Kämpferinnen: "Es müsste eine Versicherung gegen Scheidung geben"

Als Frau eine Führungsposition in der männlich dominierten Baubranche zu besetzen, ist an sich schon nichts Alltägliches. Andrea Höllbacher ist „noch dazu“ vierfache, alleinerziehende Mutter. Vom Vater ihrer vier Kinder verlassen, hat sie sich zeitweise mit zwei Jobs über Wasser gehalten hat. Der einzige Gedanke: „Wo kommt morgen das Essen her?“.

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In der Artikel-Serie "Kämpferinnen" lässt die WIENERIN Frauen zu Wort kommen, die in der Diskussion über politische Veränderungen nur selten in den Blick genommen werden und in ihrem Leben gegen private, berufliche und gesellschaftliche Widerstände kämpfen und gekämpft haben.
Heute: das Gesprächsprotokoll mit Andrea Höllbacher, vierfache alleinerziehende Mutter und Führungskraft in der Baubranche.

Als Frau eine Führungsposition in einer „männlich dominierten“ Branche wie dem Bauwesen zu besetzen, ist an sich schon nichts Alltägliches. Andrea Höllbacher ist „noch dazu“ vierfache, alleinerziehende Mutter. Eine Versicherung gegen Scheidung müsste es geben, meint sie, nachdem sie erzählt hat, wie sie, vom Vater ihrer vier Kinder verlassen, sich zeitweise mit zwei Jobs über Wasser gehalten hat. Der einzige Gedanke: „Wo kommt morgen das Essen her?“.

„Ich bin seit elf Jahren geschieden. Die Zeit davor war die schlimmste für mich: Mein Ex-Mann hat mich und unsere vier Kinder von heute auf morgen verlassen, hat unsere gemeinsame Firma in den Sand gesetzt. Er ist einfach abgehauen, hat die Konten leergeräumt. Es war ihm egal, ob unsere Kinder etwas zu essen haben. Ich hab nicht mehr gewusst, wo vorne und hinten ist. Aber ich wusste, ich muss Geld verdienen. Trotz Vollzeitjob hat es Zeiten gegeben, da habe ich am 13. aufs Konto geschaut und wusste nicht, wie ich morgen was zu essen kaufen soll. Also habe ich mir noch einen zweiten Job gesucht, sonst hätte ich es nicht geschafft. Gottseidank hat meine Mutter mir in dieser Zeit geholfen. Mein Sohn Fabio war vier, Laura war fünf, Verena war 13 Jahre alt, gerade in der Pubertät. Meine älteste, Ricarda, war 17. Wir haben im Burgenland gewohnt und ich bin jeden Tag nach Wien in den 14. Bezirk zu meiner damaligen Arbeit gefahren.

Vier Jahre lang habe ich gekämpft, mein einziger Gedanke war: Ich muss schauen, dass Geld da ist. Als hätte ich Scheuklappen aufgehabt. Das möchte ich nie wieder haben. Ich vergleiche das immer mit einem Sumpfloch, in dem ich bis zum Hals gesteckt bin. Aber ich habe mich selbst rausgezogen, ich ganz allein. Ich hatte finanziell keine Hilfe.
Ich sage immer, es müsste eine Versicherung gegen Scheidung geben. Ich musste vier Jahre auf den Unterhaltsvorschuss warten, mein Ex-Mann hat nie Alimente gezahlt. Und um diesen Vorschuss zu bekommen, musste ich immer beweisen, dass ich nichts bekomme, dass er nicht zahlen kann. Niemand denkt daran oder rechnet damit, dass man von heute auf morgen alleine dastehen kann, mit seinen Kindern und einer kaputten beruflichen Existenz.

Als Frau in der männlich dominierten Baubranche: Mit tiefer Stimme und Kugelschreiber

Wenn ich auf der Baustelle bin, muss ich mit manchen Sagern von den Hacklern umgehen. Ich weiß, ich hab eine große Klappe und bin schlagfertig und lass mir von niemandem etwas sagen. Ich habe nie das Gefühl, nicht respektiert zu werden. Mag sein, dass das mit meiner tiefen Stimme zu tun hat, am Telefon glauben viele, ich sei ein Mann. Auf der Baustelle gehen sie dann an mir vorbei und meinen dann: „Ich hab den Herrn Höllbacher erwartet“.
Sobald man auf der Baustelle eine Kamera um den Hals trägt oder Schreibblock und Kugelschreiber mit hat, dann gehen einem sowieso alle aus dem Weg, uh, die ist wichtig! Mich haut nichts um, ich mach Baubesprechungen mit elf Männern, die machen, was ich sage.

