Ja bitte, verbietet Völkerball endlich!

ForscherInnen bezeichnen Völkerball in einer aktuellen Studie als "legalisiertes Mobbing". Sie wollen das Ballspiel aus dem Turnunterricht verbannen. Unsere Autorin hält das für die beste Idee aller Zeiten. Eine Geschichte über Angst und Scham in der Turnhalle.

Sollen wir Völkerball verbieten?

"Mama, es geht mir schlecht", krächze ich als 7-Jährige morgens waidwund, wenn ich nicht in der Schule gehen will. Es ist aber nicht das Addieren und Subtrahieren, nicht das Deutschdiktat, das mir Angst macht. Es ist der Turnunterricht. Es sind die Worte meines Volksschullehrers, der einer teils jubelnden Kinderschar verkünden wird: Heute spielen wir nur Völkerball!

Ich hasse Ballsportarten. Es ist eine tiefe Abneigung, die sich im Kleinkindalter manifestiert und bis ins Erwachsenenleben angedauert hat. Bis heute kann ich keinen Ball fangen, bis heute hat das mein Leben außerhalb des Turnsaals nicht negativ beeinflusst. Warum auch? Niemand will dir jenseits des tristen Odeurs der Leibesübungen einen Ball mit voller Kraft ins Gesicht schmettern. Der Turnunterricht ist schon lang vorbei, aber die Erinnerung an die Angst ist geblieben. Diese Angst, die als steinharter Klotz tief in der Magengrube beginnt und sich mit eisernen Händen die Kehle hoch hantelt. Die sich gleichzeitig schleichend und sekundenschnell in deinem ganzen Körper ausbreitet. Und mit ihr kommt die Scham.

Unterdrückung in der Turnhalle

Ich bin nicht alleine. Völkerball ruft bei vielen Menschen noch bis heute traumatische Erinnerungen hervor. Das hat ein ForscherInnenteam in Kanada nun mit einer Studie belegt. Sie haben untersucht, wie das Ballspiel, das in Nordamerika als "Dodgeball" bekannt ist, wahrgenommen wird. Völkerball sei "unterdrückend" und "entmenschlichend", so die StudienteilnehmerInnen. Auch daran kann ich mich erinnern.

An die Scham, bei der Teamauswahl immer unter den Letzten, immer unter den Unliebsamen zu sein. Die Erleichterung, wenn sich doch noch eine Seite erbarmt und ich zumindest nicht als Allerletzte übrig blieb. Nicht die zu sein, bei der die gesamte Gruppe genervt aufstöhnt, wenn sie am Ende auf Zwang einem Team zugeteilt wird. Eine heiße und heimliche Freude, doch nicht die Schlechteste zu sein. Ein hinterhältiges Aufatmen, weil da jemand eine noch größere "Versagerin" war. Meist war es die dickere Mitschülerin.

Ich war klein und flink und getrieben von der Angst vor dem Schmerz eines auf nackte, bleiche Kinderhaut gepfefferten Balls. Ich war oft die Letzte am Feld, und immer eine Gejagte. Von den GegnerInnen mit gezielten Schüssen über das Feld gehetzt, von den anderen, den "Teammitgliedern", aus dem Out mit überschlagenen Stimmen dazu aufgefordert, jetzt doch endlich den Ball zu fangen. Eine nicht zu bewerkstelligende Aufgabe, ich hatte doch Angst vor dem Ball! Ich war nutzlos.

Die Gewaltschüsse der Dominiks* und Michaels*

Man weiß sehr schnell, wer am Spielfeld das Sagen hat. Wer hart wirft, wer immer trifft, wer behände fängt. Und wer zum getriebenen Vieh gehört, dass man unter Gelächter im Schein eines Spiels hetzen kann. Man weiß, dass es Dominik* ist, der immer aufs Gesicht zielt. Man weiß, dass es Patrick* ist, der das Klatschen des Balls auf nackter Oberschenkelhaut lieber mag. Dass David* dir so einen Schuss in den Bauch knallen kann, dass dir die Luft wegbleibt. Dass Michael* sich auch im Turnunterricht an den Rat seiner Eltern erinnert, dass man Mädchen nicht weh tun soll und deswegen ab und zu ein bisschen sanfter wirft. Und sie wissen, dass ich keinen Ball fangen kann. Es mag wie ein Spiel scheinen, aber es ist eine offene Demütigung, eine Doppelstunde lang am Donnerstag.

Joy Butler, eine der Studienautorinnen, erklärt, dass viele LehrerInnen Völkerball als ungezwungene Vorbereitung auf "die reale Welt" sehen würden. Das Spiel würde Kindern aber vielmehr beibringen, ihren KlassenkameradInnen auszuweichen, als sich mit ihnen zu beschäftigen. Im Interview mit CBC erzählt sie von einer Volksschülerin, die auf der Flucht vor dem Ball panisch ins hinterste Eck eines Turnsaals rannte. "Was soll sie aus dieser Erfahrung lernen?"

Eine Doppelstunde legalisiertes Mobbing

Völkerball sei gleichzusetzen mit legalisiertem Mobbing, meint Butler. Auch in meinen Turnstunden hieß es: die "Starken" gegen die "Schwachen". Schön war das nur für die Einen. Für die, die koordiniert scharf geschossene Bälle auf jene Körperstellen knallen, die den Getroffenen besonders weh tun. Die, die in der Unterstufe auf sich gerade entwickelnde Brüste zielen und lachen. Daneben stehen seit Jahrzehnten TurnlehrerInnen, die das alles super finden. Die StudienautorInnen empfehlen, Völkerball gänzlich aus dem Lehrplan zu streichen. Es gebe alternative Aktivitäten für PädagogInnen, "mit denen sie Kindern nicht beibringen, dass es in Ordnung ist, andere Menschen zu schikanieren". Einige US-amerikanische Schulen haben das bereits umgesetzt.

In den österreichischen sozialen Medien sorgen diese Klagen über Völkerball für Empörung. "Stell dich nicht so an!", sagen jene, die einst selbst Bälle in unliebsame MitschülerInnengesichter gepfeffert haben. "Mir hat das auch nicht geschadet!", verkünden die, die wohl immer als erste ins Team gewählt wurden. Den einst "Schwachen" hingegen geht es wie mir. Sie erzählen von Demütigungen und Ängsten.

Dass Sport tatsächlich entspannend, lustig und gut sein kann, hab ich erst viel später gelernt. Der Schulsport hätte mir beinahe die Lust an der Bewegung genommen. Dabei kann ein Körper, kann mein Körper, so viel mehr als über ein Spielfeld zu hetzen und ein rundes Gummiding zu fangen und zu werfen. Er kann Dinge, die mir Kraft und Vertrauen geben, kann meine Herausforderungen meistern und mir Ruhe schenken. Ich schwimme in fließenden Bewegungen, ich halte komplizierte Yoga-Posen. Ich kann Gewichte stemmen und Wellen surfen. Bis heute kann ich keinen Ball fangen. Das muss ich aber auch nicht. Ein Wissen, das mir als Kind schon gut getan hätte.

 

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