Is it Love?

Warum weiß man so oft nicht, ob es Liebe ist? Warum kommt man oft erst viel später drauf, ob man jemanden geliebt hat? Was ist überhaupt lieben? Eine Spurensuche nach dem begehrtesten Gefühl der Welt.

Über Liebe zu schreiben ist die Hölle. Ungefähr so, als ob man Quecksilber in der Hand halten wollte: Du versuchst es zu fassen, und es springt in alle Richtungen davon. Seit Tagen ringe ich nun um einen ersten Satz für diese Geschichte. Am ehesten mag ich bislang noch diesen: Liebe ist das einfachste Gefühl der Welt. So unkompliziert wie das "Ja", das man spürt, wenn man in einen unendlich blauen Frühlingshimmel schaut. Und so warm wie ein Sonnenstrahl, der einem mitten ins Gesicht scheint.

Aber was weiter? Ein Gefühl ist ein Gefühl ist ein Gefühl. Wenn man es hat, denkt man nicht darüber nach. Wenn man darüber nachdenkt, hat man es nicht mehr. Und wie soll man es dann, bitte sehr, in Worte fassen?

Also noch einmal von Anfang an: Liebe ist das einfachste Gefühl der Welt. Das einzige Problem für die Liebe ist: Wir Menschen sind nicht einfach. Wir denken zu viel. Wir haben Ängste. Wir haben Begierden. Und deshalb sind wir in Sachen Liebe oft ziemlich verwirrt. Wissen nicht, was wir eigentlich wirklich fühlen. Oder bringen ein paar Dinge durcheinander. Zum Beispiel Liebe und:

Sehnsucht

Der Anfang jeder Liebe ist Aufmerksamkeit. Man sieht jemanden, und plötzlich ist man für diesen Menschen ganz weit offen. Bemerkt die Grübchen in seinen Wangen, den besonderen Klang seiner Stimme oder den Duft seiner Haut. Die Wirklichkeit dringt durch die Pforten der Sinne ins Bewusstsein. Und dann? Wünscht man sich gute Nacht oder so etwas Ähnliches und geht erst mal seiner Wege. Damit beginnt die Phase der Fantasie. Der andere spukt einem im Kopf herum, er nistet sich im Denken ein wie ein Schwarm unruhiger Vögel. "Mag er mich? Wird er anrufen? Wir würden ein schönes Paar abgeben. Vielleicht fliegen wir im Sommer schon miteinander auf Urlaub. Wir könnten gemeinsam segeln gehen und am Abend dann in einer kleinen Bucht ankern und in die Sterne schauen, und vielleicht sagt er dann, dass er ..."

Sich mit tausend Tagträumen in eine Verliebtheit hineinzusteigern ist riskant.
von Peter Lauster, Psychologe, Autor

Ach, süß ist diese Sehnsucht, das Schmachten und sich Verzehren nach einem anderen. Aber ist das nun Liebe? Nein, eher ein süßes Gift, fast eine psychische Krankheit, wie der deutsche Psychologe Peter Lauster in seinem Bestseller Die Liebe schreibt. Sich mit tausend Tagträumen in eine Verliebtheit hineinzusteigern sei riskant, "eine Erschwernis, den andern in seinem wirklichen Sein zu erfassen und ihn so lieben zu können, wie er wirklich ist. Die Enttäuschung stellt sich meist sehr schnell ein, wenn sich die reale Beziehung entwickelt." Für viele von uns, meint Lauster, sei das Reich der Fantasie leider ein Zufluchtsort vor der Wirklichkeit. Wir fürchten sie, weil sie uns langweilig, anstrengend und gefährlich erscheint. Jedoch: "Die Liebe findet ihre Erfüllung nur in der Wirklichkeit, in dem, was wirklich geschieht. Von einem gelebten Augenblick zum andern, im Hier und Jetzt."

