Islamdebatte

Der Prozess gegen die Islamkritikerin Elisabeth Sabaditsch-Wolff wegen Verhetzung geht in die nächste Runde. Ein Gespräch mit der Sprecherin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, Amina Baghajati, über die Grenzen der Meinungsfreiheit, Scharia und erwünschte Islamkritik

Frau Baghajati, wo endet für Sie die Redefreiheit?

Dort, wo gezielt Fehl- oder Falschinformation betrieben wird, um eine Bevölkerungsmehrheit gegen eine Bevölkerungsminderheit aufzubringen.

Der Seminarleiterin der Freiheitlichen Bildungsakademie, Elisabeth Sabaditsch-Wolff, wird genau dies vorgeworfen. Deshalb steht sie ab 18. Jänner vor Gericht. Was sagen Sie zu ihrem Weltbild?

Sie leidet unter einer selektiven Wahrnehmung. In ihr Weltbild darf nur rein, was ihr passt. Alles, was der Islam an Positivem in der Welt beiträgt, könnte ihre Argumentation zum Einstürzen bringen. Also wird es ignoriert.

Was ist Ihre Meinung zum derzeit laufenden Prozess?

Sie missbraucht diesen Prozess als Forum für ihre Hassrede, und um falsche Interpretationen des Islam als Wahrheit zu präsentieren.

Nun, diese Möglichkeit wurde ihr vom Gericht geboten: Weder die Richterin noch der Staatsanwalt schienen besonders gut auf diesen Prozess vorbereitet zu sein. Der Staatsanwalt hat die Grundlage der Anklage, die Tonbandaufzeichnung von Elisabeth Sabaditsch-Wolffs Islam-Seminar, laut eigener Aussage nur „auszugsweise angehört". Wie finden Sie das?

Ich finde das beunruhigend. Diese Verhetzung ist ein ernstes Thema, ich würde mir wünschen, dass die Gerichte das auch so sehen.

Bemerken Sie ein Ansteigen der Islamfeindlichkeit in Österreich?

Wir bemerken vor allem, dass eine Randgruppe gefährliches Halbwissen über den Islam verbreitet, das sich zusehends im Mainstream wiederfindet. Wenn BM Maria Fekter sagt: Toleranz ist im Islam ein No-go, dann wissen wir, wo sie das her hat - gerade auch, wenn es ein „Ausrutscher" war. Seit Jahren wird in politischen Kreisen ein Feindbild Islam aufgebaut. Das ständig wiederholte Wort „Islamisierung" schürt Angst, Muslime wollten allen anderen ihren Glauben aufzwingen. Leider herrscht hierzulande ein krasses Unwissen über den Islam. Deshalb haben diejenigen, die dagegen argumentieren, mit ihrer selektiven Wahrnehmung und propagandistischer Fehlinformation freies Spiel.


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Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Etwa die Behauptung, FGM, die weibliche Genitalverstümmelung von Mädchen sei eine islamische Tradition. Das ist schlicht falsch.

Macht die Islamische Glaubensgemeinschaft gegen die Genitalverstümmelung von Mädchen mobil?

Natürlich. Wir von der IGGÖ haben gerade auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren dabei große Fortschritte erzielt, diese massiv einzudämmen. Und zwar nicht nur im Inland und Europa, sondern international und vor allem direkt in den betroffenen Gebieten Afrikas.

Die Islamkritiker sprechen davon, verhindern zu wollen, dass die Scharia in Europa etabliert wird. Was sagen Sie dazu?

Sehen Sie, keiner weiß doch, was die Scharia eigentlich ist. Das ist kein islamisches Gesetzbuch, das man im Buchladen kaufen kann. Übersetzt bedeutet Scharia „Der Weg zum Wasser". Also etwas, das man bekommt, aber auch immer wieder holen muss: Eine Sammlung von Antworten auf Fragen der religiösen Lebensführung im Islam. Die auch die Freiheit beinhaltet, diese Aussagen zu befolgen oder auch nicht. Was bedeutet das? Man muss sich immer wieder aufs Neue mit den Fragen des islamischen Lebens auseinandersetzen. Die Scharia ist also ein dynamischer Prozess und nicht statisch wie in Stein gemeißelt - und vor allem ist Scharia kein Synonym für „Körperstrafe". Ich kenne niemanden, der hier in Österreich die Gesetze ändern wollte.

