"Jeder, der mehr als eine Stunde pro Tag auf Instagram verbringt, ist süchtig"

14 Stunden pro Woche hing Nena Schink auf Instagram. Sie war abhängig, sagt sie heute. Wie sie es aus der Instagram-Sucht geschafft hat, verrät die Journalistin in ihrem neuen Buch.

Nena Schink

Jahrelang war sie süchtig. Süchtig nach Followern, süchtig nach Likes, süchtig nach Bestätigung. In ihrem neuen Buch "UNFOLLOW!: Wie Instagram unser Leben zerstört" (erhältlich um 15,40 € bei thalia.at) erzählt die 28-jährige Society-Reporterin Nena Schink, wie es ihr schließlich gelang, der Instagram-Sucht ein Ende zu setzen.

Wir haben mit der Journalistin darüber gesprochen, welche Momente ihrer damaligen Influencerinnen-Karriere ihr mittlerweile peinlich sind, welche Insta-Accounts sie besonders triggern und ob sie der Plattform trotz allem noch Positives abgewinnen kann.

WIENERIN: Wann hast du begonnen, Instagram zu nutzen? Wann wurde daraus eine Sucht?

Ich habe 2013 mit Instagram angefangen. Damals noch ganz normal, um hier und da ein paar Fotos hochzuladen. Dann hat mein Chef mich 2017 gebeten, für das Handelsblatt Orange einen Selbstversuch zu machen – ich sollte zur Influencerin werden. Ich habe drei Monate lang täglich Bilder hochgeladen und mir alle Schritte von Experten raten lassen. Tja, danach hab ich‘s dann halt weiter so intensiv genutzt. Also der Ausgangspunkt für diese Instagram-Sucht war ein Selbstversuch, der aus dem Ruder gelaufen ist.

Hattest du damals Bedenken, dass das Projekt nach hinten los gehen könnte?

Eigentlich nicht. Ich muss sagen: Klar, alle benutzen jetzt meine Instagram-Sucht als Aufhänger, aber in meinen Augen sind quasi alle Instagram-süchtig. Wenn jemand jeden Tag sein Mittagessen postet – warum macht er das? Er sucht nach der digitalen Aufmerksamkeit. Auf Instagram gibt es nichts anderes zu gewinnen als Sozialneid und digitale Bestätigung und dementsprechend bin ich der absoluten Überzeugung, dass 70 Prozent der User süchtig sind. Süchtig nach der Aufmerksamkeit und danach, sich selbst darzustellen – und genauso wie allen anderen Nutzern ist mir das lange nicht aufgefallen.

Wie viele Stunden hast du in deinen Hochphasen auf Instagram verbracht?

Also in meinen Spitzenzeiten habe ich rund zwei Stunden am Tag dort verbracht, also 14 Stunden die Woche. Auf‘s Jahr gerechnet wäre das ein ganzer Monat. Wenn man sich das mal vor Augen führt: Zwei Stunden am Tag – das ist definitiv zu viel. Ich würde heute sagen: Jeder, der mehr als eine Stunde pro Tag auf Instagram verbringt, ist süchtig.

Wir leben in einem Zeitalter der Selbstfürsorge – warum also kümmern wir uns nicht auch um unser digitales Leben?

von Nena Schink, Journalistin

Hat Instagram auch positive Seiten?

Wenn Journalisten oder Politiker so über ihre Arbeit berichten wollen, unterstütze ich das. Das Buch heißt ja auch nicht "Delete!", sondern "Unfollow!". Der Grund ist klar: Ich bin gegen Absolutismus, ich sage nicht, alles an Instagram ist scheiße. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir unser Verhalten hinterfragen. Und ja, auch jemand, der nur 20 Minuten pro Tag auf der App verbringt, sollte sich mal Zeit nehmen, seinen eigenen Konsum bisschen zu checken und überlegen: "Was empfinde ich, nachdem ich mir diesen Account angesehen habe? Macht Instagram mich glücklich?"

Mich macht es zum Beispiel glücklich, wenn ich mir Accounts von meinen Freundinnen anschaue, die gerade was Schönes erleben. Nicht glücklich macht mich, wenn ich mir irgendwelche Influencerinnen anschaue, die so tun, als ob sie Pommes essen, dabei abgemagert sind und durch die Welt jetten. Ich finde ja auch das Frauenbild auf Instagram ziemlich schlimm.

Es ist doch so: Viele beginnen mittlerweile über ihr Alkoholverhalten nachzudenken, Zigaretten rauchen wird weniger, wir ernähren uns gesund und treiben Sport – das ist doch toll! Wir leben in einem Zeitalter der Selbstfürsorge – warum also kümmern wir uns nicht auch um unser digitales Leben?

Gibt es Accounts, denen du früher nachgeeifert bist, die dich heute besonders triggern?

Absolut! Es gibt ein Profil, Leonie Hanne – das hat mich damals wirklich abgefuckt. Man muss ja nur mal ihre Entwicklung auf Instagram anschauen. Erst hat sie sich vorne gezeigt. Dann plötzlich nur von hinten, weil sie total kamerascheu sei, sagte sie mir in einem Interview – damals hatte sie schon 2.000 Bilder hochgeladen. Und jetzt zeigt sie sich plötzlich halbnackt nur in der Strumpfhose bekleidet. Ich frage mich, warum wir solchen Leuten überhaupt folgen: Im normalen Leben sind wir doch nicht mit Angebern befreundet.