Weiter auf Seite 2. >>

Sicher ist: Wir Frauen neigen dazu, Sex zu idealisieren. Pure Geilheit? Igitt!
Defizite an Zuwendung, Fürsorge und Liebe, die man als Kind erfahren hat, werden in Form von Erwartungen dem Partner übergestülpt. Er soll abdecken, was man als Kind so sehr entbehren musste.
von Anna Maurer, Psychotherapeutin, Autorin
Wir sehen uns und die anderen als Objekte mit einem gewissen Marktwert. Empfinden wir den Marktwert des andern als gleich hoch oder höher, ist eine Beziehung interessant.
von Peter Lauster, Psychologe, Autor
Lässt man sich vom Partner immer wieder weh tun, ist das kein Zeichen von Liebe, sondern nur von mangelnder Selbstliebe.
von Peter Lauster, Psychologe, Autor
Damit die Liebe in unseren Herzen wirklich Platz hat, sollten folgende Kriterien erfüllt sein:

Die gesellschaftlichen Verhältnisse müssen ignoriert werden. Die Gesellschaft besteht aus vielen verschiedenen Schichten und Gruppen verschiedenster Ideologien - all das ist trennend. Alle Gedankengebäude sind Käfige, die einen daran hindern, zu sehen, was wirklich ist und wer vor einem steht. Menschen sollten sich einfach nur als zwei menschliche Wesen begegnen, nicht als Objekte auf einem Markt.
Die Begierde muss verschwinden. Begierde ist Gier, und Gier ist zerstörerisch. Wenn man jemand in Besitz nehmen will, ist das so, wie wenn man eine Blume abpflückt und in die Vase stellt - sie wird sterben. Liebe reißt einen Menschen nicht aus seiner Verwurzelung, sie lässt ihn in Freiheit - und nur dort kann sich die Liebe entfalten.
Das Selbstbewusstsein muss sich entwickeln. Niemand kann uns fehlendes Selbstbewusstsein geben, nur wir selbst. Und das kann sich nur entfalten, wenn man zuerst danach strebt, sich seiner selbst bewusst zu werden. Liebe ist voll entfaltetes Selbstbewusstsein, das keiner Bestätigung bedarf. Liebe braucht aber auch viel Selbstbewusstsein, damit sie sich realisieren kann, ohne etwas zu erwarten.
Die Sinne müssen sich öffnen. Die Liebe geht über die Sinne, nicht über das Denken. Der Verstand bewertet und beurteilt. Wenn aber sämtliche Sinne wach und auf Empfang gestellt sind, wenn ich wahrnehme und annehme, was sich im Moment rings um mich ereignet, bin ich im Zustand der Liebe.
Die Schönheit ist unabhängig von der Mode. Wenn ich einen Menschen offen betrachte und in mich aufnehme, der nach den üblichen Schönheitsnormen vielleicht nur durchschnittlich aussieht, eröffnet sich mir seine ihm ganz individuell eigene Schönheit. Auch dafür ist das sensitive Erleben wichtiger als die Bewertung.
Das Denken wird still. Liebe ist eine Form von Meditation. Wenn das Denken gereinigt ist von Moralvorstellungen, Einstellungen, Meinungen, Erfahrungen und Erkenntnissen, kann sich der lebendige Vorgang der Liebe entfalten. Solange der Geist plappert, fühlt man nicht.
Es herrscht Zeitlosigkeit. Während ich intensiv erlebe und ganz in der Gegenwart aufgehe, ist das Zeitgefühl verflogen. Es gibt keine Vergangenheit und keine Zukunft, nur das Hier und Jetzt. Die Liebe lebt von Augenblick zu Augenblick.
Man kann alleine sein. Und zwar ohne Einsamkeit oder Isolation zu empfinden. Das Alleinesein des Menschen ist durch nichts außer Kraft zu setzen, und deshalb ist es nötig, sich diesem Alleinesein zu stellen. Im wachen Alleine-Sein, in einem ganz bewussten Sich-auf-sich-selbst-Konzentrieren wird die Isolation überwunden, weil man sich der Umwelt auf eine intensive und tiefe Art verbunden fühlt. So wird Alleinsein zu einem Gefühl der Fülle, nicht des Mangels. Und nur aus dieser Fülle heraus kann sich die Liebe zu einem andern entwickeln.
Lust ist von der Liebe nicht getrennt. Aber die Liebe bzw. die Liebesfähigkeit muss zuerst da sein, wenn sich die Lust in voller Schönheit entfalten soll. Dann ist die Lust kein isoliertes Bedürfnis, sondern eine Ergänzung im Sinne der Vervollkommnung.

