Intimgesundheit: Warum Geschlechtskrankheiten & Co kein Tabu sein dürfen

Pilze, Störungen der Intimflora und Geschlechtskrankheiten sind auf dem Vormarsch und haben gerade bei Frauen erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit. Wie man sie erkennt und was man tun kann.

Geschlechtskrankheiten erkennen

Meistens schenken wir unserer Vaginalgesundheit keine besondere Aufmerksamkeit, solange wir keine Probleme haben. Wenn es aber juckt und brennt,
kann es ganz schnell unangenehm und der subjektive Peinlichkeitsfaktor hoch werden. Woran erkennt man eine ernst zu nehmende Geschlechtskrankheit,
welche Rolle hat der*die Partner*in und wann ist es "nur" eine unangenehme Pilzinfektion?

Falsche Scham

Barbara Franz, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten, erlebt in ihrer Praxis täglich Patient*innen, die sich davor genieren, über ihren Intimbereich
zu sprechen: "Das Schamgefühl ist nach wie vor so groß und das Thema Krankheiten so tabuisiert, dass die Patient*innen vielfach gar nicht zur Ärztin gehen."

Das Paradoxe daran: Das Schamgefühl, ungeschützten Geschlechtsverkehr mit völlig fremden Partner*innen zu haben, wird immer geringer. "Die Abneigung gegen Safer Sex ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Die Menschen haben oft keinen Sinn mehr dafür, sich zu schützen, und nehmen Verkehr mit Kondom nicht mehr in Kauf. Ich beobachte in meiner Praxis einen regelrechten Hang zum ungeschützten Geschlechtsverkehr", so Franz. Die Folgen können für die eigene Gesundheit, aber auch den*die Partner*in schwerwiegend sein. Und das betrifft nicht nur HIV oder Aids.

Geschlechtskrankheiten mehr und mehr verbreitet

Laut Statistik Austria ist die Zahl der Geschlechtskrankheiten seit dem Jahr 2010 konstant hoch. Das Bundesministerium für Gesundheit führt eine Liste mit klassischen und modernen Geschlechtskrankheiten. Weil die meisten davon durch Bakterien, Viren oder Pilze übertragen werden, müssen die Infektionen von der behandelnden Ärztin gemeldet werden und scheinen dann in der Statistik auf.

Gerade in den letzten Jahren schleichen sich durch unseren mobileren Lebensstil und die vielen Fernreisen auch Krankheiten ein, die noch vor einigen Jahren bei uns kein Thema waren. Barbara Franz: "Die venerische Lymphknotenentzündung etwa ist typischerweise in tropischen Gebieten angesiedelt, weil die Keime durch Feuchtigkeit und Wärme eher überleben. Weil sie relativ unbekannt ist, wird die Krankheit auch von Hautärztinnen oft erst spät erkannt. Die Folgen sind faustgroße Schwellungen der Lymphknoten im Leistenbereich." Trotzdem gehört sie, verglichen mit anderen Krankheiten, noch zu den seltenen Fällen.

In unseren Breitengraden häufiger sind vor allem Infektionen mit Chlamydien und Trichomonaden sowie Herpes genitalis, Genitalwarzen, HIV und Aids. Aber auch andere Krankheiten wie Hepatitis B und die Candida- Infektion (Genitalpilz) werden durch Geschlechtsverkehr übertragen. Je nach Krankheit kann eine unerkannte Infektion gerade für Frauen schwerwiegende Folgen haben.

Jede Ärztin unterliegt der Schweigepflicht. Alles, was gesagt wird, bleibt im Raum und wird nicht hinausgetragen. Das sollte man sich immer vor Augen führen.

von Dr. Barbara Franz, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten

Achtung vor symptomfreien Infektionen

Deutlich häufiger kann eine Ansteckung der Frau mit Gonorrhoe (Tripper) und Chlamydien mit mitunter schweren Komplikationen verbunden sein. Die Symptome
zeigen sich nicht bei der Frau, sondern beim Mann mit Brennen beim Urinieren und Ausfluss. "Das Heimtückische bei diesen zwei Geschlechtskrankheiten ist, dass die
Frau so gut wie gar keine Symptome hat. Eine mit der Ansteckung einhergehende unerkannte Gebärmutterhalsentzündung, die vielleicht sogar völlig symptomfrei verläuft, kann unbehandelt zu einer systemischen Infektion führen. Davon ist dann der ganze Körper betroffen", so Barbara Franz. "Durch die Ausbreitung der Bakterien im Organismus können die Eileiter vernarben, das führt im schlimmsten Fall zur Unfruchtbarkeit."

Aber auch viele andere Geschlechtskrankheiten werden zu Beginn nicht bemerkt, weil sie nicht schmerzhaft sind. "Die Syphilis spürt man am Anfang nicht, sondern sieht vielleicht nur ein rötliches Knötchen im Genitalbereich, das sich später zu einem ebenso schmerzlosen Geschwür entwickelt", so die Medizinerin.