Eine auf religiösen Lehren basierende Gesetzgebung gilt in Europa nicht mehr als zeitgemäß. Wenn nun ein orientalischer Politiker im Wahlkampf sagt, er wolle die Scharia einführen - was meint er damit?

Er meint damit das Gleiche wie westliche Politiker, wenn sie versprechen, eine „Law and Order-Politik" ausüben zu wollen. Ordnung, klare Regeln, mehr Sicherheit für die Bürger.

Wie fühlen sich Muslime in Österreich?

Es gibt leider keine offiziellen Untersuchungen dazu, was wir sehr bedauern, denn gerade solche Zahlen wären wichtig. Wir bekommen natürlich Stimmungsbilder von Mitgliedern der Gemeinde, die sich bei uns melden und sich ihren Frust von der Seele reden wollen. Am Arbeitsmarkt begegnen wir offener Diskriminierung von Frauen mit Kopftuch. Wir ermutigen Frauen, uns solche Dinge zu melden, denn oft genug wissen sie gar nicht, dass hier ihre Menschenrechte verletzt werden. Und wir bemerken eine zunehmende Hysterie und Ablehnung. Dinge, die früher einfach menschlich verhandelt wurden, werden jetzt krass angegangen.


Bitte um ein Beispiel.

Etwa die Hotelfachschulen. Da konnten muslimische Schüler früher auf zwischenmenschlicher Ebene mit den Lehrern ausmachen, dass sie bitte nicht das Schweinefleisch kosten müssen, das sie gerade gekocht haben oder keinen Wein trinken müssen. Heute gibt es Formulare, die Schüler, bzw. die Erziehungsberechtigten, auszufüllen haben, in denen sie die Bereitschaft bestätigen, im Rahmen der Ausbildung Schweinefleisch zu konsumieren und Wein zu trinken. - Alles wird krasser, radikaler. Der Dialog weicht mehr und mehr starren Fronten.

Leider helfen diverse Berichte nicht unbedingt in der Verständigung. Die deutsche „Bild" berichtete, eine Lehrerin sei entlassen worden, weil sie versehentlich muslimischen Schülern Schweinefleisch servierte. An der Schule herrsche nun generelles Schweinefleischverbot.

Diese Geschichte lief ganz anders ab, als in der Zeitung stand! Tatsächlich wurde die Lehrerin weder entlassen, noch wurde Schweinefleisch vom Speiseplan gestrichen. Die türkischen Eltern haben ihre Entschuldigung angenommen, und die Sache war für die Schulleitung erledigt. Hier wird ganz klar Stimmungsmache betrieben, um die Bevölkerung zu hysterisieren. Erst kürzlich startete eine Frau in Oberösterreich eine E-Mail-Kampagne an, weil Muslime den Österreichern angeblich den Gruß „Grüß Gott" verbieten wollen. Solche unsinnigen Forderungen hat es von uns jedoch noch nie gegeben - so wie es auch von uns nie die Forderung gab, man möge die Kruzifixe aus den Klassenzimmern entfernen. Im Gegenteil. Wir haben uns für den Verbleib dieser Symbole in den Schulen ausgesprochen. Und „Grüß Gott" ist ein schöner Gruß und völlig Islam-konform!

Es trägt aber nicht gerade zur internationalen Verständigung bei, wenn Muammar Gaddafi sagt: „Der Islam soll zur bestimmenden Religion in ganz Europa werden."

Ja, der Herr Gaddafi ... Das ist dann seine Meinung. Wir haben auf europäischer Ebene in den Imamekonferenzen eine gemeinsame Linie festgelegt, die fern dieser Rhetorik den Aspekt gemeinsamer Ziele und Werte betont. Daran wollen wir gemessen werden. Ansonsten: So wie wir uns in der Regel nicht in innere Angelegenheiten anderer Staaten einmischen, verbitten wir uns auch Einmischung.

