Ist Make-up antifeministisch?

Tussi oder Emanze? Oft entscheidet ein bisschen Lippenstift darüber, in welche Kategorie man uns einordnet. Die WIENERIN stellte der Genderforscherin Ulrike Weish die Frage: Ist Make-up antifeministisch?

Stellen Sie sich vor, Sie sind deutsche Kanzlerin oder US-Präsidentschaftskandidatin. Sie haben jahrzehntelang für Ihre Inhalte geschuftet. Sie stellen sich der Öffentlichkeit – und dann ist das meistdebattierte Thema Ihr Aussehen. Und egal, wie frau es macht, es ist falsch: Schminkt eine sich zu stark, nennt man sie Hure. Trägt eine gar kein Make-up, gilt sie als nachlässige Schlampe oder farbloses Mauerblümchen. In politischen Diskussionen empfehlen hässliche Männer adretten Frauen gerne mal, sich doch lieber wieder dem eigenen Spiegelbild zu widmen. Zahlreiche Feministinnen und Intellektuelle lehnen Make-up als oberflächliches, anbiederndes Getue ab – währenddessen boomt die Beauty-Industrie wie keine andere. Die ganze Welt lässt Schönheit hochleben und wertet sie doch gleichzeitig ab. Es ist ein bewegtes Thema, an dem laut Uni-Lektorin Ulrike Weish starke Konflikte hängen.

Steht der Schönheitskult für die Unterdrückung von Frauen?

Die Wissenschaftlerin unterrichtet­ an der Universität Wien Gender Studies und Kommunikationswissenschaft. Ihr Forschungsschwerpunkt: die Darstellung von Frauen in Werbung und Medien. Sie erklärt,
warum die meisten Feministinnen Make-up kritisch gegenüberstehen: „Der ganze Schönheitskult ist die Fortsetzung sehr alter, hochpatriarchaler Gesellschaftsstrukturen. Lange Zeit waren Frauen das Eigentum der Männer – der Väter, der Ehemänner, der Feudalherren und des Adels. Ihr einziges Kapital: die Schönheit – oft die einzige Möglichkeit, gesellschaftlich aufzusteigen: von der Sklavin zur Geliebten, von der Begehrten zur Ehefrau … Das machte sie zu produktähnlichen Objekten, schürte die Konkurrenz der Frauen untereinander und macht die Schönheit auch heute noch zum Kampffeld."

abgebrochene Lippenstifte


Weish beschreibt weiter: „Die starke Definition über das Aussehen und das ständige Auf- und Abwerten anderer aufgrund ihrer Erscheinung arbeitet gegen die Frauensolidarität. Sie machen sich im Kampf um Attraktivität gegenseitig das Leben schwer."

Dazu sehen viele Feministinnen übertriebenes Schönheitsgebaren als Unterwerfungsgeste, weil es nun mal Symbol eines ungleichen Machtverhältnisses ist: Die wirtschaftlich unterlegene Gruppe muss sich attraktiv darstellen, um „gekauft" zu werden. Ein Prozess, der verschleiert und tabuisiert wird. Weish: „Wo man früher noch bereit war, sich für einen Mann hübsch zu machen, darf man das heute ja nicht mehr laut sagen. Frau ‚muss es sich selbst wert sein‘. Viele haben das so internalisiert, dass sie den Zwang gar nicht wahrnehmen. Aber er ist immer und überall da." Vor allem junge Frauen geraten durch unerreichbare Schönheitsideale in Konflikt mit sich selbst. Die Lektorin bezeichnet die ständige Beschäftigung mit dem eigenen Aussehen als Selbstbeschädigung. „Der kritische Blick von außen auf sich selbst untergräbt das Selbstbewusstsein. Man stellt sich infrage, überprüft, kontrolliert und tut sich eine Menge unbezahlter Arbeit an; opfert Zeit, die eigentlich besser eingesetzt werden könnte."

Lesen Sie auf Seite 2:
Warum soll das "Frauenhobby" Make-up lächerlicher sein als das "Männerhobby" Auto?

