Interview mit Single-Experte Eric Hegmann

Warum sind so viele tolle Frauen eigentlich Singles?

Hegmann: Das kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Häufig liegt es an einem falschen Selbstbild, das viel negativer ausfällt, als ein Außenstehender es beurteilen würde. Der Klassiker: "Ich bin zu dick", aber jeder andere sagt: "Du siehst wirklich prima aus!" Wer sich dennoch zu dick fühlt, flirtet natürlich gehemmter als jemand, der selbstbewusst und mit sich zufrieden ist.
Häufig ist aber auch die Partnerwahl zu einem solch wichtigen Thema geworden, dass man unentspannt und verbissen überall nach potenziellen Partnern Ausschau hält. Das kann einen bedürftigen, verzweifelten Eindruck machen, der Flirts garantiert auf Abstand hält.
Oder die Partnerwahl ist ein Nebenschauplatz geworden. Man hat es sich in der Komfortzone "mehr oder weniger glücklicher Single" gemütlich gemacht. Ist eben so, wie es ist. Erst wenn der Leidensdruck stark wächst, wird diese, objektiv gesehen vielleicht sogar unbequeme, Komfortzone verlassen. Aber erst dann, denn Neues ist noch gefährlicher als Gewohntes.

Gerade Frauen, die gut aussehen und schüchtern sind, gelten schnell einmal als arrogant. Kann das zum Problem werden?

Das ist nicht nur ein Problem von Frauen. Wer denkt, er wird häufig falsch als arrogant eingeschätzt, sollte üben, offene Signale zu senden, die dem Gegenüber einen ersten Schritt einfach machen. Dazu gehört auch, im Gespräch authentisch zu sein, keine Rolle zu spielen, nichts beweisen zu wollen und gelassen aus der Situation heraus zu flirten.

Manche Frauen haben eine Beziehung nach der anderen, während andere nach einer Trennung manchmal jahrelang Singles bleiben. Was läuft bei denen anders?

Eine häufige Falle ist wohl der hohe Anspruch. Je höher ich mich selbst bewerte, umso besser muss auch mein Partner sein, also mindestens auf Augenhöhe, wenn nicht besser. Wer sich hoch ansetzt, muss nach den seltenen hohen Partnern länger suchen. Manche Singles sind mit ihrem Leben, ihrem Beruf, ihrem Freundeskreis aber auch so zufrieden, dass sie einen Partner vielleicht als wünschenswert, aber nicht als nötig empfinden. Es ist ja auch kein gesellschaftlicher Makel mehr, unverheiratet zu sein. Gerade wer selbst viel zu bieten hat, sucht einen Partner auf Augenhöhe. Außerdem leben wir in einem Umfeld, das uns sagt: "Das Beste ist für uns gerade gut genug." So wachsen schnell die Ansprüche an den Partner, was häufig zu einer wenig kompromissbereiten Partnerwahl führt: Entweder der Partner ist perfekt - oder ich bleibe lieber Single.

Hetzen viele Frauen dem Traummann hinterher, während sie die normalen, aber guten Typen übersehen?

Hohe Ansprüche sind gut, aber sie sollten nicht auf eine Person, also einen vermeintlichen Traumpartner, gerichtet sein. Zuerst sollte sich ein Single die Frage stellen: Was muss in einer Beziehung passieren, damit ich mich wohlfühle? Danach erst suche ich den Partner, mit dem ich diese Beziehung gemeinsam erarbeiten kann. Es geht nicht darum, den Traumpartner zu finden, der dann die Beziehung schon glücklich macht - sondern darum, den Partner zu finden, mit dem man die Traumbeziehung gemeinsam erarbeiten kann. Das ist ein gewaltiger Unterschied, der kleine Fehler oder Macken plötzlich weniger bedrohlich wirken lässt und vor allem zu eigener Beziehungsverantwortung führt. Hinzu kommt der weit verbreitete Wunsch, dass es beim ersten Date bereits "Peng" machen muss. Zu viele Singles warten auf die Liebe auf den ersten Blick. Wer ausschließlich schicksalsorientiert an die eigentlich kontinuierliche Arbeit erfordernde Beziehungsgestaltung geht, gerät schnell in die Traumprinz-Falle, d.h. wenn es nicht "Peng" macht, war es eben der falsche Partner. Das kann praktisch und bequem sein, denn so wird die Verantwortung nicht geteilt - sondern an den potenziellen Partner übertragen.

