"Ja, schau nur: Ich hab Achselhaare!"

Ach, das Achselhaar! Es provoziert fast globale Abneigung und kann auch heute noch die bewusste Trägerin ganz schnell zum enfant terrible machen. Aber was haben alle nur gegen behaarte Achseln?

Ich trag das jetzt so: Schau, ich hab Achselhaare!

Ich mache ein Experiment und es ist elf Millimeter lang. Auf einer Fläche von zweimal-sechs Quadratzentimeter räkeln sich gerade kleine Härchen unter meinen Achseln. Ich habe mich seit fünf Wochen nicht rasiert. Es ist die längste Rasurpause meines Lebens. Zum ersten Mal sehe ich, wie meine Achselhaare jenseits des Stoppelstadiums ausschauen.

Warum rasieren wir uns eigentlich?

Dem Menschen wachsen zwar Haare unter den Achseln, bloß zeigen darf er sie nicht. Ein lang gepflegtes Tabu: Schon die alten Römer*innen, Ägypter*innen und Griech*innen hielten Menschen mit behaarten Achseln für Barbar*innen. In der Mittelsteinzeit (6 Jahrhunderte vor Christus - der in den meisten Darstellungen seiner selbst auch kein Achselhaar hat, wohlgemerkt) benutzte man Rasierschaber aus Stein. Im Islam ist die Entfernung des Achselhaars Teil der Reinheitsvorgaben. Buddhistische Mönche sind hingegen pro Achselhaar: Ihnen ist die Entfernung sogar untersagt.

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts galt die haarlose Achsel in den USA dann als Symbol der Weiblichkeit und schwappte als Körperbild schnell nach Europa. Der Rest ist ein recht bedingungslos gelebtes Ideal. Die Schönheitsindustrie freut's. Rasierer und Rasurcreme, Waxing, Sugaring, Epillieren oder Lasern - die Möglichkeiten zur Haarentfernung sind vielfältig - und oft schmerzhaft.

Wozu überhaupt Achselhaare?

Das ist im Grunde kein Problem, zumindest kein gesundheitliches. Achselhaare können bedenkenlos entfernt werden, wenn man das möchte. Als sekundäre Geschlechtsmerkmale beginnen sie erst mit der Pubertät zu wachsen und sollen ursprünglich die körpereigenen Pheromone verteilen. Mehr schwitzen tut man mit Achselhaar aber nicht. Die geruchsbildenden Bakterien lassen sich vielleicht ein bisserl schwieriger abwaschen, aber das war’s auch schon. Und eigentlich kühlt Achselhaar bei Hitze besser als eine glattrasierte Achsel, weil sich der Schweiß in den Haaren fängt und die Verdunstungskälte so ihre Wirkung tun kann. Deswegen haben Menschen aus Länden, wo es wärmer ist, mehr Achselhaare.

Wenngleich behaarte Achseln also schon ihren Sinn haben, man braucht sie nicht. Die wichtigere Frage ist aber: Warum möchte man das Achselhaar entfernen?

Ein bisserl Achselhaar geht als Rebellion

Und da kommt der gesellschaftliche Druck ins Spiel. Das vorgelebte Ideal. Mein erstes Achselhaar ist mir schrecklich peinlich. Die analog dazu neu wachsenden Brüste sind für mich eine Auszeichnung: ein zelebriertes Frau-werden. In dem haben Achselhaare aber keinen Platz. Verschämt rasiere ich sofort ab, was sich an die Hautoberfläche kämpft. Sogar die pure Notwendigkeit ist mir unangenehm. Ich versinke vor Scham fast im Boden, als ich meinen ersten Rasierer kaufe. Am liebsten tue ich so, als hätte ich gar keine Achselhaare. Nachwachsende Stopperln darf niemals jemand sehen.

Denn in der Welt, in der ich aufwachse, haben Frauen keine Achselhaare. Nicht in den Medien, nicht in meinem Alltag, und nicht in Werbungen für Rasierer. Dort rasiert man sich sogar aalglatte Achseln, über die dann flaumige Daunen schweben. Eine behaarte Achsel gilt nur im besten Fall als bewusste Provokation. Meistens ist es 'unhygienisch' und 'grauslich'. Also habe ich auch keine Achselhaare, zwanzig Jahre lang.

Und die Welt tut es mir gleich. 2008 gaben in einer Umfrage 97 Prozent der Frauen in Deutschland an, sich die Achseln zu rasieren. Aber, wie bei so vielen Dingen, machen Millennials da irgendwann nicht mehr mit. 2014 rasierten sich 84 Prozent der Britinnen die Achseln, 2018 waren es nur noch 77 Prozent. Eine von fünf Frauen denkt sich beim Anblick ihrer haarigen Achsel also: Scheiß drauf! Und jetzt bin ich eine davon. Im Trägerleiberl die Arme in die Höhe recken und sich strecken oder in der U-Bahn am Haltegriff festhalten, das fühlt sich ein bisserl wie Rebellion gegen Patriarchat und Schönheitskult an. "Ja, schau her, ich hab Achselhaare!", denke ich mir an guten Tagen. An schlechten hab ich auch jetzt noch zumindest ein T-Shirt an. Nicht ohne Grund, denn die Leute schauen wirklich. Nur sagen tun sie bislang nichts.

Nicht jedes Achselhaar ist gleich

Als junge, weiße Frau mit (noch?) nicht besonders dichtem, dunkelblonden Achselhaar darf ich mir die Rasur nämlich eher verweigern. Auch Körperideale machen vor mehrfacher Marginalisierung nicht Halt. Das gesellschaftliche Schönheitsideal ist weiß, blond, schlank, glattrasiert und aknefrei, heteronormativ, nicht-behindert. Je mehr man dem entspricht, je normschöner man also ist, desto eher darf man sich einen kleinen Ausbruch erlauben. Meine Achselhaare sind weniger 'schlimm' als die einer dicken, queeren Schwarzen Frau. Auch das ist ein Privileg.

Tabuverstöße sind für normschönere Frauen dann zelebrierte Rebellion, aber auch darüber regt man sich auf. Als die Schauspielerin Juliette Lewis 2004 selbstverständlich mit Achselhaar auf roten Teppichen herumspazierte, sahen Medien darin eine "ungeheure Demonstration rebellischer Eigenartigkeit". Und seitdem sorgt immer wieder sichtbares Haar in vornehmlich weiblichen Achseln für erregte Gemüter. Gigi Hadid, Emily Ratajkowski, Paris Jackson, Miley Cyrus, Lourdes und ihre Mutter Madonna - sie alle haben in den letzten Jahren Shitstorms wegen haariger Achseln erfahren. Da helfen weder die Hashtag-Kampagnen #freethepit und das französische Pendant #LesPrincessesOntDesPoils, noch dass buntgefärbte Achselhaare in den letzten Jahren immer mal wieder als modischer Sommertrend tituliert werden. Ein Jahrtausende altes Tabu lässt sich nur schwer überwinden.

Ich probiere es auch erst fünf Wochen. Da ist das Achselhaar in seiner Lebensdauer gerade erst in der Pubertät angekommen. Sechs Monate wächst es vor sich hin, bevor es von selbst ausfällt. Schauen wir mal, wie lang es wird.

 

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