Isabella Richtar über: Greisenhaft

Es ist so weit. Ich werde alt. In Kürze wird das Bild rechts oben einem Schneemann gleichen, denn ich bekomme weiße Haare. Bis dato sind es drei an der Zahl, doch dabei bleibt es nicht.

Bald werden es zigtausende am Kopf und hunderte auf der Oberlippe sein und irgendwann wachsen sie mir dann büschelweise aus Ohren und Nase. Geil. Danke, Leben. Dabei sind wir zwei doch gar nicht so schlecht miteinander ausgekommen. Warum also so mir nix dir nix diese elende Weißwuchsattacke? Liegt’s vielleicht an jenem vorhandenen Aufkommen an Misanthropie meinerseits? Es stimmt, ich werde langsam wunderlich. Wenn Menschen zum Beispiel „zum Bleistift“ sagen, statt „zum Beispiel“ könnte ich ihnen mittlerweile mitunter an die Gurgel gehen.
Ich mein, was zum Henker haben die für ein tiefsitzendes Problem? Sollen sie doch schlicht und einfach „zum Bleistift“-Communities gründen, sich ihre Bleistifte sonst wohin stecken und uns andere mit ihrem Müll in Ruhe lassen. Detto, jener Menschenschlag, der sich immer noch bemüßigt fühlt, die uralte Udo-Lindenberg-Textzeile „Alles klar auf der Andrea Doria“ zu verwenden. Ja, ich könnte kotzen, wenn ich das höre. Ich bekomme auf der Stelle unberechenbare Muskelkontraktionen, Brechdurchfall und Pickel im Arsch. Was soll ich machen, ich muss diesen Leuten einfach kommunizieren, welch abgrundtief miesen Humor sie besitzen. Der M. sagt immer, ich werde mal wie unser Nachbar sein. Der Herr P. dreht das Neujahrskonzert auf volle Lautstärke, weil er nicht mehr so gut hört und lässt in Gegenwart anderer ungeniert Fürze, die nach totem Fisch riechen. Was raus muss, muss raus. Nein, niemals werde ich so enden, denn falls ich jemals das Bedürfnis nach dieser vor Dekadenz nur so triefenden Neujahrsfidelei habe, schieß ich mir sofort ein Loch ins Knie und furzen werde ich sowieso IMMER still, einsam und geheim. Aber ich gebe zu, dass ich mit zunehmendem Alter fordernder geworden bin. Zum Beispiel hätte ich gerne, dass der M. endlich einen Welthit komponiert.
Immerhin kann ER Gitarre spielen und nicht ich. Mir schwebt auch kein vor Virtuosität strotzendes Requiem vor, eher so was wie dieses „Finger im Po, Mexiko“ vom Mickie Krause. Der M. soll doch endlich, unter Pseudonym versteht sich, irgendein Mallorca / Schihütten- Rambazamba-Gedudel schreiben, reich werden und mir dann viel Geld für schöne Dinge geben. Täglich erinnere ich den M. daran, der ist täglich angefressen, sagt, ich sei blöd, und passieren tut nichts. Meine Freundin S. meint nur, ich soll den M. in Ruhe lassen, außerdem sei ich sehr, sehr böse. Das gibt mir schon zu denken, denn wer will schon sehr, sehr böse sein. Jessas, werde ich vielleicht schon bald Falschparker anzeigen, Tauben vergiften und kleine Kinder anpöbeln? Sitze ich vielleicht schon in naher Zukunft Kardinalschnitte essend mit Hut und Pelzstola in der Konditorei und beschwere mich über die Kellnerinnen? Nein, die weißen Haare haben mir die Augen geöffnet.
Liebes Leben, ich werde mich bemühen, brav zu sein. Versprochen! Und solange mir niemand mit AmalgaN statt AmalgaM kommt, wird mir das auch gelingen. T’schuldigung.

sssssss
 

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