Ist ein Kredit über 30 Jahre gefährlich?

Über Geld spricht man nicht? Doch! Die WIENERIN hat ganz genau nachgefragt, wie gefährlich ein Kredit sein kann und worauf man im Kleingedruckten achten muss.

Wie gefährlich ist ein Kredit über 30 Jahre?

WIENERIN: Lieber Bernhard Sell, in meinem Umfeld bauen gerade viele Menschen Häuser oder kaufen sich eine Wohnung. Bekommt prinzipiell jede*r einen Kredit?

Bernhard Sell (Schuldnerberatung Wien): Prinzipiell gibt es immer zuerst eine Bonitätsprüfung – dabei wird überprüft, wie hoch das Einkommen ist, welche Sicherheiten es gibt, ob Unterhaltspflichten bestehen et cetera. Dann wird entschieden, ob eine zweite Person mit unterschreiben muss, also ein*e Bürg*in. Wir warnen davor, für jemand anderen zu bürgen – wenn man das aber macht, dann sollte diese Bürgschaft betragsmäßig begrenzt sein. Außerdem ist es wichtig, zu bedenken, dass man, wenn man eine Bürgschaft unterschrieben hat, in der Regel selbst ­keinen Kredit mehr bekommt.

An wen wende ich mich, wenn ich einen Kredit brauche?
Am besten direkt an die Bank. Es gibt auch Kreditvermittler, aber das ist teurer, weil deren Leistung ja auch bezahlt werden muss. Es ist sinnvoll, nicht nur die Hausbank um ein Kreditangebot zu bitten, sondern auch andere Banken, und diese Angebote dann zu vergleichen. Beim Vergleich kann die Arbeiterkammer oder der Verein für ­Konsumenteninformation helfen. Man kann mit der Bank dann bezüglich der Kreditbedingungen verhandeln; ob es beispielsweise ­nötig ist, dass die Kreditaufnahme dem Arbeitgeber gemeldet wird.

Bernhard Sell arbeitet seit über 20 Jahren bei der Schuldnerberatung des Fonds Soziales Wien. Dort berät er jeden Tag Menschen mit Problemen rund um Bankschulden, Privatkonkurse, Lohnpfändungen und Stundungen. Der Jurist kennt die Gefahren von Krediten und gibt dieses Wissen auch an der Bertha von Suttner Privatuniversität in St. Pölten als Vortragender für Rechtswissenschaften weiter.

Wie sollte ich die Kreditrate berechnen?
Die Banken sind verpflichtet, mit Ihnen genau durchzurechnen, ob Sie sich die vorgeschlagene Rate ­leisten können. Dennoch sollte die Rate nicht zu hoch kalkuliert sein. Nicht alles ist planbar, aber es ist gut, im Vorfeld Ideen über die Zukunft zu haben; zum Beispiel, ob man ein oder drei Kinder bekommen will. Aber je länger die Laufzeit des Kredits ist, umso wahrscheinlicher ist es auch, dass sich währenddessen irgendetwas an Ihrer Situation ändert. Deshalb sollte man keine zu hohe Kreditrate vereinbaren, sondern eine leistbare Rate. Außerdem sollte man immer ungefähr drei Monatslöhne als Puffer auf der Seite haben.

Weiß ich im Vorfeld der Kreditaufnahme genau, wie viel ich zurückzahlen werde?
Nein, überhaupt nicht. Es wird von der Bank zwar die Gesamtbelastung ausgewiesen, aber das ist eine ­reine Schätzung, die mit dem aktuellen Zinssatz erstellt wurde. Wie sich ­diese entwickelt, kann man überhaupt nicht sagen. Es gibt unterschied­liche Kredit­konditionen: Kredite mit variablen Zinssätzen und welche mit fixen Zinssätzen. Fixe Zinssätze sind aber oft nicht über den gesamten Zeitraum fix; je nachdem, wie es vereinbart ist. Hier sollte genau nachgefragt werden, wie die Konditionen aussehen.

Was, wenn ich die Rate mal nicht zurückzahlen kann?
Dann sollte man sofort mit der Bank ins Gespräch gehen und nicht auf Mahnungen oder Briefe von der Bank warten. Sehr wahrscheinlich wird die Bank eine Stundung gewähren, doch mit jeder Aufschiebung wird der Kredit auch teurer. Es muss geklärt werden, ob sich zu dem Zeitpunkt, an dem man weiterzahlt, die Rate erhöht oder der Kredit verlängert. Je länger es dauert, desto mehr Zinsen zahle ich.

Sollte ich für den genannten Puffer zusätzlich sparen?
Den Puffer sollte man optimalerweise schon vorher angespart haben. Darüber hinaus sollte man aber das Geld, das man auf Spar­konten hat, dafür verwenden, weniger Kredit aufnehmen zu müssen. In der aktuellen Situation raten wir davon ab, dass man Geld zusätzlich auf ein Sparkonto legt, weil man am Sparkonto weniger Zinsen bekommt, als man für den Kredit zurückzahlt. Sparen ist in dem Fall also teurer. Einen Puffer muss man aber haben. Kontoüberziehen ist dafür nicht die Lösung!

Wir haben als Paar gemeinsam einen Kredit, dann trennen wir uns. Und jetzt?
Wenn man den Kredit zu zweit unterschreibt, sind beide dafür verantwortlich und haftbar für die ganze Summe. Prinzipiell muss man dann die Trennung mit der Bank besprechen, denn auch, wenn man in der Scheidung vor Gericht vereinbart, dass eine Person den Kredit zurückzahlt, ist das Scheidungsrecht für die Bank nicht bindend. Eine Änderung muss mit der Bank neu verhandelt werden. Die Bank prüft dann, ob man alleine die Bonität hat, dass man den Kredit zurückzahlt, oder ob man sich eine*n Bürgen*Bürgin suchen muss. Es wäre sinnvoll, bereits bei Kreditaufnahme als Paar zu klären, was bei einer möglichen Trennung mit dem Kredit passiert.

Und wenn eine Person stirbt?
Man ist als zweite Person ohnehin für die gesamte Summe haftbar. Das heißt, die Bank könnte von mir allein alles zurückverlangen. Dann kommt es auf die restlichen Erben an, ob diese die Erbschaft antreten – denn dann übernehmen sie auch den Kredit und müssen diesen mit mir zurückzahlen. Als Erbe gibt es die Möglichkeit, die Erbschaft bedingt anzunehmen. Dann stellt der Notar ein Inventar auf. Hier kann man sich mit dem Notar beratschlagen oder auch eine zweite Meinung einholen.

Hilfestellung

Die Schuldenberatungen in ganz Österreich bieten kostenlose Budgetberatungen. Das kann hilfreich sein, um zu klären, welche Kreditrate man sich leisten kann. Bevor man einen Kredit aufnimmt, sollte man mehrere Angebote vergleichen. Hier kann der Kreditrechner der Arbeiterkammer oder ein persönliches Beratungsgespräch mit AK-MitarbeiterInnen helfen. Den Rechner findet man hier. Auch der Verein für Konsumenteninformation bietet kostenlose Beratungen und das Checken von Verträgen an.

 

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