Ist Blut wirklich dicker als Wasser?

Jeden Monat überprüfen wir in der WIENERIN, was an bestimmten Sätzen und Sprüchen dran ist. Diesmal: Ist Blut dicker als Wasser?

Verbandelungsverhältnisse

Die einen sagen: „Familie geht über alles.“ Die anderen: „Freunde sind die bessere Familie.“ Ja, was denn jetzt? Ob es für eine enge Beziehung zu jemandem wichtig ist, mit ihm verwandt zu sein, das wollten wir mit Coachin Nicole Siller herausfinden:

Was bedeutet(e) der Satz?

Aktuell verstehen wir darunter: Die Familie ist wichtiger und einem näher als jeder andere. Eine Familie hält zusammen. Wenn das wirklich so ist, kann das Sicherheit und Stabilität geben, sagt Nicole Siller. Aber: Der Satz hatte ursprünglich die genau gegenteilige Bedeutung. Zu Zeiten des Alten Testaments wurde nämlich ein Vertragsabschluss mit Blut besiegelt. Ein Tier wurde geschlachtet und beide Vertragspartner stellten sich in das Blut des Tieres. Mit „Wasser“ war Geburts- oder Taufwasser gemeint.

Wer ist mir näher?

Die Familie hat nach wie vor einen hohen Stellenwert. Bei einer Studie, in der nach den Glücksfaktoren der Österreicher gefragt wurde, landete „Familie“ auf Platz zwei hinter „Gesundheit“, aber noch vor „Freunden“ auf Platz drei. „Ich halte diese Sehnsucht nach der heilen Familie aber für ein Pseudoideal“, sagt Nicole Siller. „Die Gesellschaft mag es einfach, wenn alles geordnet ist. Aber wir leben in einer Phase, wo sich viel neu formiert und viele Dinge infrage gestellt werden, das ist sinnvoll“, erklärt die Coachin. Aus ihrer Sicht sehnen sich die Menschen stärker nach einem Ankommen, einem Sich-verstanden-Fühlen – und das muss man nicht unbedingt bei biologischen Verwandten finden.

Blut ist schon irgendwie dick …

Natürlich prägt einen die Familie, sagt Nicole Siller: „Selbst wenn meine Eltern offen und neugierig waren, was da für ein Wesen entsteht, habe ich ihren Blick aufs Leben mitbekommen. Insofern ist Blut dick – hat aber auch noch immer nichts mit Verwandtschaft zu tun, denn prägende Personen im Leben eines Kindes müssen nicht die leiblichen Eltern sein.“ Aufpassen sollte man, wenn der Satz in einer erpresserischen Art verwendet wird und jemand dazu gedrängt wird, Dinge zu tun, die er nicht tun will.

Die Familie ist immer da?

Grundsätzlich gehen die meisten von uns davon aus: Die Familie ist sowieso immer da. Und das fühlt sich gut und sicher an. Außerdem sieht man Familienmitglieder für gewöhnlich automatisch. „Ich glaube, das ist der größte Unterschied zu Freundschaften: Dass man oft nichts tun muss und sie sind alle irgendwie da. Zu Weihnachten kommen alle zusammen, also geht man halt einfach auch hin. Das kann diese Beziehungen auch schwächen, weil man sie als ganz selbstverständlich nimmt.“ Freunde sind nie zu etwas verpflichtet. Wenn sie fürsorglich sind und da sind, dann weil sie es wollen. Um Freunde bemüht man sich oft mehr.

Der Freundeskreis als Familienersatz


Auch, weil Beziehungen und Familien brüchiger werden, werden Freundschaften immer wichtiger. Sie sind heutzutage der zentrale soziale Stützpfeiler für uns, sagt die britische Soziologin Sasha Roseneil. „Mit Freunden verbringt man oft auch mehr Zeit, weil man sich bei ihnen häufig angenommener fühlen kann als bei der Familie“, sagt Nicole Siller. „Sie nehmen Bedürfnisse unter Umständen ernster, während die Familie vielleicht sagt: ,Die wird sich schon ausspinnen.‘ Und ja, ich glaube, dass Freunde Familie ganz wunderbar ersetzen können.“

 

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