möglichkeiten dafür gibt. Außerdem glaube ich, je heterogener eine Gruppe ist, desto mehr profitieren alle zwischenmenschlich. Natürlich wäre es nötig, dass mehr Lehrkräfte in der Klasse sind – Männer und Frauen – und generell ganz unterschiedliche Menschen. Je mehr Diversität, desto besser. Religion würde ich komplett aus der Schule nehmen, denn ich glaube, es hat dort einfach nichts verloren. Und man sollte den Kindern mehr zuhören, denn die meisten wissen sehr gut, was sie wollen. Und wenn man ihnen das zugesteht, dann wäre das auf jeden Fall eine gute Schule. Für diese Vorschläge muss es ein Umdenken und auf jeden Fall mehr Budget geben oder es muss zumindest an den richtigen Stellen eingesetzt werden.

 

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Das ist Martin. Martin verwendet gerne Phrasen wie bad ass, scheiß die Wand an und what the fuck. Danach grinst er schelmisch. Seine große Klappe sagt er, habe er schon immer gehabt. Und genau diese ist es gewesen, die ihm über so manche Benachteiligung hinweg geholfen hat. Martin schaut hin wo andere lieber weg schaun. Er macht den Mund auf, wenn andere lieber schweigen. Er zeigt Ungerechtigkeiten auf, die aufgezeigt werden müssen. Und das nicht nur in Situationen, die ihn selbst betreffen. Während eines gemeinsamen Spaziergangs sehen wir, wie ein Mann im E-Rollstuhl böswillig einen am Boden sitzenden Obdachlosen überollt. Während ich sprachlos und entsetzt bin, konfrontiert Martin den Mann und geigt ihm seine Meinung. Das war eines der vielen Male, die mich Martin an diesem Tag beeindruckt hat. • #undduso #inklusion #lebenmitbehinderung #inclusion #nobarriers #disability #barrierefrei #mabacher #wheelchair #analog #analogphotography #speekout #saynotodiscrimination

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Kürzung der Familienbeihilfe bringt noch mehr Hürden

Ich arbeite sehr eng mit den Familien zusammen und sehe, welche Hürden sie zu bewältigen haben. Der finanzielle Aufwand ist groß. Dass es nun weniger Geld gibt, ist ein wahnsinniger Einschnitt in das Leben der Familien. Sie brauchen Rollstühle, Schienen und Therapien, die von der Krankenkasse oft nicht komplett übernommen werden – das muss alles finanziert werden. Da wird wirklich an der falschen Stelle gespart. Mir ist es sehr wichtig auf Barrieren und Missstände aufmerksam zu machen, aber ich habe mir fest vorgenommen, dass „und du so?“ ein positives Projekt sein soll. Das sind keine Menschen, die leiden, sondern einfach andere Schwierigkeiten haben, aber auch weil wir nicht barrierefrei oder inklusiv sind.

 

Gretas Wunsch an die aktuelle Regierung

Da bräuchte ich eigentlich ganz viele. Ich wünsche mir, dass in Bildung und entsprechende Förderung von Kindern (egal ob mit oder ohne Behinderung) viel mehr investiert wird und sich die Regierung in ihrer Verantwortung diesbezüglich bewusst wird. Außerdem, wünsche ich mir, dass das Bildungspaket wieder zurückgenommen und überdacht wird, weil es einfach nicht zielführend ist. Ansonsten: dass sich die aktuelle Regierung selbst an der Nase nimmt und sich die Gesellschaft ansieht und ihnen klar wird, welche Bedürfnisse es wirklich gibt. Respektvolles Handeln wäre dabei sehr wichtig. Genauso wie einzusehen, dass Diversität überall ist – und das ist gut so.

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