Interview: Wie fühlt es sich an, Model und Aktivistin für psychische Gesundheit zu sein?

Adwoa Aboah ist ein Supermodel der jüngsten Generation. Als Gesicht für Jo Malone spricht sie über Düfte – und über psychische Gesundheit.

Adwoa Aboah in grauem Hoodie vor weißem Hintergrund

Die 30-jährige Britin Adwoa Aboah zierte das Cover der Vogue, modelte für H&M und Fendi und fiel zuletzt reich mit Glitzersteinen geschmückt in der Swarovski-Kampagne auf. Weniger glitzernd waren die Steine auf ihrem Weg hierher: Das Model, dessen Mutter dem englischen Adel entstammt und dessen Vater aus Ghana emigrierte, beschreibt den Moment, als es mit 13 ins Internat kam, als Schlüsselmoment seines Lebens. Im konservativen Umfeld, dessen Ideal Adwoa nicht entsprechen konnte, wurde sie immer unglücklicher.

Sie kämpfte mit Selbsthass, Depressio­nen, Ängsten und Drogen. 2015 unternahm sie einen Suizidversuch, lag kurz im Koma und verbrachte dann Wochen in der psychiatrischen Abteilung. Die dortigen Gespräche mit anderen Betroffenen veränderten sie, und über Gespräche ist sie auch heute – sieben Jahre später – als Aktivistin für psychische Gesundheit tätig. Im Interview mit der WIENERIN für die Londoner Duftmarke Jo ­Malone ging es deshalb nicht nur um Parfum.

Wienerin: Welche Düfte magst du persönlich?
Adwoa Aboah:
Bei Parfum mag ich holzige, frische Noten. Einer meiner Lieblingsdüfte riecht einfach nach sauberer Wäsche. Mir ist wichtig, dass ein Geruch nicht zu schwer auf mir liegt und ich mich den ganzen Tag selbst rieche. Das Schwere ist bei anderen okay, aber nicht bei mir selbst.

Es ist selten, dass in einer Duftkampagne so viel Wert auf tiefer gehende Themen wie psychische Gesundheit gelegt wird. Wie fühlt es sich an, in diesem Rahmen Global Ambassador für Jo Malone zu sein?
Ich fühle mich wirklich wertgeschätzt. Mentale Gesundheit steht in unserer Kommunikation an erster Stelle. Es kommt nicht oft vor, dass ich mich und meine Themen so stark einbringen darf. Gurls Talk ist überall, wo ich bin, und Jo Malone versteht und schätzt das.


Was ist Gurls Talk?
Eine Non-Profit-Organisation, die ich initiiert habe, um Mädchen einen sicheren Raum zu bieten, in dem sie sich austauschen, Infos und Ressourcen holen können. Ich war um die 13, 14, als ich wirklich Unterstützung gebraucht hätte. Als Erwachsene, wenn wir aus dem Alter raus sind, wirken Probleme wie das erste Verliebtsein vielleicht trivial, aber zu dem Zeitpunkt fühlen sie sich riesig an. Und das ist okay und sollte auch so beachtet werden.

Im Krankenhaus war das gruppen­therapeutische Setting, mit Leuten, denen es ähnlich ging, eine Offenbarung für mich. Einen ähnlichen Raum wollte ich für Schulkinder schaffen.

Du hast eine schwere Zeit hinter dir. Was half dir, rauszukommen?
Andere Leute, offen und ehrlich zu sein, anwesend zu bleiben, mich und meine unangenehmen Gefühle auszuhalten. Das mache ich heute immer noch – nicht ignorieren, sondern mich hinsetzen, spüren, auch wenn es wehtut, und einen Weg durch finden. Darüber hinaus tat mir Bewegung gut, Zeit für mich selbst, Tanzen. Und unter Leuten zu sein, die mich fühlen ließen, geliebt zu sein.


Gab es den einen bestimmten Moment, an dem es besser wurde?
Irgendwann hat es sich einfach weniger überfordernd und erdrückend angefühlt. Ich konnte für eine Sekunde aufatmen; das hat mir den Raum gegeben, zu überdenken und zu verarbeiten. Ich wollte da sein.


Denkst du, dass struktureller Rassismus, der sich als unterschwellige Benachteiligung oder Missbilligung äußert, Auswirkungen auf die psychische Gesundheit hat?
Definitiv. Wie man sich selbst sieht, wird stark davon geprägt, wie einen andere sehen, und das war bei mir stark an meine Herkunft gebunden – für mich total verwirrend, weil ich mich erst spät mit meiner Identität in Bezug auf meine Hautfarbe auseinandergesetzt habe.

Ich strebte lange nach etwas, das komplett außerhalb meiner Reichweite war, und ich machte mich selbst für die unausgesprochene Ablehnung verantwortlich. Im Nachhinein kann ich dank der größeren Diskussion heute viele Erlebnisse von damals einordnen und mir die Schuld von den Schultern nehmen. Es hatte nichts mit mir als Person zu tun.


In einem früheren Interview meintest du, manche Menschen werden wohl einfach traurig geboren. Glauben Sie das immer noch?
An "traurig geboren" vielleicht nicht mehr, aber "sensibel und mit einer emotionalen Intelligenz ausgestattet, die sich von anderen unterscheidet" – daran glaube ich definitiv.


Was hilft dir heute bei Krisen?
Ich rufe einen Freund oder ein Familienmitglied an; irgendwen, der Reso­nanzkörper sein kann. Wenn man mit Gedankenspiralen allein bleibt, es dunkler und dunkler wird, ist es gut, jemanden zu haben, der die Dynamik unterbricht – mit einem Gespräch, einem Spaziergang, mit Teetrinken, Handhalten, einer Umarmung; irgendwas.

Und ich verfolge meine Schritte zurück: Habe ich zu wenig geschlafen? Nicht ordentlich gegessen? War ich zu lang am Handy? Oft ist es so einfach: die Grundbedürfnisse erfüllen; essen, schlafen, mit den Leuten sein, die man liebt – und sich Zeit für sich nehmen.


Selbsthass und Suizidgedanken sind immer noch massive Tabus. Muss offener darüber geredet werden?
Absolut! Über die Themen an sich, aber vor allem über die Erfahrungen der Menschen, die so etwas überstanden haben und jetzt ihre garantiert nicht einfachen, aber schönen Leben leben. Zu hören "Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich habe das auch erlebt – und es wird besser", hilft. Über ­Geschichten der Hoffnung muss unbedingt auch geredet werden!

 

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