Joy: Wenn Opfer von Frauenhandel selbst zu Täterinnen werden

Die österreichische Regisseurin Sudabeh Mortezai hat mit Joy einen Film geschaffen, der keinen Spielraum für Interpretationen lässt. Ein Gespräch über Frauen, die keine Solidarität kennen.

Nachos, Chips, Cola - alles, was einen Kinobesuch normalerweise begleitet, kann man sich bei Joy sparen. Dafür lässt der Film keinen Raum. Das wird schon nach den ersten Minuten klar, die ein Voodoo-Ritual in all seinen brutalen Einzelheiten in einer Hütte in Nigeria zeigen. Schnitt.

Wien. Der Straßenstrich, am Rand der Stadt. Man ist gleich mittendrin in der Geschichte von Joy und Gracious, zwei nigerianischen Frauen, die von Schleppern nach Europa gebracht wurden und als Prostituierte arbeiten müssen, um ihre Schulden abzuzahlen. Das wenige, das sie verdienen, dürfen sie nicht behalten. Es gehört der "Madame" - ihrer Zuhälterin.

Joy ist der zweite Spielfilm der österreichischiranischen Regisseurin Sudabeh Mortezai, den sie so gnadenlos dokumentarisch in Szene gesetzt hat, dass die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschwimmen. Was man bei diesem Film lernt? Viel. Über Moral, Verzweiflung und ein System, in dem Frauen gleichzeitig Opfer und Täterinnen sind. Die knapp 100 Minuten fesseln, erschüttern - und machen sprachlos.

Sudabeh Mortezai

Sudabeh Mortezai ist unglaublich gut gelaunt, als wir sie zum Interview im Gartenbaukino treffen. Kein Wunder, sie hat am Vorabend im Rahmen der Viennale den Wiener Filmpreis bekommen. Wir setzen uns auf ihre Lieblingsplätze im Kinosaal. Reihe 15, Platz elf und zwölf.

So kurz nach dem Ansehen Ihres Films Joy fehlen einem fast die Worte für ein Gespräch.

Sudabeh Mortezai: Mir haben schon viele Leute gesagt, dass sie der Film hart trifft. Das war auch die Absicht. Ich wollte das Publikum nicht schonen.

Sie zeigen in Ihrem Film ein System von Menschenhandel, bei dem Frauen von anderen Frauen, den "Madames", zur Sexarbeit gezwungen werden.

Beim nigerianischen Frauenhandel bewegen sich Frauen in einem Kreislauf von Opfern, Täterinnen und Komplizinnen. Frauen, die selbst Opfer von Menschenhandel waren, verfolgen ein Ziel: Sobald sie es geschafft haben, ihre "Schulden" als Prostituierte abzuzahlen, drehen sie den Spieß um und lassen als "Madame" selbst Mädchen für sich arbeiten. Sie haben sich also keine solidarische Freiheit erkauft, sondern nur die Chance, zu einer Frau zu werden, die von diesem perfiden System profitiert.

Wir können uns nicht einfach distanzieren und sagen, dass diese Schicksale nichts mit uns zu tun haben. Es war nur ein glücklicher Zufall, dass wir woanders geboren wurden.

von Sudabeh Mortezai

Sie haben vier Jahre an Joy gearbeitet. Wie sind Sie mit den Geschichten umgegangen, die Sie im Zuge Ihrer Recherchen gehört haben?

Es war schwierig, ein gutes Nähe-Distanz-Verhältnis zu bewahren. Das Thema ist mir richtig unter die Haut gegangen. Ich bin ja selbst eine Frau.

Und da spürt man fast körperlich, was es heißt, so verwundbar zu sein - auch, wenn man selbst eine komplett andere Biografie hat.

Die Filmemacherin ist im Iran aufgewachsen. Ende der 1970er-Jahre kam sie mit ihren Eltern nach Wien. Sudabeh Mortezai studierte Theaterwissenschaft, arbeitete bei der Viennale und betrieb 2001 das Filmcasino in Wien - so lang, bis der Wunsch, selbst hinter der Kamera zu stehen, so groß wurde, dass sie für drei Jahre an der UCLA Film studierte. Es folgten Kurzfilme, dann Dokumentationen, mit denen sie erste Erfolge feierte. Mit ihrem ersten Film Macondo fand sie im dokumentarischen Spielfilm auch ihr Genre. Sie arbeitet ausschließlich mit LaiendarstellerInnen, die sie in dem Umfeld castet, in dem ihre Geschichten spielen. Es gibt ein Drehbuch, die Dialoge sind aber immer spontan.

Gibt es im Film eine Szene, die Sie besonders berührt?

Spontan denke ich an einen kurzen Blickwechsel zwischen den Hauptdarstellerinnen, der sagt: Jede von uns kämpft für sich. Ich würde dich umbringen, wenn es um meinen Vorteil geht, vertrau mir nicht. Das ist eine bittere Wahrheit und hat auch etwas Systemisches. Wir Menschen sind alle gleich. Wir können uns nicht einfach distanzieren und sagen, dass diese Schicksale nichts mit uns zu tun haben. Es war nur ein glücklicher Zufall, dass wir woanders geboren wurden.

Haben Sie nicht auch Wut gespürt, dass es hier keine Solidarität zwischen den Frauen gibt?

Ich habe mit Wut begonnen zu recherchieren. Meine erste Reaktion war: Wenn man all das selbst erlebt hat, dann kann man das doch nicht einer anderen Frau antun. Aber das stärkste Lernerlebnis für mich war, wirklich zu verstehen, dass man sich diese gewisse moralische Empörung auch leisten können muss.

Wie meinen Sie das?

Ich war auf Recherchereise, etwa in Nigeria.

Mein Fazit war, dass wir überhaupt keine Ahnung haben, was für ein privilegiertes Leben selbst die Schwächsten und Ärmsten in Europa führen. Es ist mir immer schwerer gefallen, ein moralisches Urteil zu fällen. Natürlich ist es schrecklich und menschenverachtend, was die Madames machen. Aber sie sind selbst auch Opfer gewesen. Man kann nicht sagen: Hier ist das Opfer, da die Täterin. Es ist für mich immer noch erschütternd, aber es kann keine Solidarität geben, wenn das System so perfide ist.

Joy Filmstill

Gehen Sie nach dem Film mit einem anderen Blick durch Wien?

Ich unterstelle jetzt, dass etwas mit dem Publikum passieren wird, wenn es das nächste Mal eine Nigerianerin sieht. Dass man sich denkt, dass diese Menschen auch eine Geschichte haben, vielleicht eine sehr tragische. Ich bin schon jenseits dieser Dinge.

Woher nehmen Sie die Kraft, mit derart schwierigen Themen zu arbeiten?

Ich bin ein wahnsinnig lebenslustiger Mensch. Ich glaube, die Leute sind immer ein bisschen schockiert, wenn sie erst den Film sehen und dann mich. Aber man braucht schon eine grundpositive Energie, um das auch auszuhalten.

Sudabeh Mortezai wurde u. a. bei den Filmfestspielen in Venedig mit den Preisen für die beste weibliche Regie und den besten europäischen Film ausgezeichnet. Joy startete am 18.1.2019 in den Kinos.

 

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