"Jeder Tag kann der letzte sein"

Nicole Staudinger erhielt Anfang 30 die schreckliche Diagnose Brustkrebs. Seitdem hat sie viel gelernt und ein Buch über das Leben mit der Krankheit geschrieben, das vielen Frauen Mut machen soll.

Frau Staudinger, Sie schildern im ersten Kapitel Ihres Buches, wie Sie den Knoten in Ihrer Brust an Ihrem 32. Geburtstag entdeckten. Welches Gefühl hatten Sie da im ersten Moment?

NICOLE STAUDINGER: Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich es geahnt habe, was da jetzt auf mich zukommt. Zumindest nicht bewusst. Aber ich war so weit aufgebracht, dass ich gleich am nächsten Tag zum Arzt gegangen bin.



Sie schreiben auch von dem Arzt, der Ihnen mit den Worten „Ach ja, da ist ein Tumor“ die Nachricht überbrachte. Sind Sie schon öfter mit solch unsensiblen Ärzten konfrontiert gewesen? Wie wichtig waren denn gute Ärztinnen und Ärzte im Verlauf Ihrer Krankheit?

STAUDINGER: Das war das erste, einzige und letzte Mal, dass ich auf so einen Arzt getroffen bin. Für mich waren die Ärzte sehr sehr wichtig. Die, auf die ich getroffen bin, waren kompetent und sehr empathisch. Mir hat das sehr geholfen.



Wie ist Ihr Umfeld mit Ihrer Diagnose umgegangen?

STAUDINGER: Es war natürlich für alle der absolute Schock. Aber die Menschen in meiner nächsten Umgebung haben sich das – vor mir – nicht anmerken lassen. Im weiteren Umfeld gab es den ein oder anderen, der mich aber tatsächlich gemieden hat. So als wäre ich ansteckend. Das ist nicht schön, aber da das ja sein Problem war und nicht meins, hat es mich nicht weiter gekümmert. Die echten Freunde sind ausnahmslos alle geblieben.



Sie schreiben, dass Ihnen „Karl Arsch“ – wie Sie den Brustkrebs nennen – die Unbeschwertheit genommen hat. Können Sie das kurz erklären?

STAUDINGER: Sich mit Anfang 30 mit der eigenen Sterblichkeit zu befassen ist nicht wirklich schön. Fakt ist natürlich, dass jeder Tag für JEDEN von uns der letzte sein kann. Ob Krebs oder nicht. Das ist eine Erkenntnis, die mir oft geholfen hat. Die Unbeschwertheit kehrt an einigen Tagen wieder zurück, aber sie geht oft Hand in Hand mit der Angst. Immer, wenn es irgendwie im Körper zwickt – und es zwickt sehr oft – dann ist für mich der Satz „Ach es wird schon nix sein“ nicht mehr viel wert.

Sie haben jetzt künstliche Brüste und keine Eierstöcke mehr. Ist das etwas, das Ihnen zu schaffen macht?

STAUDINGER: Ganz im Gegenteil. Erstaunlicherweise beruhigen mich die entfernten Eierstöcke mehr, als die Mastektomie. Mir persönlich gibt es ein Gefühl der Sicherheit. Und das Gefühl, nie mehr einen BH zu brauchen, weil meine Brüste auch noch mit 95 Jahren 1a stehen, ist auch nicht schlecht (lacht).

Wie sind Sie mit dem Haarverlust umgegangen?

STAUDINGER: Der Moment kollidierte glücklicherweise mit der Nachricht, dass die Chemo sehr gut anschlägt. Das machte es etwas einfacher. Nichtsdestotrotz ist es natürlich schrecklich. Jeder Blick in den Spiegel erinnerte mich daran, in welcher Phase ich gerade war. Zur Perücke habe ich nur zweimal gegriffen, meist trug ich Mützen und im Hochsommer gar nichts.

Ich weiß, dass für jeden von uns die kleine, heile Welt jederzeit zerbrechen kann.
von Nicole Staudinger



Sie schreiben relativ am Anfang, dass dieses Kapitel in ihrem Leben einmal für irgendetwas gut sein würde. Deshalb haben Sie auch Angsthemmer abgelehnt. Ist das nun eingetroffen?

STAUDINGER: Ich konnte für mich viel Gutes aus der Situation rausziehen. Das Buch ist nur das i-Tüpfelchen. Nichtsdestotrotz wäre es mir lieber, es würde das Buch nicht geben und ich hätte diese Zeit nicht durchleben müssen. Ich habe nicht das Buch geschrieben, um Krebs zu bekommen, es war ja andersrum. Es gibt noch viele Dinge, die ich gelernt habe, für die andere Menschen vielleicht 100 Jahre alt werden müssen. Aber jede Frau, jede Betroffene zieht sich da etwas anderes heraus.

Wie würden Sie sagen hat sich Ihr Leben seither verändert?

STAUDINGER: Ich weiß, dass Gesundheit das EINZIGE im Leben ist, auf das es ankommt. Es relativiert sich viel und ich rege mich nicht mehr über Kleinigkeiten auf – langsame Sonntagsfahrer sind davon ausgenommen (lacht). Ich weiß, dass wach werden ohne Übelkeit und einfach so Aufstehen ohne Schmerzen ein Privileg und pures Glück ist. Und ich weiß, dass für jeden von uns die kleine, heile Welt jederzeit zerbrechen kann. Und Tage, an denen diese Welt heil ist, die schönsten überhaupt sind! Und: ich habe tatsächlich ein Problem mit „Jammerern“. Da drehe ich mich einfach um und gehe.

Was würden Sie Frauen in der gleichen Situation mit auf den Weg geben?

STAUDINGER: Aus meinem Mund wird zu keiner Zeit ein Ratschlag kommen. Auch Ratschläge sind Schläge. Jede von uns hat ihren eigenen Weg, ihre eigenen Sachen die ihr gut tun. Welche das sind, gilt es herauszufinden.

Nicole Staudinger arbeitete viele Jahre erfolgreich als Vertrieblerin, bevor sie beschloss, sich als Trainerin für Schlagfertigkeit selbstständig zu machen. Von ihren Karriereplänen konnte sie auch der Brustkrebs nicht abhalten: Unter dem Slogan 'Steh deine Frau!' gibt sie Seminare für Frauen und stößt damit auf regen Anklang. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt sie in Erftstadt in Nordrhein-Westfalen.

 

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