Juliane Bogner-Strauss: "Meine Tochter gendert immer"

Chefredakteurin Barbara Haas traf die neue Frauenministerin und "pragmatische Feministin" zum Gespräch und fand heraus, was die Grazerin mit ihrem (Mini-)Budget von 9,5 Mio. Euro frauenpolitisch für die Zukunft geplant hat, was sie von der Gender-Debatte hält und warum sie das Frauen*volksbegehren nicht unterschreiben will.

Hipper geht’s fast nicht: Wir treffen Frauenministerin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP) im Dachboden des 25 Hours Hotel in Wien. Es ist Abend, für viele Feierabend. Die 46-Jährige gibt sich locker, nahbar und angenehm im Gespräch. Ihr Pragmatismus lässt aber auch fast keine politische Emotion durch – vor allem, wenn es um das Thema Kinder­betreuung geht. Trotzdem zeigt der Abend neue Seiten der Molekularbiologin aus Graz.

Frau Ministerin, Sie bezeichnen sich als pragmatische Feministin, was heißt das?

Juliane Bogner-Strauß: Pragmatisch finde ich mich, weil ich gern Dinge anpacke, und Feministin bin ich, weil ich gleichberechtigt erzogen wurde und für Frauen etwas bewegen will.

Sie haben eine Tochter. Inwiefern spürt sie Ihren feministischen Ansatz?

Meine Tochter wächst in der Selbstverständlichkeit von Gleichstellung auf – wenn sie spricht, gendert sie immer. Es macht einen Unterschied, ob sie von einer Ärztin oder einem Arzt spricht.

Gendern ist ein Reizthema – würden Sie es gut finden, wenn alle Zeitungen gendern ­würden?

Teilweise fördert es nicht die Verständlichkeit und dort halte ich es nicht für sinnvoll. Aber allein, wenn man es in der Sprache nützt, ist es ein Element, das Bewusstsein schafft.

Sprache besteht aber auch aus Schrift, oder?

Schon, aber ich meine beim Sprechen. Ich benütze es, meine Tochter benützt es – die Generation vor uns benützt es seltener, und das bedauere ich.

Natürlich ist das Budget sehr klein und wir alle hätten gern mehr, aber ich finde es positiv, dass bei diesem Ressort keine Einsparungen gemacht wurden.
von Juliane Bogner-Strauß

Kommen wir zu einem Kern­thema: Sie sagen, der Ausbau von Kinderbetreuung sei Ihnen wichtig, Sie wollen, dass Frauen Wahlfreiheit haben. Fast 50 Prozent aller Österreicherinnen arbeiten Teilzeit, oft, weil es keine Betreuung gibt. In Oberösterreich ­wurde nun der Gratiskindergarten gestrichen, das treibt Frauen aus dem Arbeitsprozess. Die Regierung dort ist schwarz/blau, die im Bund auch. Warum soll das Angebot nun besser werden?

Ich fange mit der Wahlfreiheit an, denn ich möchte, dass wir Frauen alle Modelle akzeptieren, Vollzeitmutter und volle Berufstätigkeit. Mir ist deshalb auch wichtig, dass es die Chance auf flexi­ble Kinderbetreuung gibt, das hat mir selbst geholfen, schnell wieder Vollzeit in den Job einzusteigen und Karriere machen zu können. Und zu Oberösterreich: Es war das einzige Bundesland, das neben Wien noch ganztags Gratisbetreuung angeboten hat. Vielleicht war der Zeitpunkt der Einstellung nicht ganz optimal, aber alle Länder bieten ­gestaffelte Kosten für Kinderbetreuung an. Die Evaluierung wird zeigen, wer sie gebraucht hätte und wer sie sich nicht leisten konnte. In Wels sagt ein ­Drittel, sie brauchen die Nachmittagsbetreuung nicht mehr. Brauchen die das also nicht mehr?

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Ich weiß nicht, wie es allen Familien in Oberösterreich geht, aber es gibt Fälle, wo es nach geschrumpften Nachmittagsgruppen zur kompletten Auflösung kam, weil kleine Gruppen untragbar sind – und Frauen aus ihren Jobs aussteigen, weil kein Angebot mehr da ist.

Es greift viel ineinander, ­darum will ich ja den Ausbau. Aber ich ­halte es da wie in der Wissenschaft: erst mal die Faktenlage einholen und sich dann ansehen, welche Auswirkungen es gehabt hat. Ich komme aus der Steiermark und habe für die Kinderbetreuung immer gezahlt.

Und fanden Sie das gut?

