Jobwechsel in Corona-Zeiten: Kann das klappen?

Wir haben eine Karriereberaterin gefragt, wie ein Jobwechsel aktuell gelingen kann und wer in Corona-Zeiten lieber keine Kündigung riskiert.

Job kündigen während Corona?

Viele Menschen sehnen sich momentan nach Veränderung, etliche finden sich durch die Krise in unsicheren Berufsverhältnissen wieder - die Überlegung, beruflich neu anzufangen, liegt nahe.

Wie eine aktuelle Studie zeigt, denkt gerade jede*r fünfte Arbeitnehmer*in mehrmals pro Woche oder Monat darüber nach, den Job zu wechseln. Vor allem junge Arbeitnehmer*innen, Personen in Kurzarbeit sowie Wiener*innen sind momentan besonders wechselwillig.

In welchen Situationen ein Jobwechsel tatsächlich sinnvoll ist, welche Vorteile wir aus der Krise ziehen können und wie Recruitingprozesse in einer Pandemie ablaufen, erklärt uns Coach & Karriereberaterin Diana Huber (denkvadrat.at).

WIENERIN: Ein Jobwechsel mitten in der Pandemie – eine Schnapsidee?

Diana Huber: Nein, ganz und gar nicht! In manchen Fällen ist sogar das Gegenteil der Fall. Manchen meiner Kund*innen rate ich sogar explizit zu einem Jobwechsel, bei vielen gilt es, einige Faktoren abzuwägen. Ein paar wenigen wiederum empfehle ich, einen möglichen Jobwechsel zu überdenken.

Für wen ergibt ein Jobwechsel aktuell Sinn?

Mit einer pauschalen Aussage tue ich mir schwer. Es kommt immer auf die persönliche Situation an. Was für den einen gut und richtig ist, kann für den anderen schon wieder falsch sein. Lassen Sie mich ein wenig ausholen.

Grundsätzlich würde ich sagen, macht ein Jobwechsel dann Sinn, wenn der Dienstgeber oder sogar eine gesamte Branche unmittelbar von der Pandemie betroffen ist. Wir müssen davon ausgehen, dass es wohl noch dauern wird, bis in allen betroffenen Bereichen eine Art Normalität wie vor der Pandemie einkehrt. Es ist eher wahrscheinlich, dass in der nächsten Zeit Arbeitsstellen verloren gehen. Auch kann ich mir persönlich nicht vorstellen, dass alle Arbeitsplätze, welche derzeit über die Kurzarbeitregelung aufgefangen wurden, auf Dauer gesichert werden können. So kann für Menschen, die in betroffenen Branchen arbeiten, ein frühzeitiger Jobwechsel durchaus das Richtige sein.

Viele der Betroffenen haben verständlicherweise Existenzängste und keine Vorstellung, was sie stattdessen machen können. Meiner Erfahrung nach, gibt es immer irgendeinen Plan B, welcher zumindest vorübergehend eine gute Alternative ist. Doch nicht immer ist dieser Plan sofort sicht- und greifbar. Weiter hilft oft eine externe Sichtweise, von jemandem aus dem engeren Familien- und Freundeskreis oder auch eine professionelle Karriereberatung. Es geht um Optionen, manchmal auch komplette Neuausrichtungen. Viele Betroffene werden vielleicht auch irgendwann wieder in ihren ursprünglichen Bereich zurückkehren können. Doch wann das sein wird, wird derzeit niemand sagen können.

Jede Krise birgt auch Potential. Sicher werden manche alten Pfade nicht mehr begehbar sein, doch es werden neue Wege entstehen.

von Diana Huber, Karriereberaterin

Wem würden Sie momentan eher von einem Jobwechsel abraten?

Tendenziell Menschen, die in einer derzeit stabilen Branche arbeiten, vielleicht auch bei einem Dienstgeber, der von der aktuellen Lage profitiert. Wenn sie sich wohlfühlen und von der Persönlichkeit her eher sicherheitsorientiert sind, dann würde ich mich fragen, ob eine berufliche Neuorientierung nicht noch ein paar Monate warten kann. Man kann ja eine Entscheidung beispielsweise auf den kommenden Herbst und Winter verlegen und dann die Situation neu bewerten.

