Jeden Tag Sex? Na gut!

Unsere Autorin hat einen Monat lang Sex-Tagebuch geführt und bemerkt: Der Appetit kommt beim Essen - und "Good-Enough Sex“ ist super!

Die Ausgangssituation: ein Mann, eine Frau, fünf Jahre Beziehungsdauer. Der Zweifel: Ist es unnormal, nur alle paar Wochen Sex zu haben? Das Projekt: Etwas daran ändern! Unsere Autorin hat einen Monat lang Sex-Tagebuch geführt und bemerkt: Der Appetit kommt beim Essen - und "Good-Enough Sex“ ist super!

Tag 1: Alle paar Wochen ...

Heute war es mal wieder so weit. "Das ist doch nicht mehr normal! Früher wolltest du’s viermal am Tag und jetzt haben wir schon seit fast zwei Wochen keinen Sex mehr gehabt! Wir leben wie ein altes Ehepaar! So geht das nicht weiter!“ Zeter, zeter, etc. etc.

Alle paar Monate melden T.s dicke Eier der Hirnschaltzentrale: "Hey Alter, tu was! Wir platzen fast!“ Und daraufhin platzt ihm halt der Kragen. Besonders groß ist die Gefahr, wenn er (wie jetzt) am Vorabend mit seinen Single-Kumpels unterwegs war, angebaggert wurde, aber all die süßen Früchtchen für ihn natürlich verboten waren. Meine mangelnde Initiative in Hinblick auf die Horizontale kann ihm zufolge dann nur zwei mögliche Erklärungen haben: Ich habe einen Lover und / oder ich finde ihn nicht mehr attraktiv.

So ein Schmarrn! Davon hätte ich ja wohl als Erste erfahren! Aber zugegeben: Wir sind beide noch keine 30, also im besten Alter für täglichen Sex. Andererseits: Ist es denn wirklich so ungewöhnlich, als Paar nur alle ein bis zwei Wochen im Bett zu landen - vor allem nach immerhin schon fünf gemeinsamen Jahren und einem durchaus stressigen Arbeitsalltag?

Alle, die jetzt behaupten: "Ja, das ist unnormal!“, sind meiner Meinung nach ziemliche Heuchler. Oder aber gutgläubige Seelen, die auf die Sprüche und Sexstatistiken der Heuchler reinfallen. Meine Meinung: erstunkene und erlogene Propaganda - sei es um eine Frau ins Bett zu kriegen oder um nicht zugeben zu müssen, dass man(n) keine Frau ins Bett kriegt! Aber zugeben will das natürlich niemand.

Zur Beschwichtigung habe ich T. angeboten, Sex zu haben. Wollte er nicht. Meine Antwort: "Pech gehabt! Dann hol dir halt einen runter.“ Wollte er auch nicht. Na toll, jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Morgen muss ich unbedingt mit ihm schlafen!

Tag 2: Aufraffen - für Sex!

Ich hab mich aufgerafft. Nicht zum Sport. Zum Sex! Und ich muss sagen: Geil! Interessanterweise denke ich das jedes Mal, wenn ich dem inneren "Wie? Jetzt noch Sex?!“-Schweinehund endlich einen Bettverweis erteilt habe. Das Blöde ist nur: Bevor es überhaupt dazu kommt, schlafe ich meist auf der Couch ein. Oder fahre zumindest mental bereits auf Stand-by-Modus. Und da sich Sex vor allem im Kopf abspielt ... Tja, wie soll da der Motor anspringen.

Dabei kann ich ganz hervorragenden Sex haben: Bevor T. kommt, habe ich in der Regel - so wie heute - drei Orgasmen gehabt. Voraussetzung ist allerdings, dass ich dabei selbst Hand anlege - aber das gehört bei mir eh zum Standard. Sonst ist Schicht im Schacht. T. findet’s mittlerweile zum Glück ganz normal. Anfangs befürchtete er ja immer, er würde mir nicht genügen. Dabei würde ein noch größerer Schwanz mir nur Angst einjagen!

Nein, ich finde seinen Schwanz super - aber eben nur, wenn meine Klitoris auch mitspielen darf. Wenn mir T. allerdings von den amourösen Abenteuern seiner Kumpels erzählt, merke ich: Es herrscht im 21. Jahrhundert noch immer dringender Aufklärungsbedarf in Sachen "Wo geht’s hier nach Klitoris?“. Aber scheinbar kommen alle Frauen - außer mir - ja eh vaginal. Nee, is’ klar. Mädels, so was nennt man Vorspiegelung falscher Tatsachen. Zu eurem Nachteil!

Tag 3-8: Die Faulheit siegt

Habe zwar ab und zu über Sex nachgedacht, doch die Faulheit siegte. Schließlich stehe ich auch nicht für jeden Joghurt, auf den ich Bock habe, von der Couch auf!

Tag 9: Der "Gut-genug-Sex"

Heureka! Wie ich lesen darf, scheinen zwei US-Psychologen den Schlüssel zu einem erfüllten Sex- und Beziehungsleben von (Langzeit-)Paaren entdeckt zu haben. "Good Enough Sex“ nennt sich das Modell, das sie ihren Hirnwindungen entlockt haben. Sex sei kein Hochleistungssport, sondern Bestandteil des realen Lebens, sagen Michael Metz und Barry McCarthy. Das bedeute auch, dass man sich weder mit anderen Paaren messen noch davon ausgehen solle, dass Sex nur gut ist, solange man wie kamasutraversierte Rammler bis ans Limit der Matratzenstrapazierfähigkeit geht. Oft sei unspektakulärer Routinesex genau das, was einem (Paar) fehlt. Dabei brauche man auch gar nicht bis zum Äußersten zu gehen. Ich müsse laut den Sexperten nur lernen, GV nicht als Dienstleistung, sondern als Service an mir selbst zu verstehen.

