Ist das Ihr Kleid?

„Eigentlich ist es ja nur ein weißes Kleid!“, ­dachte sich WIENERIN-Autorin Katharina Reményi und zog aus, um Brautkleider zu probieren. Ob es wirklich so einfach ist? 

Zwischen Tüll und Tränen Brautkleid

Kaffee, Tee, Wasser? Oder darf es ein Glas ­Prosecco sein?“ „Prosecco!“ „Mit Milch und Zucker?“ „Nein, danke! Einfach nur Prosecco.“ Wenn so eine Konversation um 10 Uhr vormittags stattfindet, muss es etwas Ernstes sein. In meinem Fall war es ein Termin bei Fine Dress. Das Geschäft in der Schwarzenbergstraße in Wien ist von außen recht unscheinbar. Nur ein paar bunte, mit Pailletten verzierte Kleider auf Ständern verraten, dass es hier festlich zugehen muss. In der Mitte des Geschäfts steht eine Sitzgarnitur aus Samt, auf der vier Leute Platz haben, rundherum an den Wänden wechseln sich lange, graue Vorhänge mit großen Spiegeln ab. Hinter dem festen grauen Stoff verbergen sich – so viel sei verraten – richtige Mädchenträume, und zwar in Weiß. Prinzessinnen, Meerjungfrauen und Feen – oder zumindest die Kleider, die man sich für diese Märchenschön­heiten vorstellt.

Meine Freundin K. und ich haben an diesem Morgen eine ­Mission. Wir sind ins Geschäft von Karin Krizek gekommen, um Kleider zu probieren. Aber nicht irgendwelche Kleider. Ich werde heute Brautkleider anziehen. Okay, ich gebe zu, weder bei K. noch bei mir ist eine Hochzeit in Sicht. Aber wir haben eine geheime Leidenschaft. Sie heißt Zwischen Tüll und Tränen und läuft fast täglich bei VOX. Bei diesem Reality-TV-Format werden Bräute und ihre ­Entourage beim ­Brautkleidshopping mit der Kamera begleitet. Das ­Drama ist programmiert!

Der weiße Stoff

Dass wir hier eigentlich nur spielen, spielt keine Rolle mehr, als ein Vorhang nach dem anderen geöffnet wird. Wir hüpfen aufgeregt hin und her. Coolness wird hier von weißen Roben aus Satin, von Spitze und Glitzer einfach geschluckt. 
Ich probiere das erste Kleid, das eigentlich ein Zweiteiler ist: ein Body mit viel Spitze und ein bodenlanger Rock aus Tüll. Die Aufregung, als ich den Berg an Tüll in die Hand nehme und den ersten Schritt aus der Kabine gehe, ist größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Diese Pracht und diese Herrlichkeit machen etwas mit mir, obwohl es auch ein weißes Ballkleid sein könnte. Aber ich kann gar nicht mehr aufhören, mich vor dem Spiegel zu drehen. Das mit dem Tüll hätten wir erledigt – die Tränen kommen noch.
 

Während ich das nächste Kleid probiere, erzählt Karin Krizek, dass es das erste Kleid selten vors Standes­amt schafft, und davon, dass sie das Geschäft seit drei Jahren führt. Denn als sie eine Freundin begleitete und die Eigentümerin des Geschäfts erzählte, dass sie keine Lust mehr auf den Brautsalon habe, machte es bei Karin Krizek „klick“. Ein paar Wochen später war sie Besitzerin von rund 100 Brautkleidern und von Fine Dress. Wo die Liebe hinfällt …
Bei mir fällt sie auf ein Kleid, das mit noch mehr Spitze besetzt ist. Und Glitzer. Und Tüll. Irgendwie kann ich gar nicht genug bekommen. 

Drama, Baby!

Brautkleid

K. ist eine tolle Begleitung. Wir sind ein gutes Team. Das bestätigt auch Karin Krizek, die mit ihrem Geschäft übrigens als einzige Österreicherin bei Zwischen Tüll und Tränen im TV zu sehen ist. Dramen haben sich schon rund um die fliederfarbene Sitzgruppe abgespielt. Es gab Mütter, die ihre Töchter zum Weinen brachten, weil sie nur kritisierten, Schwiegermütter, die lauthals verkündeten, dass ihr Sohn nie Ja sagen werde, wenn die Braut in diesem „Glitzerfummel“ vor den Altar trete, Trauzeuginnen, die sich in den Mittelpunkt stellten, weil sie nur nach ihrem Kleid Ausschau hielten. Es gibt aber zum Glück auch genug Bräute, die auf die Meinung anderer pfeifen. So wie die, die mit 1,90 Meter zu ihrem weit ausgestellten Traum aus Satin auch Zehn-Zentimeter-Heels kaufte. Ihr Zukünftiger war auch mit Schuhen nicht größer als 1,75 Meter. Und hinten in der Schneiderei hängt das Kleid einer Frau, die gar keinen Herzbuben hat – einfach, weil es ihr Traumkleid ist. Geschichten gibt es so viele wie Kleider.
Und ich? Ich hätte mich für den Zweiteiler entschieden, den ich noch einmal angezogen habe. Karin Krizek stellt endlich die Frage der Fragen: „Ist das Ihr Kleid?“ Als ich „Ja“ antworte, steckt sie mir einen Schleier ins Haar. Was soll ich sagen, die ­Gefühle gingen mit uns durch. Ich habe sogar ein paar Tränen bei K. fließen sehen. Sie sagt: vor Lachen. Ich glaube es ihr nicht. Der Schleier macht eben die Braut – und das macht emotional. 

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