Ist am Catwalk alles nur noch geklaut?

Wo hört Inspiration auf – und ab wann ist es eine Kopie? Und hat die Mode heute ihre Kreativität und die Lust an Neuem verloren? Auf der Suche nach einer Antwort.

Melierter Tweed, das kleine Schwarze, Taschen mit Kettenhenkeln: Was wäre die Modewelt heute, wenn es Coco Chanel nicht gegeben hätte? Die Interpretationen ihrer Klassiker sind heute noch Verkaufsschlager, egal, ob das prestigeträchtige Logo darauf zu finden ist oder nicht. Die Französin hat mit ihren Kollektionen Geschichte geschrieben, die in jeder Saison ihre Fortsetzung findet. Gleiches gilt auch für ihre KollegInnen wie Elsa Schiaparelli, Yves Saint Laurent oder auch Mary Quant, die mit der Erfindung des Minirocks eine neue Kürze in die Mode gebracht hat. So unterschiedlich der Stil dieser Kreativen war, so viel Neues haben sie den Frauen auf den Leib geschneidert.

Sie ließen sich vom Zeitgeist genauso inspirieren wie von anderen Kulturen, Epochen, KünstlerInnen oder dem anderen Geschlecht. Es waren keine Kopien von schon Dagewesenem, es waren Inspirationen, die sie in neue Silhouetten gegossen haben. Coco Chanel sagte einmal: „Wer auf seiner eigenen Kreativität besteht, hat keine Erinnerung.“

"Wir spielen Mode-Memory"

Unser kollektives Gedächtnis, das World Wide Web, vergisst nichts – keine Kollektion und keinen Entwurf, der schon einmal über den Laufsteg gegangen ist. Und gerade in letzter Zeit beschleicht einen regelmäßig ein Gefühl, das flüstert, aber immer öfter schreit: Das habe ich doch schon einmal irgendwo gesehen!

Copycats schnurren nicht mehr leise, sie stolzieren über den Catwalk und bekommen Applaus. Dass Ketten wie H&M oder Zara ihr Geld damit verdienen, in Höchstgeschwindigkeit die Designs der Luxuslabels in Billigversionen auf ihre Stangen zu hängen, ist bekannt und ein äußerst erfolgreiches Konzept. Allein in den letzten drei Jahren ist der Umsatz der Fast-Fashion-Konzerne um 21 Prozent gestiegen. Dass sich die KreativdirektorInnen traditionsreicher Häuser in den eigenen Archiven ihre Ideen holen, ist legitim. Immerhin gilt es, die DNA einer Marke in immer neue Kollektionen zu übersetzen. Dass aber Ideen von einem Laufsteg zum nächsten wandern, ist neu – und in seiner Offensichtlichkeit oft ein Witz.

Motto: More of the Same

Ein Bilderwitz, der nicht zuletzt auf Instagram von Plattformen wie "Diet Prada" fast täglich in einer Gegenüberstellung von Original und Kopie erzählt wird. Tony Liu und Lindsey Schuyler, das Duo hinter dem Account in dem sozialen Netzwerk, sieht genau in der Bilderflut, die uns dort täglich begegnet, ein Problem, das die Gleichförmigkeit in der Mode verursacht. Denn so schnell wir die Bilder der immer gleichen Accounts scrollen, so viel rastloser ist dadurch auch die Mode geworden.

Ein Beispiel: Subkulturen, wie es etwa der Punk war, haben Jahre, wenn nicht Jahrzehnte gebraucht, um in der sogenannten Mitte der Modegesellschaft anzukommen. Sie waren ein Fundus an Inspiration, der aber nicht für jede/n zugänglich war. Das hat sich geändert, und davon werden nicht nur DesignerInnen beeinflusst, sondern auch die KonsumentInnen. So sagen Tony Liu und Lindsey Schuyler: „Wir haben gehört, dass Emo die letzte echte Subkultur war, bevor die meisten Styles sich ziemlich homogenisiert haben. Rund um die Welt sieht jeder die gleichen Bilder von Kim Kardashian, Kendall Jenner und Bella Hadid. Das hat einen unglaublichen Einfluss auf den Verkauf. Bevor man es wirklich realisiert, sieht jeder die gleichen Dinge in den Geschäften und auf den Insta-Accounts seiner Freunde." Das hat natürlich auch seine Wirkung auf den persönlichen Stil, der dadurch (unbewusst) seine Eigenständigkeit verliert. Killt also das Übermaß die Inspiration, die Kreativität?

Immer mehr Kollektionen stillen den Hunger nach Neuem

Je schneller sich dieses Rad dreht, desto mehr neue Ware wird in den Schaufenstern erwartet, ja geradezu gefordert. Dieser Hunger nach Neuem wird mit immer mehr Kollektionen gestillt. Doch Kollektionen brauchen Themen und die Zeit, um über einem Leitmotiv zu brüten, auf Inspirationsreisen zu gehen oder sich in Büchereien zu vergraben, zu recherchieren und die Ergebnisse davon in den aktuellen Zeitgeist zu übersetzen – und genau diese Zeit wird immer weniger. Genau genommen ist sie eigentlich gar nicht mehr vorhanden.


Das weiß auch die ehemalige Kreativdirektorin von Céline, Clare Waight Keller, die sagt: "Ein Moodboard, das früher ein paar Wochen intensive Recherche gebraucht hat, kann heute in einem Nachmittag zusammengestellt werden." Auf der Suche nach dem Unterschied zwischen Hommage und Nachahmung stellt sich die Frage, ob sich die Mode selbst überholt hat. Ist wirklich schon alles da gewesen? Die Antwort kann nicht eindeutig ausfallen, die wird die Zukunft bringen. Sicher ist, dass viel Geld im Spiel ist. Was funktioniert, wird (re)produziert – eine Formel, auf der der Erfolg ganzer Labels basiert, die oft ohne Rücksicht auf Verluste an Kreativität nicht unbedingt einzelne Designs kopieren, aber dafür einen Look.

Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl Tibi: Die Marke, die in den letzten Jahren im mittleren Preissegment zum Liebling sogenannter Stilikonen wie etwa Olivia Palermo wurde, hat ihren Anspruch darin, aufzugreifen, was gerade für Furore sorgt: den Effortless Chic von Céline, die Explosion von Prints bei Gucci oder die Legitimation von Streetwear in der High Fashion, die Vetements ins Spiel der Mode gebracht hat. Aber wer weiß, vielleicht ist das ja die wahre Demokratisierung der Mode.

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