Demnach darf man sich also mit wissenschaftlichem Segen auch einfach mal nur bequem zurücklehnen. Tja, und wem würde ein bissl Oralsex am Abend eigentlich schaden?

Tag 10: Jeden Tag Sex? Na okay

Habe einen Plan: Ab morgen werde ich probeweise eine Woche lang jeden Tag so richtig schön unspektakulären Sex haben! Mal sehen, was es (mir) bringt.

Tag 11-15: Krankheitsbedingter Ausfall

Aufgrund einer schweren Erkältung wurde die Action vertagt.

Tag 12-15: Schwerer krankheitsbedingter Ausfall

Der Arzt hat mir Antibiotika verschrieben. Nebenwirkung: Durchfall. Die verhütende Wirkung der Pille kann ich also vergessen, dafür habe ich Kondome gekauft. Bei ihrem Anblick musste T. natürlich erst einmal nachhaken, ob ich nicht doch eine Affäre habe, bei der ich mich mit einer Geschlechtskrankheit infiziert habe. Typisch! Da will man einmal einfach nur Sex haben und schon hat man den Salat. Ich könnte ihn natürlich über mein kleines Experiment aufklären. Aber a) ist so ein bisschen Eifersucht ja eh ganz förderlich für die Leidenschaft und b) klingt "Good Enough Sex“ in den Ohren psychologisch unversierter Männer wohl wenig aufregend. Also schweige ich.

Tag 16-18: Es funktioniert!

Mission "Good Enough Sex“ ist in vollem Gange. Vor lauter Dankbarkeit in Anbetracht meiner ungewohnten Balzwilligkeit ist T. sogar jeden Tag bei mir auf Tauchstation gegangen. Ich kann mich also nicht beklagen. Und er offenbar auch nicht, denn mein Experiment und der damit verbundene tägliche Orgasmus haben ungeahnte Nebenwirkungen: Mein Liebster ist wesentlich weniger grummlig. Nicht mal mein wild durch die Wohnung verstreuter Mädchenkram kann seine Laune dieser Tage trüben. Wo gibt’s denn so was?

Tag 19: Willkommen zurück, Libido!

Auf wundersame Weise scheint meine Libido aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht zu sein. Wann ich das letzte Mal so fickrig war, daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern! Also: Schäferstündchen oder Solonummer? Habe letztlich T. weiterschlummern lassen und mich mit dem Laptop (ja, auch wir Frauen schätzen die unendlichen Weiten der Wichsvorlagen) ins Wohnzimmer geschlichen. Bin zweimal gekommen. Sex ist für heute abgehakt.

Tag 20-22: Die Sache mit dem Sperma

Ich weiß gar nicht, was Männer gegen Kondome haben? Ich find sie super! Bin draufgekommen, dass ich Sex oft vermieden habe, weil ich schlichtweg keinen Bock auf die pappige Soße zwischen meinen Beinen hatte. Nicht, dass ich Sperma per se eklig finde, aber Tatsache ist: Während T. danach gemütlich liegen bleiben kann, muss ich erst die Feuchtgebiete trockenlegen.

Inzwischen scheinen wir übrigens das perfekte Arrangement für faulere Sex-Tage gefunden zu haben: Er streichelt mich wie gewünscht an Rücken, Beinen und Armen - und ich hole ihm währenddessen einen runter. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das nennt man einen befriedigenden Deal!

Tag 23-27: Regel-Pause

Pünktlich nach meinem Sexperiment bekomme ich meine Tage. Er würde gern trotzdem, aber nix da! Die Pause hab ich mir verdient. Und der Sehnsucht tut’s auch gut.

Tag 28-30: Back in the game!

Hab mich tatsächlich drauf gefreut, nach ein paar Tagen Abstinenz endlich wieder mit T. zu schlafen! Mir fällt auf: Der Druck und das schlechte Gewissen, die ich in meiner passiven Zeit immer unterschwellig empfunden habe, sind weg. Die Beschwerden und Vorwürfe seinerseits auch. Ich glaube sogar, wir verstehen uns mittlerweile auch im Alltag (wieder) besser. Der Umgang ist irgendwie verspielter. Und ich vermute und hoffe, das wird auch so bleiben, wenn wir nicht mehr jeden Tag, sondern auch mal nur alle drei, vier oder fünf Tage "Good Enough Sex“ haben.

Klar, es gab Momente während meiner Intensiv-Testphase, in denen ich mich überwinden musste, aber tschakka!, mein Urteil steht fest: "Good Enough Sex“ ist nicht nur ausreichend gut, sondern der Hammer. Man muss nur die richtige Einstellung haben.

Der Good enough Sex.

Das Ziel: Sehen Sie sich als "intimes Paar“, das Sex hat, der Ihnen beiden guttut. Es ist okay, wenn Sie kurzen Blümchenspaß haben, ein bisschen an sich herumspielen oder nur kuscheln, statt Hochleistungssex zu betreiben. Hauptsache, Sie verstehen sich nicht als Gegner im Bett und Sex als Wettkampf.

Dieser Text erschient erstmals in der WIENERIN, Nr. 04/2012 vom 29.03.2012.

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