Man erhält den Eindruck, wer etwas gegen den Islam sagt, müsse mit Gewalt rechnen.

Weil man im Fernsehen immer nur eine johlende Menge sieht, die Landesfahnen verbrennt, wie etwa beim Karikaturenstreit. Aber dass es auch in der arabischen Welt einen sehr intensiven, auf hohem Niveau stattfindenden Diskurs dazu gegeben hat - diese Bilder wurden im Westen nicht gezeigt. Oder die Sache mit der abgesagten Aufführung der Oper „Idomeneo" 2006, bei der in der Inszenierung die abgeschlagenen Köpfen von Jesus, Mohammed, Buddha und Poseidon gezeigt wurden: Elisabeth Sabaditsch-Wolff bringt in ihren Seminaren die Absage der Aufführung als Beispiel der Angst vor dem Islam. Was sie jedoch nicht gesagt hat, ist dass der Zentralrat der Muslime in Deutschland ganz klar sagte: „Führt die Oper bitte auf!" und Vertreter der Islamkonferenz daran teilnahmen, um ein Zeichen zu setzen.

Wie stehen Sie zu Islamkritik?

Ich wünsche mir mehr Mut, sich im Diskurs über den Islam zu üben. Ich finde Diskussionen wichtig, ja, auch Kritik. Das sind ja keine Schmusestunden, bei einer Diskussion sollen verschiedene Meinungen aufeinander treffen, sonst wird's fad und keiner lernt etwas dabei. Als wir zum Beispiel über das Kopftuch diskutiert haben - das war richtig produktiv. Plötzlich haben sich Menschen mit der Bedeutung von Selbstbestimmung beschäftigt, es wurde über viel mehr diskutiert als über ein Stück Stoff.

Was stört Sie an der derzeit praktizierten Islamkritik am Meisten?

Europa ist dabei, die Denkfreudigkeit der Aufklärung aufzugeben. Es findet kein Diskurs mehr statt, stattdessen steigt die Streuung populistischer Slogans. Man hinterfragt nicht mehr. Und das bedeutet für Europa einen weit schlimmeren Kulturverlust als ein paar Kopftücher mehr auf der Straße.

Muslimische Kreise bemühen in der Islam-Debatte gerne den Vergleich mit dem Antisemitismus der Dreißiger Jahre, was nicht immer auf Zustimmung stößt.

Es ist aber so. Und gerade wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, gilt es doch bei Parallelitäten in der Konstruktion von Feindbildern aufmerksam zu sein: Wir haben die gleiche Hass-Rhetorik, die gleiche Polemik, die gleiche Lächerlichmachung von Kleidung und körperlichen Merkmalen, die gleiche Argumentation - nämlich dass eine bestimmte religiöse Gruppe eine Weltverschwörung zur Übernahme der Macht angezettelt habe. All das haben wir schon einmal erlebt. Ich halte deshalb den Vergleich mit dem Antisemitismus der Dreißiger Jahre für mehr als gerechtfertigt und Wachsamkeit erforderlich. Sonst klingt das: „Nie wieder!", hinter dem ich voll und ganz stehe, auf einmal sehr schal.

Muslimen wird in Österreich einiges zugemutet: Die Forderung eines Minarettverbots, in Internet-Games kann man Geistliche von Gebetshäusern runterschießen, krasse Wahlslogans ... Fast könnte man denken, hier wird bewusst versucht zu provozieren. Bisher bewahrt die muslimische Bevölkerung weitgehend Ruhe. Wie lange noch?

Tatsächlich sind es bisher hauptsächlich die Muslime, die in Österreich massiv angegriffen und beleidigt werden. Das wird in der allgemeinen Panikmache gerne unter den Teppich gekehrt. Es gibt aber in der ganzen Diskussion auch erfreuliche Zeichen, die eine Eskalation zusätzlich verhindern helfen - etwa, wenn der Kardinal Schönborn mit seinen Sternsingern auch eine Moschee besucht. Solche Zeichen machen uns sehr froh. Und dann sind da noch die vielen Leute, die gerade während emotional aufgeladener Wahlkampfzeiten auf einen zukommen - beim Einkaufen, in der U-Bahn - mir unbekannte Menschen, die mir spontan ihre Solidarität versichert haben.

