Interview mit Bibi Bleekemolen von Fairphone

Wir haben mit Bibi Bleekemolen von Fairphone darüber gesprochen, wie transparent ihr Unternehmensmodell tatsächlich ist.

Fairphone geht seit 3 Jahren das an, was eigentlich fast unmöglich wirkt: ein fair produziertes Smartphone mit transparenter Lieferkette. Während sich große Smartphone-Hersteller darauf konzentrieren, immer mehr Technologie in immer flachere Gehäuse zu verpacken, die - gewollt oder nicht - spätestens nach zweieinhalb Jahren kaputt gehen, versucht das niederlänsiche Social Enterprise ein Telefon zu produzieren, das langlebig, reparierbar und fair ist. Soziale Werte kommen zuerst. Die Idee und folglich das Unternehmen entstand aus einer 2010 gegründeten Initiative gegen Bürgerkriegs-Coltan in Mobiltelefonen.

Seit dem ist viel passiert: Fairphone hat mittlerweile über 100.000 Telefone verkauft, beschäftigt 39 Angestellte und sieht sein Produkt als Markenbotschaft, eine ganze Industrie hin zu mehr Verantwortung zu lenken. Nach dem Launch des Fairphone 1 stand das Unternehmen immer wieder unter der Kritik, nicht so fair zu sein, wie landläufig angenommen wird. Tatsache ist aber, dass das Unternehmen nie mit Falschinformationen spielte und volle Transparenz immer zur Unternehmensphilosophie gehörte: Auf dem Unternehmensblog lassen sich alle Fortschritte und Herausforderungen nachlesen. Denn ja: Von einem 100-prozentig fair und nachhaltig produzierten Smartphone ist man weit entfernt, aber man tut sein bestes, bessere Arbeitsbedingungen in Krisenregionen durchzusetzen.

Nach Zin und Tantal werden im Fairphone 2 nun auch Gold und Wolfram konfliktfrei bezogen. Eine Studie der Deutschen Umwelthilfe und des Frauenhofer Instituts bewertet die Arbeit von Fairphone als richtungsgebend für ethischere Arbeitsbedingungen in der IT-Branche, auch wenn noch nicht alle Arbeitsschutzkriterin in der Produktion eingehalten werden. Als mangelhaft wurden die Aspekte Schadstoffgehalt und Upgradefähigkeit beurteilt.

Bibi Bleekemolen schloss sich gleich nach ihrer Masterarbeit zum Thema Konfliktmineralien Fairphone an, und überzeugt sich in ihrer Arbeit zum Thema "Impact Development" von den Arbeitsbedingungen in der Konfliktregion Kongo.

Was ist die größte Herausforderung in der Produktion eines fairen Smartphones?

Man muss sich das so vorstellen. Wenn man eine Faitrade Banane kauft, weiß man ziemlich genau, wo sie herkommt. Bananen haben recht einfache Lieferketten und um sicher zu gehen, dass man den Arbeitern faire Löhne für ihre Arbeit zahlt, geht man zum Beispiel zur Plantage. Bei Smartphones ist das anders und das ist auch die größte Herausforderung. Smartphones haben hunderte Komponenten die alle unterschiedliche Hersteller und wieder andere Zulieferer haben. Es ist bei einem Smartphone viel schwieriger Umwelt- und Sozialstandards zu verbessern - was ein faires Smartphone tun sollte – weil die Lieferketten so undurchsichtig und komplex sind.
Das Gute daran ist, dass wenn man erst einmal in der Lage ist, wirklich Standards zu verändern, dann hat das einen Effekt auf die ganze Industrie, weil alles so zusammenhängt.

Ist die Produktionskette von Fairphone 100 Prozent transparent?

