Interview: Wie man im Alltag mit Hochsensibilität umgehen kann

Auch bevor das Phänomen der Hochsensibilität beschrieben wurde, gab es hochsensible Menschen. Sie wussten es nur nicht. Und konnten ihr „Anders-Sein“ nicht einordnen. Wir haben mit zwei Frauen gesprochen, die spät herausgefunden haben, was mit ihnen los ist und die jetzt mit anderen „Spät-Erkennern“ arbeiten.

Früher verrückt, heute hochsensibel.
Die gebürtige Dänin Birte Dalbauer-Stokkebaek ist Sängerin und Coach und war Anfang 50, als sie erkannte: Ach, ich bin hochsensibel?! Jetzt bietet sie neben ihrem Musikangebot auch Achtsamkeitstraining für Hochsensible an.

Wie war der Moment, als Sie erkannt haben „Hoppla,
mich kann man zu den Hochsensiblen zählen“?
Das war so eine Erleichterung! Ich bin zwar dagegen, alles und jeden in Schubladen zu stecken, aber diese Erklärung zu haben war eine große Hilfe für mich. Ich habe plötzlich verstanden, was mit mir los ist.

Was hat sich mit dem Wissen für Sie verändert?
Das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle, dass man schwierig ist, sind auf einmal weggefallen. Ich hatte oft versucht, mich zu ändern, aber das ging kaum. Und jetzt weiß ich: Ich bin okay so! Ich darf mir auch erlauben, mich abzugrenzen oder mich zurückzuziehen.

Tut sich Ihr Umfeld jetzt auch leichter mit Ihnen?
Klar, weil die wissen jetzt auch, dass ich nicht absichtlich schwierig bin und sein will. Wir pflegen einen sehr humorvollen Umgang damit. Zu ernst nehmen sollte man das alles ja dann auch wieder nicht.

Wie meinen Sie das?
Na ja, wir reden von einem „Wesenszug“ und ich will mich nicht als wer „Besonderer“ fühlen und diese Etikettierung zu meinem Lebensmittelpunkt machen, sondern das alles leicht nehmen. Vielleicht ist ja auch jeder in einem Bereich hochsensibel? Mein (nicht hochsensibler) Mann z. B., wenn es um Zeitpläne geht ...

Und dann behandeln Sie ihn extra verständnisvoll?
Ja, mehr und mehr. Ich lerne auch dazu im Moment.
Genau wie er.

Sie bieten Achtsamkeitstraining speziell für Hochsensiblean, warum?
Wenn man generell noch mehr Reize empfängt und mehr Dinge wahrnimmt oder schneller wahrnimmt als andere Menschen, dann kommt man auch noch leichter ins Grübeln oder in Stresszustände als andere. Das ist anstrengend und kann sehr belastend sein. Durch das Achtsamkeitstraining, die MBSR Mindfulness Based
Stress Reduction, kann man lernen, den gegenwärtigen Moment bewusst und offen wahrzunehmen, ohne sich in Bewertungen zu verlieren. Das setzt Energie frei und das Nervensystem verkraftet belastbare Situationen leichter.

Was machen Sie da konkret?
Viel Meditation zum Beispiel. Weil man zu sich selber findet und lernt, im Jetzt zu sein. Und wenn man im Jetzt ist, geht das mit dem Gedankenkarussell ja gar nicht. Es ist etwa toll, sich hinzusetzen, die Augen zu schließen und sich auf seine Atmung zu konzentrieren. Und wenn ein Gedanke auftaucht, kann man ihn beobachten und dann wie Wolken ziehen lassen, so macht man das auch mit den nächsten ... Das befreit!

Ingrid Parlow weiß inzwischen seit einigen Jahren,
dass sie hochsensibel ist. Trotzdem war sie zum Zeitpunkt
dieser Erkenntnis schon erwachsen. Ihre Erfahrungen
gibt die heute 52-Jährige über die Arbeit
im Verein zart besaitet (zart-besaitet.net) an alle weiter,
die das bei sich (auch) erst spät entdecken.

Frau Parlow, Sie bieten Infoabende für Hochsensible
an, gibt’s da viele, die spät draufkommen, dass sie auch dazuzählen?
Ja. Die, die es im Kindesalter oder im jungen Erwachsenenalter erkennen, sind eher selten, wobei das ideal wäre. Generell kommen sehr, sehr unterschiedliche Leute zu uns.

Worin liegt aus Ihrer Sicht der größte Nachteil,
wenn man seine Hochsensibilität erst spät im Erwachsenenalter erkennt?
Einerseits hat man sich bis dahin wahrscheinlich als Außenseiter und nirgends zugehörig gefühlt. Denn gewissermaßen sind wir ja auch Rudeltiere, und wenn man
zu einer Herde kommt, wo alle Streifen haben, und man
selbst hat keine Streifen, also anders ist als die anderen,
dann heißt das: Ups, falsche Herde. Und die Leute haben
sich im Laufe der Jahre Strategien zugelegt, damit umzugehen, und die funktionieren oft nicht oder nicht gut.

Welche Strategien sind das zum Beispiel?
Grob kann man das in zwei Richtungen einteilen: Die einen versuchen, sich zusammenzureißen, und probieren, sich so zu verhalten wie die Mehrheit. Das ist aber unglaublich anstrengend! Und die anderen ziehen sich zurück, verschließen sich, vermeiden Herausforderungen
und führen ein ereignisarmes Leben.

Was raten Sie solchen Menschen, wenn sie irgendwannzu Ihnen kommen?
Allgemeine Ratschläge zu geben ist schwierig. Wir bemühen uns, genau zu schauen, warum derjenige zu uns kommt. In welchem Bereich hat er Probleme? Beruflich? Privat? Viele sagen, sie hätten mit „Stress“ besonders stark zu kämpfen.

Fühlen sich Hochsensible denn schneller oder leichter
gestresst als andere?
Das denke ich schon, es prasselt ja auch viel mehr auf sie ein. Allein im Beruf: Der Hochsensible nimmt so viel wahr und spürt oder sieht, an welchen Ecken und Enden es hapert. Das kann ihm stark zusetzen.
Deshalb ist es für Hochsensible noch wichtiger als für andere, im Job einen eigenen Wirkungsbereich zu haben. Wenn sie ein bisschen Kontrolle haben und nicht irgendwelchen Umständen einfach ausgeliefert sind, dann geht’s den meisten besser.

Was ist sonst noch wichtig, damit Hochsensible
auch glückliche Hochsensible sind?
Es ist wichtig, dass sie einen guten Umgang mit Stress üben und sich die Ruhe gönnen, die sie brauchen.
Und sie sollten sich genug Zeit für sich nehmen.

 

Aktuell