Nun gibt es aber auch Menschen, die zwar in einer vermeintlich sicheren Branche arbeiten, sich aber nicht mehr aufgehoben fühlen oder mit den Firmenwerten identifizieren können. Manche meiner Klient*innen berichten, dass sich das Betriebsklima verschlechtert hat und sie gewisse Veränderungen nicht mehr mittragen wollen. Andere berichten, dass sie sich selbst verändert haben und einen Job suchen, der mehr Sinn bringt und einen Beitrag zur Gesellschaft leistet. Auch hier empfehle ich einen Jobwechsel von allen Seiten zu betrachten und alle Vor- sowie Nachteile für sich abzuwägen. Muss ein Wechsel sofort sein? Oder kann er noch ein paar Monate warten? Kann ich vielleicht heute schon was tun, um mich kurz- und mittelfristig in die gewünschte Richtung zu begeben? Stichwort: Weiterbildung. Aber natürlich gilt: Bevor man mit Bauchschmerzen weiter zu Arbeit geht, heißt es, eine Entscheidung zu treffen.

Es gibt sie aber auch, die Menschen, die in der derzeitigen Entwicklung eine neue Chance sehen und sich mit einer zukunftsträchtigen Idee beispielsweise selbstständig machen. Jede Krise birgt auch Potential. Sicher werden manche alten Pfade nicht mehr begehbar sein, doch es werden neue Wege entstehen.

Wie haben sich die Recruitingprozesse durch Corona verändert?

In erster Linie dauern diese länger, in zweiter Linie ist alles digitaler geworden. Was die Länge anbetrifft, liegt das zum einen daran, dass viele Abteilungen im Homeoffice sind und damit eine Abstimmung etwas mehr Zeit in Anspruch nimmt. Auch für einige Entscheidungen braucht es derzeit einfach mehr an Geduld, was auch daran liegt, dass das persönliche Kennenlernen zwischen Kandidat*in und Unternehmen erst ziemlich am Ende des Prozess stattfindet. Aktuell werden sehr viele Erstgespräche virtuell z.B. via Zoom geführt, was zwar im Recruiting per se nichts Neues ist, aber in der Masse dann schon.

Manche Unternehmen sind derzeit noch etwas zögerlich, was die Ausschreibungen von Vakanzen betrifft. Hier heißt es einfach, dranbleiben und immer wieder die bekannten Internetportale im Auge behalten. Nicht entmutigt sein, wenn derzeit keine passenden Positionen zu finden sind. Das kann sich in den nächsten Monaten durchaus ändern.

Unternehmen suchen mehr als je zuvor nach neuen Mitarbeiter*innen, die frischen und inspirierenden Wind mitbringen.

von Diana Huber, Karriereberaterin

Mit welchen Besonderheiten muss ich beim Jobwechsel zurzeit rechnen?

Von manchen meiner Kund*innen habe ich gehört, dass neue Mitarbeiter*innen direkt ins Homeoffice einsteigen. Das ist natürlich eine ganz andere Einarbeitungsphase als wir bisher gewohnt waren, doch kann sie gut funktionieren. Es ist selbstverständlich schwieriger ins Teamgefüge zu finden, wenn man sich nicht mal in der Kaffeeküche treffen oder gemeinsam zum Mittagessen gehen kann. Viele Unternehmen haben aber ihre Prozesse angepasst und einen guten Weg gefunden, mit der neuen Situation umzugehen. Ich denke da beispielweise an Schulungsvideos oder virtuelle Assistenten. Sicher ersetzt das keinen menschlichen Kontakt, doch macht es eine gute Einarbeitung nicht unmöglich.

Welche Vorteile kann ich aus der aktuellen Situation ziehen, wenn ich Job wechseln bzw. mich beruflich umorientieren möchte?

Es ist wahrlich eine besondere Zeit, die viel von uns abverlangt und uns auch zwingt gewohnte Wege zu verlassen. Was meiner Meinung nach einen großen Vorteil bringt. Die Welt verändert sich gerade und vieles wird anders, neu, möglich sein. Es zeichnen sich zukunftsträchtige Branchen ab, neue Jobs entstehen. Und gerade Menschen, die Chancen sehen, Veränderungen mitgestalten wollen und Ideen haben, wie wir unsere gemeinsame Zukunft besser machen können, stechen heraus. Unternehmen suchen mehr als je zuvor nach neuen Mitarbeiter*innen, die frischen und inspirierenden Wind mitbringen.

 

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