James Bond: Keine Zeit für Sexismus

Fans mussten lange darauf warte, aber jetzt ist der neue James Bond: Keine Zeit zu sterben endlich im Kino angelaufen. Wir haben ihn uns angeschaut und einige Gedanken. ACHTUNG SPOILER!

James Bond

Corona hat viele Pläne zerstört oder verändert. Und so passierte es, dass Fans nun 18 Monate auf den neuen James Bond: Keine Zeit zu sterben warten mussten, obwohl der fix und fertig herum lag. Ja, das tat weh. Es war auch der letzte Bond-Film mit Daniel Craig, was die Wartezeit noch schlimmer machte. Während dieser überdurchschnittlich langen Pause hat der Film dann gleich mehrere Skandale ausgelöst und fast immer ging es dabei um die Frauen in dem Film. Das haben wir uns natürlich genauer angeschaut!

Zeichen der Zeit

Vor einigen Jahren habe ich meine Bachelorarbeit zum Thema Mediale Darstellung von Frauen in James Bond-Filmen geschrieben und bin seither ein Fan. Denn ja, die Bond-Filme sind sexistisch. Viele davon sind extrem schlecht gealtert, aber wichtig ist, sich die Filme immer in Relation zu der jeweiligen Zeitepoche anzuschauen, in der sie gedreht wurden. Und aus diesem Blickwinkel zeigen sie teilweise fortschrittliche Frauenbilder oder gingen mehr mit der Zeit, als es viel andere Filme machen.

Wusstet ihr zum Beispiel, dass aufgrund der Aidskrise 1987 die Sexualpartnerinnen von James Bond auf eine Frau reduziert wurden, damit der Film keinen sexuell riskanten Lebensstil beschönigte? Oder dass das erste Bondgirl Honey Ryder im Jahr 1962 bereits eine berufstätige Frau war, die sich selbst ernährte, was zu dieser Zeit noch sehr unüblich war? Nachdem 1992 eine Frau Chefin des realen britischen Geheimdienstes MI5 wurde, wurde auch in dem darauffolgenden Bond-Film Golden EyeJudy Dench die Chefin des MI6.

Aufruf zum Boykott

Anyway. Ich könnte noch viele solcher Beispiele aufzählen, aber werfen wir stattdessen lieber einen Blick auf den aktuellen Film. Dieser machte bereits im Vorfeld Schlagzeilen, als bekannte wurde, dass eine schwarze Frau (Shoshana Lynch) den Codenamen 007 übernehmen würde. Denn James Bond hatte zu Beginn des Filmes den Ruhestand angetreten. Social Media reagierte empört, manche riefen sogar dazu auf den Film zu boykottieren.

Wer aber so nett war, den Film nicht zu boykottieren, muss zugeben, dass Shoshana Lynch als Nomi eine großartige Ergänzung des Casts war. Sie hatte eine sehr strenge "No Bullshit"-Policy und der Respekt, den sich James Bond am Anfang des Filmes von ihr erwartet hätte weil er James Bond ist, blieb aus. Sie ist kein klassisches Bondgirl, sondern eine Mitspielerin und sie fühlt sich nicht von Bond angezogen. Nachdem er ihr anfangs Avancen machte, lachte sie ihn mehr aus, als auch nur einen Moment zu überlegen, darauf einzusteigen. Hat James seine Magie verloren? Vielleicht.

Shoshana Lynch

Auf Augenhöhe

Denn auch CIA-Agentin Paloma (die großartige Ana de Armas) ist immun gegenüber Bonds Charme. Als er kurz glaubt, sie wolle mit ihm schlafen (gelernte Muster vermutlich, Zeichen falsch gedeutet, who knows) lacht auch sie. Schließlich ist der sexy Spion inzwischen 20 Jahre älter als die junge Frau und könnte ihr Vater sein. Für Paloma wurde eine großartige Kampfszene geschrieben, die sie mit Bravour meistert.

Als Bond sich herablassend mit "Du warst exzellent" verabschiedet, gibt sie das nur mit "Du auch" zurück. Es ist klar, dass hier zwei ebenbürtige Menschen aufeinandertreffen, ähnlich wie bei der neuen 007. Was mich persönlich zu einem kleinen Freudentanz auf meinem Kinositz veranlasst hat, ist, dass auch als Bond aus dem Ruhestand zurückkommt, er seine 007 nicht automatisch zurückbekommt. Schließlich hat Nomi sich diese Nummer hart erarbeitet.