Ulrike Weish ist Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin und Expertin der Werbewatchgroup Wien und unterrichtet an der Uni Wien in den Studienrichtungen Ethnologie und Publizistik. Sie stellt fest: „Menschen, die sich schminken, sind entweder feministisch oder antifeministisch. Die Praxis selbst ist es nicht."

Lippenstiftabdruck

Warum soll das "Frauenhobby" Make-up lächerlicher sein als das "Männerhobby" Auto?

Die Kritik an der Schönheitsindustrie ist durchaus verständlich. Aber der raue Wind weht ja auch aus einer anderen Richtung – aus der frauenfeindlichen. Denn wenn Make-up als wertloses, lächerliches Frauenhobby pauschal abgetan wird, stellen das natürlich auch Feministinnen infrage.
Ulrike Weish: „Es ist ein Irrglaube, dass Schönheit ein reines Frauenthema ist. Schminkende Männer gibt es seit dem Altertum, bestes Beispiel: die alten Ägypter. Make-up und Mode waren bis zur Moderne das Privileg des Adels. Egal, ob männlich oder weiblich – es wurde rasiert, geschminkt und geschmückt. Künstlichkeit galt als höchstes ästhetisches Ideal. Das änderte sich im 19. Jahrhundert. Neue Körpermoden kamen auf: der starke, harte Mann, der in den Krieg zieht, und die Frau, die sich um Heim, Familie und Schönheit kümmert. Das wird uns heute als natürlich verkauft."
Man erzählt kleinen Buben, dass sich doch „nur" Mädchen schminken, und befürchtet, dass sie „schwul" werden könnten, wenn sie, wie die meisten kleinen Kinder, eine Rosa-Glitzer-Phase haben. Sitzen die erwachsenen Männer dann beim Fotografen oder vor Fernsehauftritten im Schminksessel einer Maskenbildnerin, haben sie erst mal Angst vor den magisch aufgeladenen Pinseln.

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Make-up hat einen Mehrwert!

Dabei hat Make-up so viele Funktionen, die nichts mit gesellschaftspolitischen Themen zu tun haben. Zum Beispiel eine körperliche. Weish: „Ich denke schon, dass Schönheitsrituale uralte Reste einer archaischen Berührungskultur sind. Einander oder sich selbst zu kraulen und zu streicheln sind ganz alte Angstregulative. Berührungen beruhigen und sorgen für wohlige Gefühle – etwas, das wir heute tendenziell verlernt haben."
Oder eine rituelle Funktion: Make-up markiert innerliche Veränderungen auch äußerlich. Das macht es zum Fixbestandteil bei Bühne, Theater und Film, ist aber auch weltweit Bestandteil gesellschaftlicher Ereignisse wie Hochzeiten: Egal, ob in Afrika, Indien oder Europa, das Brautpaar wird geschmückt, frisiert und hübsch gemacht.

Make-up kann eine Kampfansage sein wie bei den Suffragetten, die mit roten Lippen durch New York zogen und gegen die rigiden Regeln des beginnenden 20. Jahrhunderts protestierten. Oder ein Akt der Befreiung, wie bei der dritten Frauenbewegung in den 1980er-Jahren, die Make-up als Symbol für selbstbestimmte Lebensfreude und Sexualität zelebrierte. Und vielleicht ist vor allem heute wichtig, dass Schminke auch ein Schutzschild gegen eine Welt sein kann, die Perfektion verlangt.

Wie es uns gefällt!

Die Visagistin Lisa Eldridge beendet ihr Buch über die Geschichte des Make-ups mit dem Satz: „Letztendlich bestärkt eine Frau nichts mehr als das Recht auf eine gute Ausbildung und die Freiheit, selbst zu entscheiden, ob sie rote Lippen und Smoky Eyes trägt … oder eben nicht." Denn warum sollte das Aussehen einer Frau von irgendjemand anderem bestimmt werden als von ihr selbst? Dazu gehört auch, die eigenen Motive zu hinterfragen, unbewusste Zwänge wahrzunehmen und nicht unreflektiert in ein System einzuzahlen, das mit jahrtausendelang gepflegten Minder­wertigkeitskomplexen fette Geschäfte macht.

Es ist Ihr Körper, Ihr Gesicht und Sie machen die Regeln.

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