Kritiker bemängeln, dass die Islamische Glaubensgemeinschaft sich in der Vergangenheit nicht lautstark genug zu Terroranschlägen fundamentalistischer Gruppen zu Wort meldete. Nach dem Attentat von Alexandria am 1. Jänner äußerte die IGGÖ deutlich ihre Abscheu vor diesem Attentat. Ein Lernprozess auch bei islamischen Institutionen?

Die Frage ist nicht, ob wir derartige schlimme und traurige Ereignisse immer wieder verurteilen. Das tun wir. Aber für viele Medien hat das „keinen Nachrichtenwert" mehr und wird meistens nur über auf Religion spezialisierte Medien oder unsere Homepage (www.derislam.at) verbreitet. Dort ist eine leider lange Liste nachlesbar, zu Ägypten schon aus dem Jahr 2010.

Man darf jedoch nicht vergessen, dass es politische, aus millionenschweren Quellen finanzierte Kräfte gibt, die islamische Staaten etablieren und den Islam weltweit vorantreiben wollen. Wie stehen Sie zu den politischen Zielen dieser Gruppen?

Wenn Sie Al Qaida meinen: Diese Ziele teile ich nicht. Mich regt das menschliche Leid auf, das Extremisten und Terroristen, die den Islam für ihre Zwecke missbrauchen, verursachen. Mich regt auf, wie wir Muslime dafür zunehmend in eine Art Geiselhaft genommen werden. Und mich regt auf, dass das schlechte Image des Islam, für das sie verantwortlich sind, solchen Gruppen völlig egal ist, ja ihnen zupass kommt. Denn uns entgegen schlagende Islamfeindlichkeit scheint ihr Feindbild vom „bösen Westen" zu bestätigen. Hier geben sich also die Islamhasser und Islammissbraucher die Hand, die einander zu brauchen scheinen. - Wir müssen also gemeinsam Extremismus stoppen.

Finden Sie, Sie erhalten genug Beistand von der österreichischen Politik?

Ich wünschte, ich könnte diese Frage mit Ja beantworten. Aber ich kann es nicht. Meine Hoffnung liegt in der Kultur und in einem breiten, zivilgesellschaftlichen Dialog. In Salzburg etwa wurde „Nathan der Weise" gegeben. Dazu gab es eine Einladung zum Religionsdiskurs. Nathan wurde von Lessing unter dem Einfluss des Koran geschrieben, und ich war froh zu sehen, dass dies auch im Programm zum Stück vermerkt wurde. Lessings Ringparabel im Nathan basiert auf der Sure 5, Vers 48: „Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen Lebensweg aufgezeigt. Und wenn Allah gewollt hätte, hätte Er euch zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch Er wollte euch prüfen in dem, was Er euch gegeben hat. Darum wetteifert miteinander in guten Werken. Zu Allah werdet ihr alle zurückkehren. Dann wird Er euch Kunde geben davon, worüber ihr zu streiten pflegtet."

Von wem erhalten Sie bereits Beistand, von wem wünschen Sie sich mehr?

Wir erhalten Beistand von den Kirchen. Darüber sind wir sehr froh. Als Strache mit dem Kreuz herumfuchtelte, hat die Kirche scharf reagiert. Der evangelische Bischof Bünker verteidigte unsere Position in der Minarettdebatte. In der Politik unterstützt uns der Bundespräsident mit seinen Mahnungen zur maßvollen Sprache. Aber sonst? Ob die Politik hoffentlich heuer, wo keine Wahlen anstehen, das Thema deutlicher anpackt? Elisabeth Sabaditsch-Wolff bezeichnet sich selbst als „Mutter und Feministin". Wo bitte bleibt ein Kommentar von Feministinnen dazu? Will man eine Person, die Hass verbreitet, wirklich mit Feminismus in Verbindung gebracht wissen? Stattdessen haben wir in Deutschland eine Alice Schwarzer, die ins gleiche Horn stößt wie der rechte Rand. Bei uns gibt es immerhin ein zartes Pflänzchen „interfeministischen" Dialogs. Solche Gespräche unter Frauenrechtlerinnen verschiedenen Hintergrunds sollten wir gerade jetzt intensivieren.

