„Jedes Kind kann schlafen lernen“ – Sinn oder Unsinn?

Ein Erfahrungsbericht von Papa-Blogger Michael über das verbreitete Schlaflernmodell der Ferber-Methode.

Das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ verspricht Kindern mit der sogenannten Ferber-Methode das Schlafen beizubringen. Mit Konsequenz und Nachhaltigkeit. Weint das Kind nachts, wird es kurz verbal beruhigt. Dann verlässt die Mutter oder der Vater das Zimmer für einige Minuten, bevor die Person zurückkehrt und wieder verbal beruhigt. Die Abstände dazwischen werden sukzessive vergrößert, unabhängig vom Verhalten des Kindes. In Elternkreisen ist diese Methode offenbar bekannt und das Buch verbreitet. Auch wir beschäftigen uns in den letzten Wochen intensiv damit. Aber warum eigentlich?

Der Schlaf

Mein Sohn schläft in seinem eigenen Bett in elterlichen Schlafzimmer. Nur in den frühen Morgenstunden wechselt er für ein bisschen Schlaf-Extra-Time in unsere Mitte. Weil wir das alle drei so wollen. Doch irgendwie verstärkte sich in den letzten Wochen unser Eindruck, dass wir gegenseitig unseren Schlaf stören. Zusätzlich machte uns das Einschlafprozedere Sorgen. Das ließ nämlich keine Regelmäßigkeiten erkennen. Trotz umfangreichem Einschlafritual. Manchmal pennte Samuel in wenigen Minuten weg, wenn ich ihn zu Bett brachte. Manchmal schrie der Rabauke mich aus dem Schlafzimmer, weil er eben seine Mama bei sich haben wollte. Oft benötigte es gar weit mehr als eine Stunde, bis der kleine Mann im Land der Träume war. Ja, wir hatten den Eindruck, mein Sohn tanzt seinen Eltern auf der Nase herum.

Die Recherche

Wir wollten etwas ändern. Schlafen scheint ja das Top-Thema unter Erziehungsberechtigten zu sein. Oftmals erhielten wir – ohne zu fragen – Tipps und Erfahrungsberichte von befreundeten Eltern. Immer wieder hörten wir dabei von dem Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“. Bis wir uns davon überzeugen ließen, die Methode studierten und beschlossen, diese zu versuchen. Dafür sollte mein Sohn auch gleich sein eigenes Zimmer beziehen – ein Vorhaben, das wir schon lange planten, aber wofür wir einfach noch nicht bereit waren.

Die Vorbereitung

Schon der komplizierte Umzug des Kinderbetts ließ uns wehmütig werden. Unser kleines Baby in einem anderen Raum? Gänzlich unvorstellbar. Gegenseitig zählten wir uns die Vorteile auf. Schließlich waren wir überzeugt, unserem Sohn dadurch einen ruhigeren Schlaf zu ermöglichen. Tatsächlich wirkten wir beide in den Stunden davor angespannt, zweifelten, ob diese Holzhammer-Methode tatsächlich zielführend und so schonend, wie in dem Buch beschrieben, wäre.

Die Schlafenszeit

Schließlich zeigte die Uhr Schlafenszeit an. Sanft brachte meine liebe Ehefrau unserem Sohn in sein Bett. In seinem eigenen Zimmer. Ruhig erklärte sie ihm die neue Situation. Streichelte über seinen Kopf und verließ den Raum. Samuel verstand die neue Abfolge überhaupt nicht. Er protestierte lautstark. Zunächst nach drei Minuten, dann nach fünf und schließlich nach sieben Minuten versuchte seine Mutter ihn immer wieder – verbal – zu beruhigen. Keine Chance. Mein Sohn verstand die Welt nicht mehr. Wir saßen ein Zimmer weiter, bereuten, das Buch jemals gelesen zu haben, kämpften selbst mit unseren Emotionen. Es war die Hölle! Noch vor der vom Buch empfohlenen Zeit – für uns waren das gefühlte Stunden - brachen wir diesen Versuch ab. Wir trösteten unser Kind, entschuldigten uns für unseren Blödsinn, fühlten uns als Rabeneltern. In Rekordzeit räumten wir sein Kinderbett wieder in das Eltern-Schlafzimmer und legten unseren Sohn in unsere Mitte.

Fazit: Das ist nicht unser Weg

In meiner Zeit als Vater lernte ich, kein Pauschalurteile über andere Eltern und ihre Methoden zu fällen. Jede Situation mit Kind ist dafür einfach zu individuell. Es mag wahrscheinlich Eltern geben, für die diese Methode ein Ausweg ist, um nachts selbst zur Ruhe zu kommen. Für uns ist sie das definitiv nicht. Es ist vielmehr eine harte Art und Weise, sein Kind zu brechen statt zu erziehen. Ein weinendes Kind soll damit lernen, dass niemand kommt, wenn es weint, und dass das Weinen deshalb nichts bringt. Doch welche Art der Kommunikation mit seinen Eltern hat es dann noch? Die Stille entsteht nicht aus Lust am Schlafen, sondern aus Resignation. Und dieser harte Weg des angeblichen Schlaflernmodells passt damit überhaupt nicht zu unserem eigenen Anspruch, unserem Sohn stets Sicherheit und Geborgenheit zu geben.

Michael Winischhofer berichtet auf www.papa-blog.at über die alltäglichen Herausforderungen eines Jung-Vaters. Sein Sohn Samuel kam Ende 2016 auf die Welt, gemeinsam mit ihm und seiner Ehefrau lebt Michael in Wien.

Aktuell