Ist das "Bussi, Bussi" zur Begrüßung Pflicht?

Martina Parker fragt sich: Muss man jeder Fremden zur Begrüßung um den Hals fallen?

Küssen ist längst nicht mehr auf die beschränkt, die wir mögen. Wir leben in einer Bussi-Bussi-Gesellschaft. Überall wird geherzt und geküsst. Und das, obwohl es bei uns ein relativ junger Brauch ist. Erst in den 1980er-Jahren schwappten gemeinsam mit Caffè ­Latte und Café au Lait auch das italienische Bacio und das französische Bisou über Wien und München nach ganz Europa. In Beauty- und Lifestyle-Kreisen ist das Küssen heute selbstverständlich – allerdings nicht komplikationsfrei.

Das strenge Regime des Begrüßens

PR-Lady Nicole ist eine gute Freundin, also küssen wir einander zur Begrüßung zweimal auf die Wange. Aber was ist, wenn Nicole ihre Assistentin Lena mit im Schlepptau hat, die ich kaum kenne? Muss ich die dann auch küssen, damit sie sich nicht ungeliebt fühlt? Oder flüchte ich mich in einen faulen Kompromiss aus ausgestrecktem Arm und Luftküssen?


Richtig kompliziert wird es, wenn Nicole ihre Schweizer Kollegin Susanne mitbringt, die macht nämlich nicht „Bussi links, Bussi rechts“, sondern küsst in Schweizer Manier dreimal und beginnt auch noch auf der falschen Seite. Was ich natürlich immer vergesse, wodurch unsere Köpfe zusammenstoßen, unsere Nasen aneinander­streifen, wir peinlich berührt lachen und uns schrecklich fühlen.

Kollegen im Büro zu küssen gilt gemeinhin als unüblich. Aber was, wenn man die Kollegen auf einem Event trifft, oder gar den Oberoberoberchef? Heißt es dann: Augen zu und durch? Den geschürzten Lippen die Wange vorzuenthalten könnte doch als unhöflich aufgefasst werden. Viele beugen sich dann gegen ihr eigenes Gefühl dem Druck des Rituals – was zu einer absurden Entwicklung führt: Die Zahl der verteilten Küsschen steigt, obwohl immer mehr die Sitte als unangenehm ablehnen. Eine deutsche Studie belegt: 1980 fanden zwei Drittel der Befragten Gefallen an der Fremdküsserei. Heute ­würden 58 Prozent den Brauch am liebsten wieder abschaffen. Besonders Verzweifelte wenden sich an Google und bekommen auf die Frage „How to avoid cheek kissers?“ die Empfehlung, als Abwehrstrategie auf Events stets möglichst fettiges Fingerfood und ein Glas in Händen zu ­halten. Prost, Mahlzeit!

Bitte Abstand halten!

Die langfristige Lösung kann aber nur eine neue Grußformel sein. Und die könnte aktuell aus L. A. als Trend zu uns kommen. Denn bei der Holly­wood-Crowd, die sich vor #metoo-Vorwürfen und Bazillen gleichermaßen fürchtet, ist neuerdings die Gruß­formel der Yogis en vogue: einfach Hände falten, lieb lächeln und mit dem Kopf nicken. Das wehrt nicht nur Hugger und Kisser ab, es wirkt auch unglaublich holistisch. In diesem Sinne: Namaste!

 

Aktuell