Jährliche Untersuchungen bei der Hautärztin sind in jedem Fall sinnvoll. "Im Zuge der Muttermalkontrolle sollte sowieso jede Stelle des Körpers angeschaut werden. Da hat es Sinn, auch gleich den Perigenitalbereich zu untersuchen", so Barbara Franz. Schamgefühl muss bei der ärztlichen Untersuchung nicht sein: "Jede Ärztin unterliegt der Schweigepflicht. Alles, was gesagt wird, bleibt im Raum und wird nicht hinausgetragen. Das sollte man sich immer vor Augen führen, weil man nur so Vertrauen aufbaut und die Ärztin rechtzeitig reagieren und behandeln kann", rät die Dermatologin.

Auch unser Lifestyle spielt eine Rolle

Aber nicht jedes Problem in der Intimzone führt gleich zu Unfruchtbarkeit oder Ganzkörperinfektionen. Wenn sich Jucken und Brennen im Intimbereich bemerkbar machen, ist es meistens ein gestörtes Scheidenmilieu oder eine Pilzinfektion. "Candida-Infektionen, das sind die klassischen Pilzinfektionen im Genitalbereich, sind ein hartnäckiges und weitverbreitetes Kapitel", sagt Franz. Ob wir Pilze leicht oder schwer bekommen, ist auch Veranlagung.

Trotzdem kann sich ein Pilz gerade in der Strumpfhosenzeit im warmen, feuchten Milieu bei jeder von uns besser ausbreiten. Aber Achtung: Übertriebene Hygiene ist im Intimbereich trotzdem kontraproduktiv. Der pH-Wert der Scheide ist sehr empfindlich und reagiert beleidigt auf Waschgels und Seife. Mit Schamhaaren und saurem pH-Wert
hätte unser Körper eigentlich wunderbar gegen Keimbefall vorgesorgt. Der Trend zu komplett enthaarten Schambereichen und mehrmals täglichem Powerduschen macht uns da aber einen Strich durch die Rechnung. "Durch das Rasieren der Schamhaare, das seit Jahren gerade unter Jugendlichen sehr verbreitet ist, werden Mikroläsionen, also
kleinste Löcher in der Hautoberfläche, verursacht, wodurch die Ansteckungsgefahr mit virusbedingten Genitalwarzen erhöht wird", warnt Barbara Franz. "Außerdem waschen
wir regelrecht unseren schützenden Bakterienfilm runter und die Krankheiten können Fuß fassen."

Und der Herpes genitalis ist viel weiter verbreitet, als man glaubt. Einmal erwischt, trägt man das Virus für immer im Körper. Je nach Zustand unseres Immunsystems bricht es dann mehr oder weniger häufig aus.

Die Fakten

Infos: gesundheit.gv.at

Geschlechtskrankheiten sind heilbar – sofern man sie früh genug erkennt und die Symptome ernst nimmt.

DIE KLASSIKER. Zu den klassischen Geschlechtskrankheiten gehören Gonorrhoe (Tripper), Syphilis (Lues, harter Schanker), Ulcus molle (weicher Schanker) und das Lymphogranuloma venereum.

DIE MODERNEN. Unter modernen Geschlechtskrankheiten versteht man vor allem Chlamydien und Trichomonaden (Trichomoniasis)
sowie Herpes genitalis, Genitalwarzen und HIV / Aids oder auch Hepatitis B. Sie treten vor allem in den letzten fünf bis zehn Jahren wieder häufiger auf.

FRÜHERKENNUNG. Je früher eine Geschlechtskrankheit erkannt wird, desto eher bekommt man sie in den Griff.

Geschlechtskrankheiten holt man sich nicht auf schmutzigen Toiletten.

von Dr. Barbara Franz, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten

Probiotika

"80 Prozent unseres Immunsystems liegen im Darm. Erreger, die im Körper schlummern, brechen am liebsten dann aus, wenn er geschwächt ist", erklärt Franz.
Vor allem Antibiotika können unsere empfindliche Vaginalflora stören. Durch übermäßige Einnahme wird die Darmwand geschädigt und unser
Immunsystem leidet, weil die notwendigen und schützenden Bakterien im Vaginal- und Darmbereich angegriffen werden und Keime leichtes Spiel haben. Um sein Abwehrsystem zu stärken, können Probiotika, die oral eingenommen werden, Vaginaltabletten oder Scheidenzäpfchen mit Milchsäurebakterien helfen.

Keimfalle Toilettensitz?!

Wer übrigens glaubt, man steckt sich auf öffentlichen Klos an, dem sei gesagt: "Geschlechtskrankheiten holt man sich nicht auf schmutzigen Toiletten. Auch in meiner Praxis sitzen oft Patientinnen, die das aus Schamgefühl als Ausrede benutzen", so Barbara Franz. Besser: der Ärztin gleich die Wahrheit sagen. Die Art der Ansteckung ist nämlich eine sehr wichtige Info.

Außerdem rät die Expertin: "Grundsätzlich sollten wir achtsam mit dem eigenen Körper und dem des Partners oder der Partnerin umgehen. Wir sollten uns auch immer vor Augen halten, dass bis auf HIV und Herpes genitalis jegliche Geschlechtskrankheit heilbar ist, sofern sie rechtzeitig erkannt wird." Gut zu wissen.

 

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