Interview: "Wir haben keinen Rechtsanspruch auf Wohlstand!"

Schriftstellerin Juli Zeh hat ein neues Buch geschrieben. Ihren ersten Gesellschaftsroman. Wir haben mit ihr über "Unterleuten" und gesellschaftliche Herausforderungen von heute gesprochen.

Mit "Unterleuten" hat Juli Zeh, die vielfach ausgezeichnete deutsche Schriftstellerin, jetzt einen Gesellschaftsroman geschrieben (Erscheinungsdatum 8.3.). Ihren ersten, weil sie sich erst jetzt reif für diese Art von Roman fühlte, wie sie Ursula Neubauer im Interview erzählt hat:

Siebezeichnen die Form des Gesellschaftsromans als schreiberische Königsdisziplin, warum?

Juli Zeh: Weil das Bücher mit hoher Komplexität sind, mit vielen Figuren, langen Zeiträumen. Aber es geht auch um Literaturgeschmack. Ich lese Gesellschaftsromane einfach auch am liebsten, weil man sich so gut identifizieren kann und beim Lesen die ganze Zeit denkt: Ja, genau so könnte es sein. Man wird anspruchsvoll unterhalten und hat hinterher auch noch das Gefühl, etwas gelernt zu haben.

Im Dorf Unterleuten im Buch passiert viel Unheil, weil jemand einen Windpark bauen will. Was funktioniert dort nicht richtig?

Da gibt es ein wichtiges Thema, das sich bei vielen Figuren wiederholt: Sie stellen immer den eigenen Vorteil über das Allgemeininteresse, und aus der Summe von Leuten, die dann ihr eigenes Interesse verfolgen, entsteht am Ende die Katastrophe. Und wahrscheinlich erlebt man in einem Dorf Konflikte manchmal einfach auch zugespitzter, weil man geografisch so aneinander gebunden ist.

Sehen Sie diese Egozentrik, dieses Auf-sich-bezogen-Sein als Hauptproblem heutzutage?

Es ist zumindest eines das ganz wichtigen Probleme unserer Zeit. Jeder hat das Gefühl, etwas zu verdienen, etwas bekommen zu müssen, hat so ein Anspruchsgefühl gegenüber der Welt. Und das ist absurd. Warum sollten wir ein Recht auf etwas haben? Ich glaube, es wäre wichtig, den Status quo und sich nicht so ungeheuer wichtig zu nehmen.

Auch in Hinblick auf die Flüchtlingsdebatte?

Ja, ich denke, dass die Angst, mit der jetzt reagiert wird, aus diesem Anspruch auf Wohlstand oder Ungestörtheit entsteht, weil wir glauben, dass sich der Status quo nicht ändern darf. Das halte ich für infantil. Das ist wie bei einem Kind, das glaubt, man will ihm den Lolli wegnehmen, dann schreit es und schlägt um sich.

Also "schaffen wir das"?

Da steh ich wirklich hinter der deutschen Kanzlerin. Wir werden das schaffen. Deutschland hat vor 25 Jahren 16 Millionen Ostdeutsche integriert, da waren Probleme, die man sich heute gar nicht mehr vorstellen kann. Aber es ging. Wir sind seitdem eine andere Gesellschaft geworden, vielleicht eine bessere. Ich hoffe, das passiert jetzt wieder.

Unterleuten ist ein Dorf irgendwo in Brandenburg. Mit richtigen Ur-Originalen und Zugezogenen. Als ein Windpark errichtet werden soll, beginnt die Idylle zur Hölle zu werden. Luchterhand-Verlag, € 25,70.

Unterleuten
 

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