Julia Herr: „In der SPÖ gibt es Alte-Männer-Klubs“

Die 24-jährige Julia Herr stimmt als Vorsitzende der Sozialistischen Jugend nicht immer mit ihrer Mutterpartei überein. Im Gespräch mit der WIENERIN.at übt sie scharfe Kritik an Altherren-Klubs und verkrusteten Parteistrukturen.

Dieser Artikel wurde erstmals am 27.11.2015 im Rahmen der Reihe „Jungpolitikerinnen im Gespräch - Österreichs einflussreichste Politikerinnen unter 30" veröffentlicht.

Wenn man der 24-jährigen Julia Herr gegenüber sitzt, merkt man sofort: das ist eine Frau, die etwas bewegen will. Dass das als Vorsitzende der Sozialistischen Jugend (SJ), die ja nicht immer mit der SPÖ übereinstimmt, ein schwieriger Job ist, wird auch bald klar. Als junge Frau sei es nahezu unmöglich, sich gegen "50-Plus-Männer mit Bierbauch" in der Partei durchzusetzen, erzählt sie. Sie fordert mehr Frauenpolitik auf der roten Agenda und eine Partei des Mitmachens statt des Stillstands. Außerdem verrät sie uns, ob sie Bundeskanzlerin werden will.


Frau Herr, Sie sind die die erste Frau an der Spitze der Sozialistischen Jugend (SJ). Ist das nicht etwas spät für eine Organisation, die eigentlich für Geschlechtergerechtigkeit eintritt und seit 121 Jahren existiert?

JULIA HERR: Wahrscheinlich schon. Das hätte schon viel früher passieren müssen. Wenn man sich die Geschichte der SJ ansieht, ist sie ja von Männern für Männer gegründet worden. Das hat man auch sehr lange gespürt und Frauen mussten sich ihre Rechte erst erkämpfen. Aber wir haben es jetzt geschafft, dass es erstmals mehr weibliche Vorsitzende als männliche in der SJ gibt.

Könnte sich da die SPÖ in Sachen Frauenquote etwas von euch abschauen?

JULIA HERR: Wir haben eine 50-Prozent-Frauenquote im Vorstand und wir halten sie auch ein. Da kann sich die SPÖ sicher etwas abschauen. Der Fall Sonja Ablinger (nach dem Tod der ehem. Nationalratspräsidentin Barbara Prammer hätte eigentlich Ablinger den Posten bekommen sollen, es wurde dann aber Walter Schopf, Anm.) – das war für feministische Frauen in der SPÖ ein Schlag ins Gesicht, wenn eigentlich im Statut steht, dass eine Frau nachrücken müsste und es passierte trotzdem nicht.

Ist es schwierig, sich ins System SPÖ einzubringen, wenn man nicht gerade von Kindesbeinen an in der Partei aktiv ist?

JULIA HERR: Ja, es ist schwierig für Leute, die quer einsteigen. Das muss geändert werden, denn diese lebenslangen Mitgliedschaften gibt es nicht mehr. Alles wird dynamischer und da muss man sich als Partei öffnen. In Deutschland gibt es zum Beispiel Schnuppermitgliedschaften – solche Tools müssen wir uns im Jahr 2015 überlegen.

Ist der Parteiapparat zu hierarchisch?

JULIA HERR: Auf jeden Fall zu undemokratisch. Viele Entscheidungen werden nicht in Parteigremien getroffen. Da gibt es ein tolles Zitat von Johanna Dohnal, die sich gedacht hat, sie geht in die Politik und kann im Bezirksvorstand, im Landesvorstand, im Ministerium etwas verändern. Bis sie gemerkt hat: die Entscheidungen werden von Männern im Hinterzimmer getroffen, die sich bei einem Bier Dinge ausmachen. Das hat sich bis heute gehalten. Es wird ganz viel schon vorher entschieden. Vieles hört man auch aus den Medien. Wenn ich wieder etwas lese, denke ich mir: da kann ich ja auf die nächste Vorstandssitzung pfeifen, wenn schon alles klar ist.

Das heißt: es gibt noch immer Alte-Männer-Klubs in der SPÖ und der Politik generell?

JULIA HERR: Ja sicher gibt’s die. Keine Ahnung, wie man die loswird. Diese 50-Plus-Männer mit Bierbauch, die sich treffen und Dinge unter der Hand ausmachen. In der SPÖ ist es immerhin noch besser als in anderen Parteien. Es gibt schon Frauen, die etwas zu sagen haben und Organisationen hinter sich stehen haben. Vielleicht gibt es auch in diesen Machtzirkeln zwei bis drei Frauen. Ich weiß gar nicht, ob das nur noch reine Männerpartien sind. Sie bleiben trotzdem Gremien, die nicht demokratisch legitimiert sind. Das ist vor allem für junge Frauen eine Hürde und man muss über andere Schienen den Weg hineinfinden.

Hat man da manchmal das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen?

JULIA HERR: Die Windmühlen gibt es schon, aber ich bilde mir ein, zu wissen, wie man gegen sie vorgehen kann und deswegen ist es nicht so frustrierend. Quoten wirken. Weibliche Vorbilder wirken. Wenn du Frauen an die Spitze stellst, dann sprechen sie auch mehr Frauen an.

Beim SPÖ-Bundesparteitag 2014 wurden Sie von der Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek von der Bühne verwiesen. Was ist da genau passiert?