Sexuelle Anziehung

Liebe und Sex sind in unseren Köpfen wie zwei rote Wollknäuel, die von spielenden Katzen verheddert worden sind. Eine verdammt schwierige Sache, die beiden Fäden zu unterscheiden. Denn beide erfassen wir über unsere Sinne. Aber: Liebe ist das Ideal. Und Sex ist das, was wir elementar suchen. Binnen Sekunden können wir auf optische Signale anspringen und uns von jemandem angezogen fühlen. Vielleicht nehmen wir den muskulösen Kerl vor unseren Augen ja auch gleichzeitig in seiner Gesamtheit wahr, als liebenswerte Person - aber sicher ist das nicht. Sicher ist nur: Wir Frauen neigen dazu, Sex zu idealisieren. Pure Geilheit? Igitt! Wie oberflächlich, wie tierisch. Da nennen wir doch lieber Liebe, was oft nur der Konsum körperlicher Erregungszustände ist.

Zitate (7c8141a6)

Doch so leicht und gern wir die Fäden auch verwechseln - es gibt eine Möglichkeit, zu unterscheiden, ob es nun Liebe, nur Sex oder beides in Harmonie miteinander ist. "Sexualkonsum", schreibt Peter Lauster, "zeigt keine Freiheit an und führt zu keiner inneren Befreiung." Man entspannt sich kurz - und baut schon bald danach wieder "neue seelische Spannungen der Unausgefülltheit und Unzufriedenheit auf". Wird die Sexualität jedoch in aller Liebe erlebt - dann ist das ungefähr so, als ob man aus zwei verhedderten Wollknäueln einen wunderbar warmen Pullover gestrickt hätte.

Geliebt werden

Sie kennen doch sicher Schneewittchens böse Stiefmutter, die ständig von ihrem Zauberspiegel hören möchte, dass sie die Schönste im ganzen Land ist. Ist sie für uns ein Vorbild? Sicher nicht. Und dennoch verhalten wir uns in Liebesbeziehungen oft genauso. Bevor wir uns überhaupt sicher sind, ob wir selbst lieben, fragen wir: "Werde ich wiedergeliebt? Was liebst du von mir und was nicht? Was kann ich tun, dass du mich mehr liebst, und was muss ich unterlassen?" Der andere soll unser Zauberspiegel sein, in dessen Augen wir uns als schönstes und liebenswertestes Geschöpf unter der Sonne spiegeln wollen.

Zitate (ec8f18be)

Warum aber ist uns so viel an der Liebe der anderen gelegen, und warum versuchen wir, mit unserer eigenen Verliebtheit so sparsam umzugehen? - Weil wir im Herzen oft noch bedürftige kleine Kinder sind, meint die Wiener Psychotherapeutin und Autorin Anna Maurer: "Defizite an Zuwendung, Fürsorge und Liebe, die man als Kind erfahren hat, werden in Form von Erwartungen dem Partner übergestülpt. Er soll abdecken, was man als Kind so sehr entbehren musste." Und deswegen sei die Angst vor der Liebe auch die größte Angst, die wir Menschen haben: "Weil wir immer fürchten, wieder gekränkt, getäuscht und verletzt zu werden." Treffen wir aber auf jemanden, der uns volle Zuwendung und positive Selbstbestätigung gibt, empfinden wir Sicherheit und Geborgenheit. Sind dankbar. Und halten dieses Gefühl für - genau.

Ach ja, und übrigens: Der Prinz, der hat die Möchtegern-schöne Stiefmutter keines Blickes gewürdigt. Der hat sich unsterblich in Schneewittchen verliebt, als er sie - völlig selbstvergessen, eins mit sich und der Welt - am Brunnen ein Lied singen hörte.

Weiter auf Seite 3. >>

Tauschgeschäfte

Eine reichlich verknotete Angelegenheit sind auch die beiden Begriffe Liebe und Beziehung. Doch eines muss klar sein: Ich kann jemanden lieben, ohne mit ihm eine Beziehung zu haben. Und ich kann eine Beziehung haben, ohne zu lieben.

