Isabella Richtar über: Gestatten, Nerd.

Mir ist durchaus bewusst, dass ich tendenziell ein eher anstrengender Mensch bin. Beim Gruppenurlaub funktioniere ich nur lauwarm, komme zu spät zu Treffpunkten und vergesse gerne Pass samt Flugticket.

Ich kann weder den Stadtplan lesen noch Feuer machen, weigere mich in Zelten zu schlafen und hab immer das falsche Gepäck dabei – davon aber sehr viel. Man könnte sagen, ich bin der blanke Horror für jedes Team.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Nicht, dass ich grundsätzlich ein asoziales Arschloch wäre, ich komme nur lediglich sehr schlecht mit Veränderungen klar. Ich brauche eine warme Mahlzeit pünktlich um 11 Uhr am Vormittag, verwende ausschließlich reinweißes Klopapier und kaufe niemals Dinge im Doppelpack.
Wenn ich’s mir recht überlege, bin ich ein echter Nerd. Aufgrund dessen sind auch Ferien für mich unweigerlich mit einem gewissen Stressfaktor verbunden. Mir graut vor fremden Matratzen, ich dusche prinzipiell mit Badeschlapfen und Plastikhandschuhen und muss mir meine persönlichen Baumwolltücher auf unbekannte Polstermöbel legen, bevor ich mich hinsetze. Sonst fühle ich mich nicht wohl, was letzten Endes mein näheres Umfeld komplett in den Irrsinn treiben würde.
Mein Leben braucht Struktur. Oder Alkohol. Der M. ist da anders. Er lässt Dinge auf sich zukommen, macht das Beste aus jeder Situation, ist spontan, witzig und würde den perfekten „Positiv denken“-Ratgeber abgeben. Wäre der M. ein Buch, wäre er mit Sicherheit ein Bestseller. Seit vier Tagen sind wir jetzt in Hamburg. Zu acht! Das „Baltic Soul“- Weekend-Festival ist das Nonplusultra, vorausgesetzt man mag Soul. Ich mag Soul nur peripher und wenn Sie mich fragen, sind Festivals an sich allesamt „a pain in the ass“. Die Klos sind nach zwei Stunden zugekackt, außerdem regnet es IMMER. Und dann stehst du nass bis auf die Knochen unter irgendeiner peinlichen Regenpellerine und wartest, bis aus den Gummistiefeln Wasser austritt. Mit etwas Glück kotzt dir noch einer dezent in den Rucksack und keiner sagt dir was davon. Alles schon da gewesen.
„Dann bleib doch zuhause“, werden Sie jetzt denken und Sie haben vollkommen recht. Aber da ist leider alles voller Handwerker und das halte ich genauso wenig aus. Was also tun in solch prekären Situationen des Lebens? Ich bevorzuge das Konsumieren von Unmengen an Alkohol. Bereits nach dem Frühstück zwei, drei Bierchen gezwitschert, und der Regen kann dich kreuzweise. So schaffst du es auch mit den Händen zu essen, die öffentlichen Toiletten zu benutzen und Lieder mitzusingen, die du noch nie in deinem Leben gehört hast. Du machst dir weder Sorgen um Aussehen noch um Manieren und lachst dich Tage und Nächte blöd über die Ortschaft, die „Schashagen“ heißt. Alles ist gut und jeder, der das Gegenteil behauptet, ist ein Lügner. Alkohol, die ultimative Waffe bei Problemen aller Art? Mit Sicherheit nicht. Aber was mich betrifft: Ich geh jetzt duschen. Und zwar ohne Badeschlapfen und Plastikhandschuhe. Prost.

 

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