Ich wollte ja auch eine gute Kinderbetreuung. In Wien ist es gratis, da hat es auch eine Berechti­gung. Für Kinder mit Migra­tionshintergrund und nicht deut­scher Muttersprache muss so viel wie möglich getan werden, damit sie unsere Sprache lernen.

Mehr lesen: [Kindergartengebühren] "Herr Landeshauptmann, ich werde mein Kind bei Ihnen abgeben"

Geht es denn nicht um alle Kinder? Meine Kinder etwa können sehr gut Deutsch, sie sind nachmittags im Kindergarten – gratis. Ich finde das gut, ehrlich gesagt.

Sicher, es gibt beide Systeme. Für mich war die Steiermark gut, und wenn man das braucht, dann gibt es ja auch soziale Staffelungen in jedem Bundesland.

Anderes Thema: Das Budget des Frauenministeriums ist extrem klein (9,5 Mio. Euro, Anm.) und fix verplant. Sie sagen, Sie konnten das Budget halten. Warum finden Sie, dass das ein Erfolg ist?

Das ist ein pragmatischer Ansatz. Natürlich ist das Budget sehr klein und wir alle hätten gern mehr, aber ich finde es positiv, dass bei diesem Ressort keine Einsparungen gemacht wurden. Ich möchte aber mit Bewusstseinsbildung Themen ansprechen, etwa das Pensionssplitting oder auch die Teilzeitbeschäftigung.

In Wien ist Kinderbetreuung gratis, da hat es auch eine Berechti­gung. Für Kinder mit Migrationshintergrund und nicht deut­scher Muttersprache muss so viel wie möglich getan werden, damit sie unsere Sprache lernen.
von Juliane Bogner-Strauß

Mit welchen Themen wollen Sie selbst politisch greifbar werden?

Die Kinderbetreuung, da müssen wir mehr Plätze schaffen; der bereits publizierte Familienbonus, und dann natürlich Frauenthemen. Wir haben etwa heuer 100 Jahre Frauenwahlrecht. Darüber hinaus ist mir die Gendermedizin ein Anliegen.

Sie plädieren für Frauensolidarität – das Frauenvolksbegehren zu unterschreiben wäre für Sie so eine Möglichkeit gewesen. Sie haben aus zwei Gründen nicht unterschrieben: die 50-Prozent-Quote und die 30-Stunden-Woche. Sie sind aber doch Frauen- und nicht Wirtschaftsministerin, oder?

Zu den genannten Punkten kommt noch ein wichtiger dazu: Das ist ein Volksbegehren, und ich finde, dass dies nicht von der Politik vereinnahmt werden soll.

Dann lieber noch ein poli­tisches Thema: Im Wahlkampf einigten sich alle Kandidaten in der „Elefantenrunde“ von Puls 4 darauf, die Unterhaltsgarantie für AlleinerzieherInnen umzusetzen. Werden Sie Ihren Bundeskanzler ­Sebastian Kurz daran erinnern, dass er den 310.000 Allein­erziehenden ein Versprechen gab?

Wir werden die Unterhalts­höhe evaluieren, werden uns die Unterhaltshöchstgrenze ansehen und uns anschauen, wo diese Unterhalts­vorschüsse hingehen und warum sie nicht zurückkommen. Das betrifft genau die Menschen, auf die wir achten müssen. Aber um es auf den Punkt zu bringen: Im Regierungsprogramm ist die Unterhaltsgarantie nicht verankert.

Sie sind voll berufstätig, haben drei Kinder, pendeln zwischen Graz und Wien. Wie steht’s aktuell mit der Work-Life-Balance?

Ich habe auch in der Wissenschaft oft abends und am Wochenende gearbeitet, also ähnlich wie vorher. Der Unterschied ist, dass ich auch mal zwei oder drei Nächte auswärts ver­bringe.

Ihre Kinder sind 6, 9 und 18 Jahre alt – geht’s ohne Nanny?

Wir hatten nie eine Nanny, die Kinderbetreuung teilen wir uns in einem großen Familien- und ­FreundInnen-Netzwerk auf.

*"Auf einen Spritzer mit...": In unserem Format gehen wir mit bekannten Wienerinnen und Wienern monatlich auf einen Spritzer. Diesmal: Frauenministerin Bogner-Strauß. Sie probierte im Dachboden des 25 Hours Hotel einen Daydreamer (Cuvée), während WIENERIN-Chefredakteurin Barbara Haas dem klassischen Spritzer vertraute (siehe Foto).

 

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