Haben wir generell eine zu romantische Vorstellung von der Liebe?

Ich fürchte, das geht Männern und Frauen so. Weit über die Hälfte aller Ehen werden geschieden, nicht viele Menschen können heute noch sagen, sie hätten ein Beziehungs-Rollenvorbild in ihrer Familie oder im Freundeskreis. Die Beziehungsrealität, auch die nötige Beziehungsarbeit, werden uns weder in Filmen noch in Büchern beigebracht, und damit wird die Beschreibung von Romantik und Partnerschaft häufig zu einer Sammlung von Allgemeinplätzen und zu einer Anforderungsliste an den Partner.

Wirken selbstbewusste Frauen tatsächlich einschüchternd auf Männer – oder reden wir uns das ein?

Auf jeden Mann, der eine selbstbewusste Frau toll findet, kommt vermutlich einer, der davor Angst hat oder sich womöglich selbst in seiner Rolle gefährdet sieht. Aber wer wirklich selbstbewusst ist, strahlt Ruhe, Gelassenheit und Zufriedenheit mit sich selbst aus. Und das ist wirklich sexy. Hier braucht niemand einen anderen, sondern hier nähert man sich gleichberechtigt an. Natürlich kann das weniger selbstbewusste Menschen einschüchtern - muss es aber nicht. Hier ist häufig die Angst, falsch eingeschätzt zu werden, der größte Flirthemmer.

Womit können wir Frauen denn nun bei euch Männern am besten punkten?

So platt das klingt, aber ein Lächeln wirkt immer wahre Wunder. Es erzeugt beim Gegenüber sofort ein gutes Gefühl, das in Verbindung mit freundlichen Worten viel bewirken kann. Sicher ist aber, dass das Signal "Ich suche einen Partner" höchstens extrem karitative Charaktere anlockt - und alle anderen abschreckt.

Glauben Sie, dass viele Singles unbewusst eigentlich niemanden suchen?

Ja. Ein häufiger Grund ist Angst vor Nähe, vor Auseinandersetzungen oder Konfliktsituationen, deren Lösung man mangels Vorbilder nicht gelernt hat. Oder Angst, die gleichen Fehler wie etwa die Eltern zu erleben. Die Angst vor Verbindlichkeit gehört ebenfalls dazu. Seit einigen Jahren sprechen manche Paartherapeuten von aktiven und passiven Beziehungsverweigerern. Die aktiven sind all jene Singles, die ganz bewusst und deutlich sagen, dass sie keine Partnerschaft suchen. Die passiven sagen häufig, dass sie eine Beziehung suchen, unbewusst tun sie aber alles, um sie zu verhindern, indem sie nur schwer oder unerreichbare Partner suchen. Solche, die verheiratet, zu weit weg oder zu jung sind. Besonders brisant ist, dass diese beiden Beziehungsverweigerer sich perfekt ergänzen und sich auch in schönster Regelmäßigkeit finden.

Der passive Beziehungsverweigerer, der einen unerreichbaren Partner sucht, lässt sich vorzugsweise mit jemandem ein, der von vornherein sagt, er möchte Single bleiben. Dadurch kann sich der andere nun ohne Furcht vor einer Beziehung in die Idealisierung des Partners und einer Beziehung mit ihm hineinsteigern und alles geben. Ein erreichbarer Partner wird den passiven Beziehungsverweigerer gar nicht erst interessieren. Ob man zu dieser Gruppe gehört, lässt sich oft nicht ohne externe Hilfe herausfinden. Wer immer nur kurze Beziehungen führt, so maximal drei Monate, und stets "auf die Falschen" trifft, könnte dazugehören.

 

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