Feministische Verstärkung

Es war offensichtlich, dass die Drehbuchautor*innen in diesem Bond-Film eine neue Geschichte erzählen wollten. Daniel Craig persönlich holte Phoebe Waller-Bridge (Fleabag, Killing Eve) ins Autor*innen-Team, die den Auftrag hatte, das Skript weiblicher zu machen. Und so kann man nicht anders als im Kino immer wieder zu schmunzeln (oder laut zu lachen), wenn einige der Scherze auf die Kosten von Bond gehen. Daniel Craig ist in diesem Film kein unantastbarer Roboter mehr. Stattdessen muss er Scherze einstecken und lernen, wie es ist wenn Frauen ihm sagen, wo es lang geht. Eingeschüchtert oder beeindruckt von ihm zeigt sich keine mehr.

Phoebe Waller-Bridge erklärte bereits 2020 in einem Interview: "Ich möchte nur sicherstellen, dass Lashana, Lea und Ana die Seiten aufschlagen und sagen: 'Ich kann es kaum erwarten, das zu spielen‘, wenn sie das Skript bekommen. Als Schauspielerin hatte ich dieses Gefühl zu Beginn meiner Karriere nur sehr selten. Es macht mich glücklich, zu wissen, dass ich einer Schauspielerin dieses Gefühl gebe", sagte sie.

Auch Shoshana Lynch sieht in diesem Bond-Film eine wichtige Entwicklung: "Das sieht man an den Charakteren in diesem Film, sowohl an den weiblichen Charakteren, die es bereits in der Serie gab, als auch an den ganz neuen wie mir. Man spürt einfach dieses Gefühl der Ermächtigung, das wirklich wichtig ist, wenn man zur Arbeit geht, aber auch wichtig, um den jüngeren Generationen zu zeigen, wo es hingeht."

James Bond

Plötzlich Liebe

Phoebe Waller-Bridge hat noch Léa Seydoux angesprochen, die den wiederkehrenden Charakter Madeleine Swann portraitiert. Sie ist es, die wahrscheinlich den größten Einfluss darauf hat, wieso sich dieser Bond so anders anfühlt. Während die Bond-Darsteller vor Daniel Craig kaum mit der Wimper gezuckt haben, wenn die Frau an ihrer Seite (oder in ihrem Bett) starben oder verschwanden, so hat Daniel Craig bereits in seinem ersten Bond-Film Casino Royal ein unerwartetes Element ins Spiel gebracht: Nämlich Liebe und Gefühle. Etwas, das wir von den Maschinen-Bonds zuvor nicht kannten.

Plötzlich bekommen die Kämpfe, die Aktionen einen Sinn. Daniel Craig verließ nie eine Kampfszene ohne Kratzer, er war mal schmutzig, mal aufgehauen, mal blutig. Manchmal auch emotional zerstört. Er ist der Bond dieses Jahrtausends und in diesem Film endet alles so, wie seine Ära begonnen hat: mit Liebe.

Das Ende

Ohne zu viel verraten zu wollen, ist jede Handlung in diesem Film emotionsgetrieben. Er macht nichts davon fürs Vaterland, sondern für sich und seine Liebsten. Wir bekommen zu sehen, dass James Bond mit jemand alt werden möchte. Dass er eine Person auch Jahre noch später noch liebt, ganz im Gegensatz zu den Eintagsfliegen, die er sonst mit ins Bett nahm. Hier muss auch erwähnt werden. Bond schläft nur mit einer Frau. Und zwar der, die ihm wirklich etwas bedeutet.

Dieser Film, diese Geschichte ist gefühlvoll und schlüssig und wertschätzend gegenüber Frauen, mehr als es jemals ein anderer Bond-Film war. All das kam mit Daniel Craig. Und so wie er mit Casino Royale begonnen hat, endet er nun. Das Ende ist bittersüß und dramatisch, aber auch gleichzeitig so rund und wunderschön, dass es traurig und glücklich zugleich macht. Es ist richtig.

Es fühlt sich an, als wäre James Bond heimgekommen, erwachsen geworden, als hätte er endlich nach all den Morden, den Verbrechen, der Rache und den Verfolgungsjagden Frieden gefunden. Es ist ein perfektes Ende, das eigentlich ein Anfang ist. Denn ich persönlich hoffe, dass wir solche Darstellungen von Frauen auch in den kommenden Bond-Filmen zu sehen bekommen und die nicht mit Daniel Craig in Rente gehen.

 

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