Eines der Hauptargumente von Islamgegnern ist die Ehe, die der Prophet Mohammed mit der - laut Hadithen, einer der heiligen Schriften des Islam - damals sechsjährigen Aisha schloss und diese vollzog, als sie neun Jahre alt war.

Was diese Stelle mit Aisha betrifft, gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse: Man hat sämtliche historischen Angaben im Koran und den Hadithen in Kontext zueinander gestellt. Dabei kam heraus, dass Aisha zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit gar nicht neun Jahre alt gewesen sein konnte, sondern etwa zehn Jahre älter war, also ca. 19 Jahre. Zweifel an der Altersangabe gab es übrigens schon früher.

Warum wurde dann das Alter in den Schriften so angegeben?

Wer sich mit dem Islam auseinandersetzt, weiß, dass die Berichte mit Vorbildcharakter aus dem Leben des Propheten in verschiedene Kategorien eingeteilt werden: in „richtig", „ordentlich" und „schwach". Dazu kommt noch die Berücksichtigung der Überliefererkette, ob es viele oder einen einzigen Zeugen gibt. Die Stelle mit Aishas Hochzeit wurde aber nur von einer Person weitergegeben, Hisham ibn `Urwah, als er im Irak und schon sehr alt war und seine Berichte als unzuverlässig gelten. Man kann nicht einfach sagen: Was da steht, ist für jeden Muslim Gesetz. Auch damals, als die Hadithe niedergeschrieben wurden, gab es verschiedene Interessen, die von verschiedenen Gruppen verfolgt wurden. Eine kritische Einordnung, um zusammen mit anderen religiösen Quellen in einem größeren Kontext zu einer Einschätzung zu finden, ist also nötig. Daher auch die eben genannte Einteilung, wobei eine Einordnung im Lichte neuer Erkenntnisse auch revidiert werden kann.

Elisabeth Sabaditsch-Wolff erhebt Anschuldigungen wie: „Muslime berufen sich auf den Koran, um Kinder zu missbrauchen" und führt als Beispiel den Fall der jemenitischen Kinderbraut Nujoud Ali an.

Als Europäerin, die Anspruch auf die Werte der Aufklärung erhebt, wird mir da richtig schlecht. Ich halte fest: Wir sind prinzipiell gegen die Zwangsverheiratung - erst recht von Kindern! Und zum Fall im Jemen: Die Anwältin, die die Sache ins Rollen brachte, der Richter, der Nujoud Ali aus dieser schrecklichen Ehe befreite, die Reporter, die zuerst berichteten, waren allesamt Muslime. Das verschweigt Sabaditsch-Wolff jedoch.

Neuer Teil: Im Iran wurde das Heiratsalter auf 13 Jahre angehoben. Man kann jedoch immer noch neunjährige Mädchen mit Erlaubnis des Vaters und eines muslimischen Richters verheiraten. Ganz klar gefragt: Ist die Islamische Glaubensgemeinschaft Österreich für oder gegen die Zwangsverheiratung von Kindern?

Selbstverständlich sind wir dagegen. Religiöse Eheschließungen finden bei uns in der IGGiÖ immer nach der standesamtlichen statt - wie auch bei den anderen anerkannten Kirchen. Was Ihnen eine Elisabeth Sabaditsch-Wolff übrigens ebenfalls nie sagen wird: Im Osmanischen Reich wurde bereits im 19. Jahrhundert während des Tanzimat das Eherecht reformiert. Wer unter 17 heiraten wollte, brauchte eine spezielle richterliche Erlaubnis. Auch im Jemen soll dies geschehen, wo das Mindestalter bisher bei 15 Jahren lag, nur hat man die Einhaltung dieses Gesetzes nicht gut genug kontrolliert. Aber so eine Information passt nicht ins Weltbild der Islamhasser, also wird es ignoriert.

Die Islamgegner finden sich in politisch einflussreichen Verbänden, wie etwa dem Wiener Akademikerbund. Macht Ihnen das Sorge?