In dem Buch Stark sein in Beziehungskrisen schreibt Peter Lauster: "Liebe ist eine Verbindung, die tief in unserm Innern ihre Wurzeln hat, es ist eine Verbindung, die zunächst einmal mit uns selbst zu tun hat." Liebe gibt - und fragt nicht nach der Antwort. Die typische partnerschaftliche Bindung aber ähnelt mehr einer Geschäftsbeziehung. Und ein guter Geschäftsmann, sagt man, kauft preiswert ein und verkauft dann teuer.

Zitate (26183867)

Das beginnt schon bei der Partnersuche: Wir sehen uns und die anderen als Objekte mit einem gewissen Marktwert. Empfinden wir den Marktwert des andern als gleich hoch oder höher, ist eine Beziehung interessant. Und dort geht das Aufrechnen dann weiter: Ich gebe dir das und bekomme dann von dir jenes. Ich gebe dir Sex und bekomme dafür Aufmerksamkeit. Ich gebe dir mein gutes Aussehen und bekomme dafür sozialen Status. Ich gebe dir ein gepflegtes Heim und bekomme dafür Sicherheit.

Das problematische ist, dass diese Erwartungen, die man an eine Beziehung hat, oft weder voll bewusst sind noch offen auf den Tisch gelegt wurden. Mann und Frau verlieben sich ineinander und denken (fälschlicherweise), durch die Liebe würde sich alles Weitere von selbst regulieren. Und wenn der andere nicht das gibt, was man sich erwartet, fühlt man sich zurückgestoßen und verletzt und wirft dem andern an den Kopf: "Du bist ja nicht liebesfähig."

Lauster rät allen Verliebten deshalb dringend: "Wir müssen über unsere Erwartungen reden - und dabei die Liebe riskieren. Wenn die Erwartungen absolut nicht zusammenpassen, muss sich die Liebe lösen können." - Die Betonung liegt übrigens auf "absolut". Denn es gibt ja Paare, die zusammen bleiben, auch wenn sich das Tauschgeschäft nicht ausgeht. Psychotherapeutin Anna Maurer: "Sie spüren in manchen Momenten, dass sie den anderen wirklich lieben, dass da etwas ganz Besonderes ist, das sie schwere Phasen überstehen lässt."

Schmerz

Dass in unserer Kultur ein Gekreuzigter das Symbol der göttlichen Liebe ist, hat auch für unsere Beziehungen weit reichende Auswirkungen. Aufopferung wird als Tugend angesehen, das Ertragen von Leid und Schmerz schafft eine perverse Form von Prestige. Und da es zudem nicht wenige Menschen gibt, die von klein auf Liebe stets gekoppelt mit Leid erlebt haben, gibt es auch nicht wenige, die statt einer Liebes- in einer Leidensbeziehung stecken. Die den Schmerz als Intensität erleben und das auch noch als normal oder sogar edel ansehen. Es stimmt schon: Wenn wir jemand lieben, kann er uns verletzen wie sonst niemand. Aber die Frage ist: Wie oft, wie lange lassen wir das zu? Wo ist die Grenze zwischen Offenheit und Masochismus?

Zitate (6030e2b4)

"Leid kann nicht der Sinn einer Partnerschaft sein. Die Grenzen der Würde dürfen nicht verletzt werden", schreibt Lauster zu diesem Thema. Lässt man sich vom Partner immer wieder weh tun, ist das kein Zeichen von Liebe, sondern nur von mangelnder Selbstliebe. Und wer sich selbst nicht liebt, der kann auch keinen anderen lieben - sondern bestenfalls von ihm abhängig sein. Punkt.

Nein, Liebe ist nicht Schmerz. Egal, was kirchliche Symbole oder Liebesromane oder Hollywood-Melodramen suggerieren. Anna Maurer sagt: "Für mich hat Liebe viel mit Freude zu tun. Jemand kommt bei der Tür herein, und mir lacht das Herz. So einfach ist das."

Faktbox (491166b1)

 

Aktuell