Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Wir haben nachgefragt

Paul Sevelda, Vorstand der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung am Krankenhaus Hietzing, im Interview über die Geburt aus Ärztesicht.

Kaum ein Thema erzeugt hitzigere Debatten als die Geburt. Kaiserschnitt oder doch lieber natürliche Geburt? Wir haben mit einem Experten gesprochen.

Hat eine Kaiserschnittgeburt negative Auswirkungen auf Mutter und Kind?

Ich glaube, der Kaiserschnitt ist eine sehr gute ­Methode, Frauen und Kinder vor Todesfällen und Schädigungen zu bewahren. Er gehört eingesetzt, wenn er ­medizinisch indiziert ist. Wenn das so ist, dann freuen wir uns, dass wir ihn haben. Er hat für das Kind keine negativen Auswirkungen, das heißt aber nicht, dass wir ihn deswegen oberflächlich und leichtfertig einsetzen.


Werden Frauen ausreichend über die Folgen des Kaiserschnitts aufgeklärt?

Es gibt natürlich einen Operationsrevers, klar. Und Aufklärungsbroschüren im Vorfeld, die nicht nur die unmittelbaren operativen Komplikationen umfassen, sondern auch die Spätfolgen und psychischen Einflüsse. Es gibt ­immer wieder Frauen, die ­darunter leiden.

Die natürliche Geburt gilt als das Beste für ­Mutter und Kind – warum ist das so?

Eine vernünftig ­geleitete Geburt kann für eine Frau ein wunderschönes und unwiederbringliches Erlebnis sein. Außerdem erholen sich Mutter und Kind nach einer natürlichen Geburt schneller als nach einem Kaiserschnitt. Wir wissen aus großflächigen Untersuchungen, dass der Teil der Frauen, die spontan entbinden, eine höhere Stillquote hat, auch das Selbstwertgefühl der Frau ist durch diese Leistung ein deutlich höheres.


Wie kann man es einer Frau leichter machen, die sich auf eine natürliche ­Geburt vorbereitet hat und dann erfährt, dass doch ein Kaiserschnitt gemacht ­werden muss?

Das ist ein wichtiger Punkt und auch mein Wunsch: Ja, wir streben eine natürliche Geburt an, aber nicht um jeden Preis. Das muss man im Vorfeld klar sagen. Ich warne jede Frau, sich eine Geburt in allen Details vorzustellen. Ich erlebe die Enttäuschung als besonders groß, wenn eine Frau mit einem dreiseitigen Zettel kommt und sagt, das alles muss passieren. Wenn bei der Geburt dann alles anders ist, ist die Frustration unendlich groß. Und das, glaube ich, sollte man vermeiden, indem man sagt: Wenn es geht, wunderbar, aber wenn nicht, muss man die nötigen Maßnahmen moderner Medizin in Anspruch nehmen. Und auch dankbar sein, das zu können.

Lange Zeit wurde bei Erstkaiserschnitten automatisch auch beim zweiten Kind eine Operation durchgeführt. Ist das noch zeitgemäß?

Am Krankenhaus Hietzing hatten wir eine Kaiserschnitt­rate von 30 Prozent, auch aufgrund der ­Zweitkaiserschnitte. Diese Strategie haben wir gründlich überdacht und ­gehen jetzt sehr viel konser­vativer vor. Mittlerweile können etwa 50 bis 70 Prozent der Frauen mit Erstkaiserschnitt ihr zweites Kind spontan gebären und die Kaiserschnittrate ist auf 23 Prozent gesunken. Das sehen wir als großen Erfolg.

 

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