Ist die Finanzwelt böse?

6 Vorwürfe an die Finanzwelt, gekontert von Kurt A. Kieselhorst, Investment-Experte.

An jedem Stammtisch hören wir sie, die Sprüche gegen die Finanzwelt, die uns durch ihre Gier in die Krise geritten hat. Aber kann man alles über einen Kamm scheren? Wir konfrontierten den internationalen Finanzexperten Kurt A. Kieselhorst mit 6 typischen Sätzen. Seine Antworten fielen teilweise überraschend aus - ist die Finanzwelt doch nicht nur ein gieriges Chaos?

1.) Die Finanzwelt ist ein unkontrolliertes, geldgieriges Hai-Schwimmbecken!

Kurt A. Kieselhorst: Am 1.Jänner 2011 wurden 3 Kontrollinstanzen geschaffen um die Banken, den Finanzmarkt, das Versicherungs- und Pensionswesen und die systembedingen Risken zu regeln. Jeder der 27 Mitgliedsstaaten hat seinen eigenen individuellen Arbeitsmarkt sowie eine autoritäre Aufsichtsfunktion. Jedes EU-Mitgliedsland hat außerdem einen staatlichen Bankwesen-Supervisor. In Österreich übernimmt diese Aufgabe die Österreichische Nationalbank (OeNB). Alle Euroländer sind den ordnungspolitischen und technischen Richtlinien der Europäischen Bankaufsichtsbehörde (EBA) und der Europäischen Zentralbank(ECB) unterworfen. Alle EU-Banken sind den Kapitalisierungsregeln der Obernationalbank/ Supervisor/ Autorität/ Aufsichtsbehörde der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel (Schweiz) unterworfen. Zusätzlich müssen alle Versicherungen sowie die Pensionsanstalten mit dem Bonitäsregelsystem arbeiten und stehen unter der Aufsicht der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersvorsorge (EIOPA).

2.) Hedgefonds sind die Schlimmsten! (Was sind eigentlich Hedgefonds?)

Kurt A. Kieselhorst: Der Begriff "Hedge Fond" ist ein häufig verwendeter und vereinfachter Oberbegriff geworden. Irrtümlich entgeht ihm aber die zu Grunde liegenden Komplexität und Vielfalt der verschiedenen Strategien welche eine besondere Struktur der Investitionspartnerschaft anwenden. Ein noch besserer Begriff um die Anlageklasse zusammenfassen zu können, wäre den Begriff in die Kategorie der „Alternativen" Investitionen zu zuteilen. Ein Hedgefond ist eine rechtliche Personengesellschaft mit entweder begrenzten oder allgemein gültigen Exposuren der Teilhaber (Investoren) und der gesamten Schuldenmasse der Fonds. Zurzeit sammelt Preqin, ein Anbieter von Hedge-Fonds-Analysen, Daten aus einem Universum von zwischen 8000 und 14000 registrierten Fonds, jedoch ist die genaue Zahl an weltweiten Fonds schwer zu eruieren. Laut Prequin werden überwiegend 23 Anlagestrategien verwendet. Die Einfachste ist die lange bzw. kurze Eigenkapital bzw. Bürgschaft Strategie. Es ist einfach, wenn man glaubt, dass das Unternehmen und dessen Management überbewertet wird oder wenn man ein fragwürdiges Geschäftsmodell verwendet: „Kurz" bedeutet die Aktien oder die Obligationen. Umgekehrt, wenn man glaubt, dass das Gegenteil der Fall ist: Kaufen, oder anders gesagt: „Lang" bedeutet die Aktien oder die Anleihen. Diese Flexibilität der Vermögensarten macht sie für die Investoren weltweit interessant. Im Gegensatz zu Privatinvestmentfonds oder Ucits-Fonds ist ein alternativer Fonds in der Lage, eine Verzinsung entweder mit einer kurzen oder langen Ausrichtung zu erfassen. Jedoch nur in der Theorie und nicht immer in der Praxis.

3.) Die Börse ist nichts anderes als eine Wetthalle. Aktien werden nicht von Menschenhand verkauft sondern von Computern? Es ist ein automatisierter Vorgang, der nicht mehr kontrolliert werden kann. Ein Software Problem und alles zerbricht!

Kurt A. Kieselhorst: Der elektronische Markt hat viele weltweite Vorteile. Obwohl die technologische Infrastruktur einen hoch frequentierten Handel ermöglicht, ist dies ein kontroverses Thema. Es hat zweifellos viele Vorteile für das gesamte System gebracht. Zum Beispiel ermöglicht ein entsprechendes elektronisches System eine entsprechende Preisgestaltung und reduziert somit die Zeit der Preisfindung und den ultimativen Kauf und Verkauf eines Börse gehandelten Fonds (ETP). Schließlich kann jeder elektronischer Handel verfolgt und von den Aufsichtsbehörden überwacht werden, damit sind sie in der Lage, Unregelmäßigkeiten oder illegale Geschäfte in den Handelsstrukturen der Marktteilnehmer zu identifizieren.

4.) Das Ansammeln von Zinsen ist böse und bedeuten den Untergang!

Kurt A. Kieselhorst: Alternativkosten sind eine fundamentale und ökonomische Theorie. Definition von Investopedia: Es geht um Kosten für die aufgegebene Alternative, um eine sicherer Aktion verfolgen zu können. Anders gesagt, die Vorteile, die Sie, indem sie eine alternative Aktion erhalten, haben können. Wir alle müssen Entscheidungen mit unseren begrenzten finanziellen Ressourcen fällen und überlegen was sich für die Zukunft rentiert. Zinsen sind eine Form der Entschädigung, unser Geld zu investieren. Zum Beispiel wenn man sein Geld in andere Unternehmen investiert statt sich ein neues Auto oder einen Urlaub auf den Malediven zu leisten.

5.) Das Geld können Sie nicht aus der Luft greifen. Es ist immer die gleiche Menge im Umlauf. Die Reichen werden reicher und bald gehört die Welt ein paar hundert Menschen.

Kurt A. Kieselhorst: Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes ist die ökonomische Theorie, die die Zirkulation der Währung in einem geschlossenen Wirtschaftssystem erklärt. Heute leben wir in einer Welt des globalen Handels. Das Geld wird nicht aus der Luft gegriffen, der Geldumlauf ist nicht so wichtig wie die Kreditausweitung der Banken und anderen Kreditvermittlern innerhalb des globalen Systems. Die Zentralbanken halten den Geldumlauf durch Ankauf von Aktien und Obligationen oder sie expandieren eine gewisse Geldmenge. Die Zentralbanken haben eine Reserve. Das Geld ist nicht statisch sondern dynamisch.

6.) Investment mit Verantwortung? Wird nie funktionieren.

Kurt A. Kieselhorst: Es gibt nationale und internationale Vorschriften und Regeln. Es gibt eine Reihe von Regeln die aufzeigen wie, wo, was und warum verschiedenste Prozesse von Unternehmen durchgeführt werden müssen um die Versorgungskette weltweit aufrecht zu erhalten. Wie auch immer, man kann die Anlagen nicht absichern. Die zentrale Frage, und schließlich die endgültige Entscheidung über den Konsum liegt bei jedem einzelnen Verbraucher auf der ganzen Welt und das hat dann Auswirkungen auf die Gesellschaft.

 

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