Ist Bezahl-Sex unmoralisch?

Hure, Prostituierte, Sexarbeiterin. Die Begriffe ändern sich, der Job nicht. Ob Männer für Frauen, Frauen für Männer oder Männer für Männer – für Sex zu bezahlen, wirkt schief. Warum eigentlich?

Sex sells – ja, eh, aber Sex direkt verkaufen geht irgendwie nicht. Deshalb wird Sexarbeit auch 2016 noch moralisch bewertet. Warum, das haben wir zwei Soziologen, eine Frau und einen Mann, gefragt: den Wiener Kulturwissenschaftler Roland Girtler und die Soziologin Helga Amesberger.

Wir beginnen mit Professor Girtler, der in seinem Buch Der Strich das Rotlichtmilieu der 1980er-Jahre beschrieb.

Sie haben das Leben von Prostituierten in Wien erforscht. Ist Kauf-Sex moralisch verwerflich?

Ich habe mich in den 80ern intensiv mit dem Milieu befasst, aber ich bin ein unmoralischer Mensch, daher ist eine moralische Bewertung für mich nie infrage gekommen. Das käme mir total absurd vor. Was ich sagen kann, ist, dass Huren oder Dirnen – und ich bedauere, dass es diese schönen Wörter nicht mehr gibt – Teil einer Randgesellschaft sind.

Gegner der Prostitution sagen, Sexarbeit sei ein demütigender Beruf. Teilen Sie diese Ansicht?

Ich bin hellhörig, wenn Menschen erniedrigt werden. Das kann passieren, aber eine gute Hure geht auf Distanz. Sie verkauft ihrem Kunden etwas, meist ist Sex gar nicht das Wichtigste. Sie verkauft ihm Zuwendung. Dabei geht die Frau in einen Geschäftsmodus, und so hat sie das Heft in der Hand. Man kann sogar so weit gehen, dass sie ihrem Zuhälter gegenüber in der stärkeren Position ist, denn sie verdient ja das Geld.

Eine gute Hure geht auf Distanz – und ist sogar ihrem ZUHÄLTER GEGENÜBER eigentlich in der stärkeren Position: Sie verdient das Geld.
Roland Girtler

Menschenhandel ist Teil von Prostitution. Diese Frauen sind in keiner starken Position …

Ja, Mädchenhandel hat Tradition. Aber ich bezweifle, dass immer Zwang dabei ist. Für viele Frauen ist es auch eine Chance, Geld zu verdienen und in einem Land zu leben, in dem es ihnen besser geht. Heute gibt es in Wien aus genau diesem Grund sehr viele rumänische Huren, die
Geld für ihre Familien verdienen.

Roland Girtler ist Soziologe und Kulturanthropologe. In Der Strich beleuchtete er das Leben von Prostituierten.

Helga Amesberger hat mit österreichischen Sexarbeiterinnen über ihre Arbeitsbedingungen und ihre Motivation gesprochen. Sie führte 82 Interviews; die Ergebnisse wurden Ende 2014 veröffentlicht. Die renommierte Ethnologin am Institut für Konfliktforschung sieht Sexarbeit heute so wie jede andere Erwerbstätigkeit: Die meisten tun es, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Daher teilt sie auch nicht die Sicht einiger Feministinnen, dass Sexarbeit demütigend sei. Das ideale Land für Sexarbeiterinnen? „Neuseeland“, meint Amesberger im WIENERIN-Gespräch.

Wir reden über Sexarbeiterinnen und gleichzeitig über Moral. Warum?

Sexualität ist in einer kapitalistisch-konservativen Gesellschaft einerseits sehr genormt und wird stark mit Liebe und Freiwilligkeit verbunden. Und Liebesarbeit darf ja nicht bezahlt werden – auch wenn das ein Paradoxon in einer kapitalistischen Gesellschaft ist. Und es hat mit der Überschreitung von Körpergrenzen zu tun; es ist ein intimer Akt, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen. Zudem weiß man wenig über die Arbeitsbedingungen dieser Menschen, daher nimmt jeder seine eigenen Fantasien mit in den Diskurs.

Sie haben mit Sexarbeiterinnen gesprochen. Führen diese Frauen ein unfreieres Leben als andere?

Ganz sicher nicht. Sexarbeit in der kapitalistischen Wirtschaft unterscheidet sich nicht von Ihrem oder meinem Beruf. Wir gehen arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Was ihr Leben unfreier macht, ist die Stigmatisierung ihrer Tätigkeit.

Sie sind auch in der feministischen Forschung engagiert. Ist bezahlter Sex aus Sicht einer Feministin okay oder erniedrigend?

Ich finde es okay, dass Frauen für
Sex Geld verlangen. Warum sollten sie gerade das kostenlos anbieten? Eine Massage bekommt man ja auch nicht kostenlos. Für mich wäre eher umgekehrt zu thematisieren: Sex in einer Ehe – ist das immer so freiwillig? Wogegen wird in einer Ehe oder Partnerschaft Sex getauscht? Gegen Sicherheit, gegen den lieben Frieden, gegen Zuneigung?

Ich finde es okay, dass Frauen für Sex auch Geld verlangen. Warum sollten sie gerade das kostenlos anbieten? Umgekehrt finde ich aber die Frage spannend: Ist SEX IN DER EHE immer so freiwillig?
Helga Amesberger

Sie meinen also, Frauen tauschen Sex immer gegen etwas?

Wir alle tauschen Sex gegen etwas, ja. Und das ist nicht schlimm. Das Thema ist doch, dass die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens Sex haben, aber auch die Erfahrung machen, dass es nicht immer toll ist. Vielleicht auch deshalb, weil sie es nicht immer freiwillig gemacht haben. Dieses Eingeständnis ist schwierig und ich denke, daraus entsteht die Abwertung von Sexarbeit.

Der Diskurs wird sehr hart geführt – entweder für ein Verbot oder für Liberalisierung. Geht das nicht differenzierter?

Doch, es gibt differenzierte Meinungen. Ich bin in einem EU-weiten Forschungskreis, zu dem auch Sexarbeiterinnen und Sexarbeitsorganisationen gehören. Das Differenzierte dabei: Hier wird nichts beschönigt, wir diskutieren rechtliche und reale Bedingungen in der Sexarbeit und wie diese verbessert werden können. Denn es ist doch so: Bei der 24-Stunden- Pflege spricht niemand von Ausbeutung der Frauen, weil die ÖsterreicherInnen davon profitieren und die Pflege zu Hause so leistbar ist. Aber hier müssen die Frauen – abgesehen von zwei Stunden Freizeit – rund um die Uhr anwesend sein – um 50 Euro.

Es geht also um rechtliche Bedingungen. Gibt es das ideale Land für Sexarbeit?

Neuseeland hat Sexarbeit anderen Arbeiten rechtlich völlig gleichgestellt. Das brachte weniger Korruption durch die Polizei und mehr Vertrauen in die Polizei; der Einfluss der Bordellbetreiber sank. Die Zahl der Sexarbeiterinnen aber blieb stabil. Ich finde, die haben das gut gemacht.

Helga Amesberger ist Soziologin, Ethnologin
und Politikwissenschaftlerin am Wiener Institut für
Konfliktforschung.

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