Also wenn ich mich mit einer Freundin zum Abendessen treffe und die nur erzählt, wie toll ihr Leben ist, treffe ich sie kein zweites Mal. Auf den meisten Kanälen, denen wir folgen, tun die Influencerinnen aber genau das: Sie schwärmen von ihrem perfekten Leben. Das sind Sachen, die mich an Instagram so anekeln, diese Verlogenheit, diese Fake-Welt. Natürlich hängt das auch mit Angebot und Nachfrage zusammen: Wenn wir diese Inhalte von Influencern nicht so stark konsumieren würden, dann würden sie ja vielleicht andere Inhalte bieten. Aber es gibt ja zum Glück auch inspirierende Accounts.

... zum Beispiel?

Ich finde, Instagram darf nicht nur Selbstdarstellung sein. Ich mag zum Beispiel den Account @global_digital_women, da steht Frauensupport an erster Stelle und nicht Selbstinszenierung. Dann gibt's einen Account, der heißt @maedelsabende: Da reden Journalistinnen über Schicksale, Tod, falsche Schönheitsideale. Also ich finde Accounts toll, wo es mehr um Inhalte und Mehrwert geht.

Ich folge mittlerweile keiner einzigen Influencerin mehr. Die 900 Accounts, denen ich entfolgt bin, fehlen mir null. So einen Kleiderschrank sieben wir ja auch manchmal aus. Ich finde, jedes halbe Jahr sollte man auch sein Instagramprofil kontrollieren.

Wie viel Zeit verbringst du jetzt noch auf Instagram?

Ich habe einen Timer, der steht auf 20 Minuten pro Tag und das halt ich auch ganz gut ein. Mein nächster Digital Detox Urlaub ist auch schon geplant. Gemeinsam mit meinem Freund werde ich 10 Tage am Gardasee verbringen – komplett ohne Handy. Das ist wirklich gut, um sich ab und zu vor Augen zu führen, wie viel man eigentlich am Handy ist. Das kann ich auch nur jedem raten. Da fällt einem erst mal auf, was man eigentlich für Mist konsumiert.

Außerdem: Ich habe Instagram nicht mehr auf der Startseite, sondern muss erst drei Mal nach rechts wischen und dann die App in so einem kleinen Kästchen öffnen. Das hört sich jetzt vielleicht banal an, aber das hat noch mehr gebracht als der Timer. Der wichtigste Punkt war aber, dass ich mein Profil auf privat gestellt habe. Das nimmt Druck raus.

Als ich eines Tages im Frühstücksfernsehen saß, hatte ich anschließend 5.000 Abo-Anfragen. Davon habe ich aber nur 300 angenommen, die zu meiner Zielgruppe gepasst haben und nicht die vom "Kuschelklaus" oder "Nylonstrumpfhosenliebhaber01". Da wird einem ja auch klar, was für Perverse sich eigentlich deine Bilder angucken! Heute frage ich mich: Warum sollte man sein Profil überhaupt auf öffentlich haben? Ich glaube, das ist hochgefährlich. Dieses Selbstinszenieren ist eine Form von Narzissmus. Diese digitale Abhängigkeit zerstört unsere analoge Existenz und wir erleben viel weniger Glücksmomente.

Gibt es Momente aus deiner Zeit als Influencerin, die dir rückblickend peinlich sind?

Oh, jede Menge! Also Top 1 ist definitiv die Wassermelone: Ich, die sich für eine Feministin hält, habe im Urlaub 40 Minuten lang in einem roten Bikini auf einer aus Deutschland mitgebrachten Wassermelonen-Matratze posiert – nur für das perfekte Bild. Der zweite peinliche Moment war in San Francisco: Da bin ich eine Stunde lang durch die Gegenden gelaufen, die immer ärmer und ärmer wurden auf der Suche nach einer Bäckerei, wo so ein kleines Peace-Zeichen drauf war – in echt sah das Peace-Zeichen natürlich beschissen aus – aber ich bin da so zwei Stunden morgens rumgelaufen auf der Suche nach einem coolen Instagram-Spot. Das war auch sehr, sehr peinlich. Natürlich bin ich da bei weitem nicht die Einzige. Das machen Millionen von Mädchen jeden Tag!

Wie kann man Kindern und Jugendlichen einen gesunden Umgang mit der Plattform beibringen? Gibt es den überhaupt?

Verbote bringen nix. Ich glaube, es ist gut, wenn Eltern sich damit auseinandersetzen, wie diese Plattform funktioniert und wie ihre Tochter oder ihr Sohn eigentlich tickt. Mir hat letztens eine Mutter geschrieben, dass sie und ihre Mutter gleichzeitig mein Buch lesen und am Abendbrottisch darüber diskutieren – das war für mich das Traumszenario beim Schreiben. Dass sich die Generationen annähern. Wenn eine Mutter zeigt, dass sie Wissen darüber hat, hört man noch viel eher zu.

Aber natürlich: Erziehung ist Arbeit. Und nicht jeder hat das Glück, sei es aus finanziellen, aus arbeitstechnischen Gründen, dass die Eltern da ein Auge drauf haben. Aber man muss auch die Politik mit reinnehmen. Soziale Medien werden als süchtiger machend beschrieben als Alkohol und Zigaretten. Es gibt etliche Studien, die zeigen: Magersuchtsfälle steigen massiv an seit es Instagram gibt. Ich würde mir von der Politik wünschen, dass da eine Debatte startet. Natürlich müssen auch die Schulen aufklären.

Glaubst du, dass diese Instagram-Scheinwelt noch lange hält und weiter wachsen wird oder fängt vielleicht doch langsam die Fassade zu bröckeln an?

Ich glaube leider, dass es weiter geht. Aber nicht aufgrund der Konsumenten, sondern aufgrund der Firmen. Wenn Instagram nicht monetarisierbar wäre, hätte sich die App längst erledigt.

 

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