Ich selbst begrüße es immer, wenn ich auf der Baustelle einen weiblichen Lehrling sehe. Ich gehe extra zu ihr hin und sage ihr, wie super ich das finde. Die sind dann manchmal ein bisschen irritiert und glauben wohl, ich bin eine schräge Passantin. Es ist einfach leiwand, wenn Frauen einen technischen Beruf ergreifen. Viele gibt es allerdings nicht, vor allem in den führenden Positionen. Meine älteste Tochter arbeitet mittlerweile auch in einem Architekturbüro, sie scheint in meine Fußstapfen zu treten.

In der Baubranche ist es schwierig, einen Halbtagsjob zu bekommen. Für meine Tochter, die kommendes Jahr nach der Karenz wieder ins Berufsleben einsteigen wird, ist das Allerwichtigste die Kinderbetreuung, das ist das Um und Auf. Anderen mag das egal sein, die wollen zuhause bleiben – aber dann braucht es auch den Mann dazu, den hatte ich nicht. Alles alleine zu verdienen und dafür gerade zu stehen, ist natürlich doppelte Arbeit.

Mein Vater und mein Großvater waren schon beide in der Baubranche. Ich habe die HTL gemacht und mich nach der Geburt unserer Kinder mit meinem jetzigen Ex-Mann selbstständig gemacht. Nachdem er unsere Familie verlassen hat, habe ich in einem Architekturbüro gearbeitet, aber das ständige Pläne zeichnen ist mir irgendwann auf die Nerven gegangen – ich wollte raus auf die Baustelle! Weil ich eine Frau war, haben das damals manche nicht so gern gesehen, aber es war genau das, was ich immer wollte. Als die Kinder schon ein bisschen größer waren, habe ich nebenbei noch den Baumeister gemacht. Das war der reine Wahnsinn. Ich habe Vollzeit gearbeitet und an den Wochenenden für die Prüfung gelernt.

Endlich Anerkennung

Aber ich hab’s geschafft! Damit kam auch der Tag, an dem ich gemerkt habe: Jetzt hab ich den Baumeister, aber den falschen Job. Ich hab mich umgesehen und beworben und wollte herausfinden, was ich am Markt wert bin. So bin ich zu meinem jetzigen Arbeitgeber Glorit gekommen. Und bin jetzt endlich dort, in dem Beruf, den ich immer wollte. Das ist genau meins. Es ist traumhaft, dort zu sein, wo ich jetzt bin. Ich habe das Gefühl, derzeit etwas zu ernten. Ich seh es auch an meinen Kindern. Das Wichtigste ist, dass es ihnen gut geht. Das war damals so, das ist jetzt so.

Mit Abstand betrachtet sehe ich den Job, den ich jetzt habe, auch als eine Art Wertschätzung und Anerkennung, die ich bekomme. Die hatte ich früher nicht. Damals stand im Vordergrund: Ich muss arbeiten gehen, um unser Leben finanzieren zu können. Ich habe das Gefühl, dass diese Situation damals schon auch ausgenutzt wurde. Alle wussten „Die muss ja arbeiten“ und deswegen hat man mich niedrig gehalten, „die hat ja Angst, ihren Job zu verlieren“. Mir war das zum Beispiel immer sehr unangenehm, fast peinlich, wenn ich zuhause bleiben musste, weil eines der Kinder krank war. Die erste Frage, die man mir nach der Karenz mit meiner ältesten Tochter gestellt hat, war, ob ich „eh kein Kind mehr“ haben will. Ich habe Jobs nicht bekommen, weil ich eine Frau bin und man Angst davor hatte, dass ich wieder in Karenz gehe. Das ist jetzt 25 Jahre her, aber diese Frage ist hängen geblieben.
Damals war mir das so nicht bewusst, aber durch die Wertschätzung, die ich jetzt in meinem Beruf erfahre, habe ich vorher nicht erlebt. Ich werde ernst genommen, was ich sage, liegt und pickt."

 

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