Ist Attachment Parenting einfach ... zu viel!?

Heiß diskutiert: Attachment Parenting spaltet nicht nur die Foren im Internet, auch die Mütter der WIENERIN-Redaktion haben unterschiedliche Standpunkte, wie Frau, Kind und Bindung zusammenhängen.

Lucie Knapp
Hat einen neunjährigen Sohn und schreibt seit 2014 für die WIENERIN. Attachment Parenting (AP) findet sie prinzipiell super.

Vieles, was aus dem Attachment Parenting kommt, haben wir längst integriert. Mütter bekommen ihr Baby nach der Geburt auf den Bauch gelegt. Die meisten Eltern, die ich kenne, tragen. Und viele Kinder schlafen lange nicht durchgehend im eigenen Bett. Da schwingt zwar immer eine gewisse Scham mit, aber genau die könnte man sich laut AP sparen. Es ist gut, wenn man nett zu seinen Kindern ist, sie mag und ernst nimmt. Denn eigentlich geht es bei dem Ganzen ja um psychische Gesundheit. Die Theorie dahinter ist, dass sich die Bindung zu den engsten Bezugspersonen stark auf das spätere Selbstbild und die Beziehungsfähigkeit auswirkt. Und umgekehrt wissen wir nur zu gut, was psychische Verletzungen, Machtmissbrauch und Gefühlskälte in einem Menschen anrichten. Deshalb können wir nicht Selfcare und Selbstvertrauen predigen, dann aber unsere Kinder brechen wollen. Ich bin voll für alles, das dem kindlichen Seelenheil dient. Und zum Vorwurf, dass AP antifeministisch ist: Viele Männer haben es aufgrund ihrer Sozialisierung oft schwerer mit dem Einfühlsamen. Buben werden schnell als Weicheier bezeichnet, wenn sie andere Gefühle als Wut äußern, und zu mehr Männlichkeit aufgefordert. Zu einer umfassenden Gleichberechtigung gehört aber auch, das zu verändern. Ich denke, dass Attachment Parenting das auf lange Sicht eher kann als eine konservative Erziehung.

Barbara Haas
Die WIENERIN-Chefredakteurin hat Zwillingsmädchen im Alter von sieben Jahren. Ihr macht die Ikonisierung der Mutter bei AP eher Angst als Freude, außerdem findet sie den Trend irgendwie antifeministisch.

Ich bekam ein Kind - und bekam gleich zwei. Das war überfordernd. Eine andere Frau im Spital bekam am selben Tag ebenfalls Zwillinge. Wir hatten denselben Start, aber nur theoretisch. Ich "zwang" meinen Babys einen Vier-Stunden-Rhythmus auf, um tags und nachts gleiche Stillzeiten zu haben. Diesen Takt hatte aber auch mein Mann, denn er musste jeweils ein Baby trösten, bis es dran war. Die andere Mutter ging auf die individuellen Bedürfnisse ein, das sah liebevoller aus. War es wohl auch. Trotzdem brach sie nach ein paar Monaten zusammen. Burn-out. Was ich damit sagen will? Die eigene Achtsamkeit sollte nicht mit der Geburt eines Kindes enden. Die Idee, die Babys zu tragen, scheiterte bei mir logistisch, auch das Im-selben-Bett-Schlafen wurde auf ein Beibett reduziert, und bald schliefen sie im eigenen Zimmer. Ich war wieder eine Frau. Die Krux bei AP ist nicht der absolut richtige Gedanke an eine liebevolle Bindung, sondern die völlige Fokussierung auf die Mutter. Und das veraltete Familienbild -der Vater spielt nur eine untergeordnete Rolle. Zudem wird AP sehr dogmatisch gelebt; so, als würde man einem Kind Schaden zufügen, wenn man es nicht jahrelang stillt oder durch die Gegend trägt (der Tonfall im Internet dazu beweist es)."Erziehung ist Liebe und Vorbild", sagte der Schweizer Pädagoge Johann Pestalozzi. Tja, ich achte auch deshalb auf meine Bedürfnisse, damit mich meine Kinder kraftvoll erleben können - und so lernen, ebenfalls auf sich zu achten.

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