Nein, wir arbeiten Schritt für Schritt daran. Wir konzentrieren uns zuerst auf Bereiche in denen wir die größten Lücken sehen und wo wir die größten Veränderungen herbeiführen können, aber das geht leider nicht alles auf einmal. Wir beziehen konfliktfreie Mineralien aus Krisenregionen, um dort die lokale Wirtschaft zu unterstützen und haben uns mit Zulieferern befasst, die bereit sind, die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten zu verbessern und das auch umsetzen.
Verglichen mit dem Fairphone 1 sind wir in einer viel besseren Lage. Wir haben das Fairphone 2 selber designt und können besser entscheiden, mit wem wir es fertigen wollen.

Hat sich durch das Social Enterprise und die Produktion des Fairphones schon konkret etwas verbessert für die Minenarbeiter in der Demokratischen Republik Kongo?

Es ist natürlich schwer zu behaupten, dass es nur wegen Fairphone Verbesserungen gibt, aber Fairphone ist einer der Gründe für Veränderungen. Wir waren die Ersten die der Conlict Free Tin Initiative beigetreten sind, zu einer Zeit in der viele Unternehmen sich von Fördermaßnahmen im Kongo komplett distanziert haben, um nicht mit Konfliktmineralien in Verbindung gebracht zu werden. Zuerst war es nur eine, jetzt sind es dutzende Minen die über die Initiative als konfliktfrei zertifiziert werden. Das bedeutet für die Arbeiter, dass sie einen legalen Weg haben, ihre Waren zu verkaufen und eine Verbindung zum Markt. Auf der anderen Seite bedeutet es, dass sie nicht mehr in Minen arbeiten müssen, in denen bewaffnete Gruppen das Sagen haben. In solchen arbeiten Minenarbeiter oft bewacht, mit einer Waffe auf sie gerichtet.

Es gibt noch viel zu verbessern, was die Arbeitsbedingungen angeht, aber die Idee ist, das wir Konfliktregionen nicht einfach im Stich lassen können, da viele Arbeiter auf die Einkommen aus dem Bergbau angewiesen sind.

Worauf hat sich die EU im Bezug auf Handel mit Konfliktmineralien geeinigt?

Es ist noch nicht ganz klar, weil die Verhandlungen noch laufen. Aber es sieht so aus, als müssten Firmen die Rohstoffe aus Risiko-Gebieten importieren, deklarieren wo genau diese herkommen.

Welche Auswirkungen hat eine diesbezügliche EU-Regelung auf die Arbeit von Fairphone?

Also im Prinzip keine, da wir in dem Sinne ja keine Rohstoffe importieren, sondern schon verarbeitete Ware, aber es unterstützt natürlich ganz direkt unsere Arbeit. Unser Ziel ist, dass sich die ganze Industrie in diese Richtung bewegt und nicht nur wir, daher könnte das eine große Hilfe werden.

Hat der Smartphone-Markt auf die Einführung des Fairphones reagiert?

Ja absolut, Modularität wurde inzwischen von vielen anderen Firmen aufgegriffen. Es ist sehr positiv, dass es als Kaufanreiz verstanden wird, dass das Telefon reparierbar ist. Fairphone ist das erste modulare Smartphone, in dem sich die Einzelteile ersetzen und reparieren lassen.

Denkst du, es wird einen allgemeinen Trend am Markt hin zu langsameren Produktzyklen und mehr Transparenz geben oder sind wir davon noch weit entfernt?

Es gibt immer noch eine Gruppe von Menschen, die von diesen Dingen noch nicht so viel wissen, aber diese wird immer kleiner. Transparenz und verlängerte Lebensdauer von Geräten wird langsam aber sicher Mainstream.

Hast du einen Tipp, für Menschen die ein soziales Problem auf unternehmerische Art und Weise lösen möchten?

Mach es selber, aber mach es nicht alleine. Am besten schaut man, wer noch aktiv ist und baut darauf auf – man ist nicht alleine. Und hab keine Angst davor, dir die Hände schmutzig zu machen. Man kann nicht alle Probleme auf einmal lösen aber wir müssen irgendwo anfangen. Also fang an.

 

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