JULIA HERR: Ich habe eigentlich eine Rede gegen den Wettbewerbspakt gehalten. Wir wollten danach Eugen Freund, der damals EU-Spitzenkandidat war, auffordern, Parteimitglied zu werden. Ich glaube, die Frauenministerin hat nicht gewusst, was passiert und geglaubt, es kommt eine arge Geschichte, die es nicht gewesen wäre, und hat mich dann einfach salopp von der Bühne gewiesen. Dass ein altgediegener, eingesessener SPÖ-Funktionär über 50 von der Bühne gewiesen wird, wäre sicher nicht passiert. Wir haben uns aber danach getroffen und das Problem aus der Welt geschafft.

Werner Faymann bekam von Ihnen schon lange keine Stimme mehr. Warum?

JULIA HERR: Wir haben am Parteitag 2012 sehr viele Anträge für mehr Transparenz und Demokratie gestellt, die uns wirklich wichtig waren. Eigentlich müsste sich die SPÖ in so vielen Dingen reformieren – das ist nicht passiert. Unsere Stimme hat er aus diesem Grund nicht.

Was müsste sich denn in der SPÖ ändern?

JULIA HERR: Sie müsste mehr zur Mitmach-Partei werden. Früher bist du zur SPÖ gegangen, weil der Werner dir vielleicht beim Job oder der Wohnung helfen konnte. Das gibt’s jetzt nicht mehr. Das Einzige, was die SPÖ – vor allem jungen Leuten – anbieten kann, ist Mitbestimmung. Du wirst nicht in eine Partei gehen, wenn du das Gefühl hast, dass deine Stimme dort nicht zählt. Ein großes Problem ist auch, dass der Parteiapparat sehr abgehoben ist. Und dass die Sorgen des „kleinen Mannes“ zur FPÖ wandern – was auch nicht stimmt, weil die FPÖ keine Politik für den kleinen Mann macht. Die FPÖ agiert gegen Menschen, die armutsgefährdet sind. Die SPÖ muss sich hier rückbesinnen.

"Es gibt auch österreichische Sexisten." Lesen Sie weiter auf Seite 2!

Julia Herr wurde am 28. November 1992 im Burgenland geboren und ist seit 2014 als erste Frau und mit gerade einmal 21 Jahren auch als jüngstes Mitglied Vorsitzende der Sozialistischen Jugend Österreich geworden. Sie studiert Soziologie an der Universität Wien.

Müssten sich mehr Migrantinnen und Migranten in der Partei engagieren?

JULIA HERR: Ja, auf jeden Fall. Wenn man von einer diversen Partei spricht, dann müssen mehr Migrantinnen und junge Leute kommen. Gerade jetzt, wenn viele Flüchtlinge kommen – dann muss das sofort die Gruppe sein, für die Politik gemacht wird. Wenn eine sozialdemokratische Partei nicht Politik macht für die, die es wirklich brauchen und um die sich niemand kümmert, dann hat sie ihren Anspruch verloren.

In einer Aussendung kritisieren Sie den Zaun an der Grenze als "Schlag gegen die Menschlichkeit!“ Wo liegt das Problem an diesem Zaun?

JULIA HERR: Dieser Zaun – vier Kilometer lang, dann hört er auf und dann kommt Wald – ist nichts außer unnötig. Er hält niemanden ab und kann umgangen werden. Das war reiner Populismus, die ÖVP konnte wieder das rechte Klientel ansprechen. Im Sommer haben wir noch darüber gesprochen, dass es nicht genug Unterkünfte gibt – jetzt reden wir über den Bau von Zäunen. Worüber diskutieren wir in ein paar Monaten? Irgendwann muss man sich hinstellen und diesem FPÖ-Tenor etwas entgegensetzen.

Was halten Sie von den geplanten Werteschulungen?

JULIA HERR: Ich muss beim Wort „Werte“ immer an Frank Stronach denken. Was sollen überhaupt „österreichische Werte“ sein? Die einen sagen Würstelstände, die anderen sagen Bravsein und Sauberkeit. Wenn man sagt, wir wollen den Flüchtlingen beibringen, Frauen nicht zu diskriminieren – der Vorschlag kommt aus einer Partei mit einer Null-Prozent-Frauenquote! Es gibt auch österreichische Sexisten. Diese Diskussion ist scheinheilig. Natürlich gibt es so etwas wie demokratische Grundwerte, aber die gelten für alle, nicht nur für AsylwerberInnen. Deswegen wäre ein Pflichtfach „Politische Bildung“ so wichtig.

Warum sind Sie ursprünglich in die Politik gegangen?

JULIA HERR: Ich bin politisch aktiv geworden wegen den ganz großen Fragen: wieso haben manche Leute viel Geld, manche wenig? Wieso geht’s dem Norden so gut und dem Süden so schlecht? Wie es passieren kann, dass man Menschen im Mittelmeer sterben lässt. Diese Dinge haben mich immer beschäftigt. Mit 16 oder 17 bin ich dann durch Freunde zur SJ gekommen und war beeindruckt von diesen vielen jungen Menschen, die sich mit so ernsten Themen wie Kapitalismus und Sozialismus beschäftigen.

Ist Bundeskanzlerin ein Job, der Sie reizen würde?

JULIA HERR: (lacht) Weil man viel Macht hat – dahingehend vielleicht schon. Aber es ist ein sehr schwerer Job. Man kann es niemandem recht machen. Generell macht man sich als Politikerin sehr unbeliebt. Ich verstehe, dass junge Leute keinen Bock drauf haben, weil man sofort gebrandmarkt wird. Viele denken: Politiker sind eh alle korrupt, arbeiten nicht und liegen nur auf der faulen Haut rum.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

JULIA HERR: Ich bin Kritik gewohnt. Alles, was ich mache, muss ich rechtfertigen – und das ist gut so. Wir haben eine Organisationskultur, die konstruktive Kritik ernst nimmt. Das ist unser Anspruch. Und Kritik macht eine schließlich nur härter.

Faktbox (a6a757ff)

 

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