Natürlich. Vor allem, wenn man sich ansieht, auf welche Weise dort argumentiert wird. Ich wurde bei einer Veranstaltung von Vertretern des Akademikerbundes angesprochen. In der Diskussion schlug mir der blanke Hass entgegen. Da wurde mir gesagt: „Das steht so und so im Koran, und deshalb haben Sie das genau so zu glauben." Mir wurde quasi befohlen, was ich zu glauben habe! Man hat mir erklärt, was in meinem Kopf drin ist! Das war unglaublich. Und egal, was ich sagte, es wurde abgetan, weil Islamgegner uns nicht glauben, und immer sofort „Takiya" schreien, ohne zu wissen, was das überhaupt bedeutet.

Der Begriff „Takiya" wird von Islamgegnern als Auftrag beschrieben, Ungläubige zu belügen, insbesondere was die wahren Absichten eines Muslims in einer nichtmuslimischen Gesellschaft betrifft. Bitte um Ihre Definition des Wortes.

Im Islam ist die Lüge genauso verwerflich wie in jeder anderen Kultur. Einzig, wenn es darum geht, ob man in Lebensgefahr wäre, wenn man sich als Muslim outen würde, ist es erlaubt, zu lügen und zu sagen: Nein, ich bin kein Muslim. Das nennt man Takyia. Diese Regel hat der Prophet Mohammed im Lichte sinnloser Märtyrertode geprägt, wie sie im frühen Christentum üblich waren, als Menschen sich freiwillig von Gegnern ihres Glaubens hinrichten ließen, um ins Himmelreich zu gelangen. Mit der Möglichkeit der Takyia wollte Mohammed verhindern, dass sich Menschen sinnlos zu Märtyrern des Glaubens machen.

Noch einmal zum Akademikerbund: Die ÖVP hat Vertreter des Bundes aus der Partei ausgeschlossen.

Ja, aber erst, als sie die Abschaffung des Wiederbetätigungs-Paragraphen forderten. Als es nur um den Islam ging, hat man keinen Finger gerührt. Bei den vergangenen Wien-Wahlen war ich wirklich frustriert. Keine Partei hat sich offen gegen die FPÖ-Kampagne gestellt, da hieß es: Nur nicht anstreifen.

Wie definiert die Islamische Glaubensgemeinschaft den Begriff „Integration"?

Der Slogan der IRGÖ ist: „Integration durch Partizipation". Aber eine Elisabeth Sabaditsch-Wolff würde diesem Slogan keine Chance geben - und das Wort „Partizipation" durch „Unterwanderung" ersetzen.

Was würde eine Verurteilung von Elisabeth Sabaditsch-Wolff bringen?

Als Signal gegen Hass und Verhetzung wäre es ein gutes Zeichen. Aber ihre Anhänger würden sie zur Märtyrerin hochstilisieren - das ist skurril, aber gerade darum so durchschaubar, dass es für den allgemeinen Diskurs ohne negative Folgen bleiben dürfte.


Wo sehen Sie diesen Konflikt in fünf Jahren?

Das hängt von der wirtschaftlichen Entwicklung ab. Es gibt ja zahlreiche Studien, die belegen: Diskriminierung, die Suche nach Sündenböcken, der Hass auf alles Andersartige wird immer dann größer, wenn Menschen Angst um ihre wirtschaftlichen Verhältnisse haben.

Das Netzwerk von Elisabeth Sabaditsch-Wolff reicht weit über Österreich hinaus. Beunruhigt Sie das?

Diese Grüppchen vernetzen sich alle und versorgen einander mit ihrem gefährlichen Gedankengut. Man fragt sich: Was ist die Agenda, die hinter den Aktionen steht?

Es gibt Beobachter, die sagen, es gehe von der fundamentalistisch-christlichen Ecke oder zumindest von rechtskonservativen, christlichen Kreisen der USA aus.

Das ist auch unsere Vermutung. Somit relativiert sich also das Gehabe, mit dem sie sich als „Retter der Redefreiheit, Verteidiger der Frauenrechte" etc. aufspielen. Und das sollten die Menschen wissen, die vielleicht das Christentum ebenso wenig an der Macht sehen wollen wie den Islam.

 

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