"Job nicht des Geldes wegen machen"

Jannike Stöhr hat 30 Jobs in einem Jahr ausprobiert. Mit uns spricht sie über ihre Erfahrungen und wie man mit seinem Job glücklich wird.

Warum haben Sie diese ungewöhnliche Entscheidung getroffen, 30 Jobs in einem Jahr auszuprobieren?

JANNIKE STÖHR: Bei meinem letzten Arbeitgeber hatte ich zwar einen guten Job und viele Möglichkeiten, dennoch wurde ich über mehrere Jahre das Gefühl nicht los, dass ich am falschen Platz sei oder dass mir etwas fehlte. Ich habe viele Dinge ausprobiert, um herauszufinden, was es war. Ich habe unzählige Ratgeber gelesen, habe Sportarten und Ehrenämter ausprobiert, eine Berufsberatung mitgemacht, habe eine konsum- und medienfreie Zeit eingelegt und bin den Jakobsweg gepilgert. Aber herausgefunden habe ich es nie. Mir kam der Gedanke, ob ich einen ganz neuen Beruf ergreifen sollte. Ich hatte viele Ideen, aber hatte Angst mich für das Falsche zu entscheiden und hinterher wieder nicht glücklich zu sein. Ich hab dann eine Auszeit von meinem Job genommen, ohne zu wissen, wie ich sie nutzen würde. Dann fiel mir ein weiterer Ratgeber in die Hand, in dem von einer Belgierin erzählt wurde, die Jobs getestet hatte. Da wusste ich, das ist es!

Sie waren Erzieherin, Personalberaterin, Winzerin, Lehrerin, Biobäuerin, Tischlerin, Architektin, Pathologin, Familienaufstellerin, Tanzlehrerin und vieles mehr. Welcher Job war der Schlimmste?

STÖHR: Manche Jobs waren sehr anstrengend, laut oder besonders arbeitsintensiv – aber schlimm war keiner. Das ist ja auch eine Frage der Perspektive. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, ausschließlich Leute zu begleiten, die ihre Jobs leidenschaftlich ausüben. Und diese Leidenschaft haben sie mit mir geteilt. Mit ein wenig Offenheit konnte da gar nichts Schlimmes kommen.

Und welcher hat Ihnen am besten gefallen?

STÖHR: Am besten hat mir der Job als Journalistin gefallen. Die Arbeit im EU Parlament war ebenfalls sehr spannend, ich wusste vorher viel zu wenig darüber.

Auch in Wien haben Sie unterschiedliche Jobs ausprobiert. Welche waren das? Und ist das Arbeiten in Österreich anders als in Deutschland?

STÖHR: In Wien habe ich eine Woche als Videoproduzentin bei whatchado gearbeitet, dann als Programmmanagerin bei der Austrian Development Agency, als Tierpräparatorin im Naturhistorischen Museum und dann als Tanzlehrerin bei Teresa Hartmann. Ob das Arbeiten in Österreich anders ist, als in Deutschland, kann ich nicht sagen. Dafür war die Zeit zu kurz und die Jobs zu unterschiedlich. Aber die Menschen in Wien scheinen mir vernetzter zu sein, als in Deutschland. Ich bin sehr offen und freundlich aufgenommen worden. Alle Menschen, die ich hier getroffen habe, waren sehr hilfsbereit. In Wien habe ich mich direkt willkommen gefühlt.

Bürojob versus Handwerk: was sind die Vor- und Nachteile?

STÖHR: Ein Vorteil des Handwerks ist ganz klar, dass man am Abend sehen kann, was man geschafft hat. Das ist mir im Büro oft anders ergangen. Außerdem ist man als Handwerkerin viel unterwegs, hat viel Abwechslung und trifft verschiedene Leute. Am Abend konnte ich immer gut schlafen, weil ich von der körperlichen Arbeit so geschafft war. Den körperlichen Anforderungen muss man aber auch gewachsen sein, leicht ist die Arbeit im Handwerk auf jeden Fall nicht. Bei einem Bürojob fällt dieser Aspekt natürlich weg – auch wenn dauerhaftes Sitzen sicher auch nicht gut für den Körper ist. Wer sich nicht schmutzig machen möchte und gern an einem Ort arbeitet, bei dem man vor Wind und Wetter geschützt ist, der fühlt sich vermutlich eher in einem Bürojob wohl.

Vor welcher Berufsgruppe haben Sie jetzt mehr Respekt als vorher – wurden gewisse Vorurteile aus dem Weg geräumt?

STÖHR: Hier müsste ich eigentlich jede Berufsgruppe nennen, da viel mehr hinter den einzelnen Berufen steckt, als ich ursprünglich dachte. Herausheben würde ich aber den Biobauern und den Heilerziehungspfleger. Der Biobauer hat in einer Woche so viel und so hart gearbeitet, das hat mich echt beeindruckt. Bei dem Heilerziehungspfleger, bei dem ich war, bewundere ich mit wie viel Geduld und Feingefühl er sich um die Menschen mit Behinderung gekümmert hat.

Warum brauchen wir immer so lange, um einmal etwas zu wagen oder neu anzufangen?

STÖHR: Bei mir waren es zwei Gründe. Zum einen hatte ich bereits viel investiert, eine Ausbildung und ein Studium gemacht, einige Jahre Berufserfahrung gesammelt. Beruflich wieder von vorn anzufangen, erschien mir wie eine Verschwendung. Zum anderen hatte ich Angst davor, eine falsche Entscheidung zu treffen und hinterher nicht glücklicher zu sein. Nach einem Neuanfang könnte es ja auch schlechter werden.

Waren prekäre Arbeitsbedingungen auch ein Thema?

STÖHR: Nein.

Letztendlich sind Sie bei Bloggerin und Autorin geblieben. Was fasziniert Sie an diesem Beruf und am Schreiben?

STÖHR: Ich erlebe gern Dinge - es gibt einfach so vieles zu entdecken. Das Schreiben hilft mir das Erlebte zu reflektieren und einzuordnen. Dafür, dass ich diese Reise machen konnte, bin ich sehr dankbar. Daher teile ich meine Erfahrungen gern mit allen, die interessiert sind und vielleicht nicht die Möglichkeit zu einer Auszeit haben.

Was ist die wichtigste Zutat, um seinen Job zu lieben und glücklich damit zu sein?

STÖHR: Wenn ich meinen Job lieben will und glücklich sein will, dann darf ich mir keinen Job des Geldes oder des Ansehens wegen suchen. Die wichtigste Zutat ist für mich daher die Ehrlichkeit mir selbst gegenüber.

Jannike Stöhr ist Bloggerin, Autorin, Suchende und testete auf der Suche nach ihrem Traumjob dreißig verschiedene Jobs. Ihre sichere Stelle als Personalerin in einem deutschen Konzern ließ sie dafür ruhen.

 

Aktuell