Interview Andreas Lust

ALS WIENERIN-Artdirektorin Anaïs Horn den österreichischen Schauspieler Andreas Lust im Jahr 2000 kennen lernte, war sie noch ein Teenager. Und wenn wir ehrlich sind: Er war es mit seinen 33 Jahren auch ... Jetzt, 13 Jahre später, trafen sich die beiden alten Bekannten zum Interview im Wiener Volksgarten.

Was sich bei Schauspieler Andreas Lust seitdem verändert hat, warum seine Beziehung endlich hält und was er sich für seine Kinder wünscht, verriet der heute 46-jährige Akteur im intimen WIENERIN-Gespräch.

Warum wolltest du dich im Volksgarten Pavillon treffen?
Andreas Lust: In meiner Jugend war ich oft mit meiner Clique hier. Ich kann mich an lustige Abende, aber auch an eine Schlägerei erinnern ...

Warst du da auch involviert?
In dem Fall schon, hab mir auch den kleinen Finger verstaucht. Das waren so depperte, überkandidelte, arrogante Boulespieler mit Handschuh und Drum und Dran. Aber der Pavillon ist ja ein Café und keine Sportsauna. Da muss es drin sein, dass diese Bahn auch zum Spaß benutzt wird, abendgestalterisch. Was soll ich sagen. Nachdem ich diesen Fatzke, der meiner Freundin ständig die Kugel weggenommen hat, über einen Tisch ins Gebüsch geworfen hab, ist der Streit dann dummerweise eskaliert.

Du bist alleine mit deiner Mutter und Schwester aufgewachsen?
Meine Schwester ist 12 Jahre jünger, wir sind also als Einzelkinder aufgewachsen. Später ist meine Mutter mit meiner Schwester immer weitergezogen, zum jeweiligen Freund den sie hatte. Ich bin zu Hause geblieben und hatte die erste sturmfreie Bude mit 17. Das war ein offenes Haus. Meine Familie war mehr oder weniger im Hof und auf der Straße. Das war eine "kleine Jugendbande" mit der ich aufgewachsen bin.

Interview Andreas Lust

War das schwierig mit der Mutter alleine?
Klar war das schwer. Meine Mutter hat mich ganz früh zur Welt gebracht. Ich war quasi ihre Jugend und sie war oft überfordert. Sie hat sich relativ bald von meinem damals familienuntauglichen Vater scheiden lassen. Das war schwierig für sie und für mich. Weil sie ihre eigenen Träume und auch ihre Verzweiflung in mich reingesteckt und an mir abgearbeitet hat.

Hast du konkrete Erinnerungen? Dinge, die du von ihr gelernt hast?
Meine Mutter ist sehr zielstrebig, zäh und pragmatisch. Ich habe gelernt nicht aufzugeben. Vor allem mich nicht. Und sie ist ein sehr großzügiger Mensch. Das bin ich hoffentlich auch. Sie hatte auch kein Problem wenn ich am Weihnachtsabend einen Sandler mit nach Hause gebracht hab. Ich glaub ich war schon nicht einfach. Aufopferungsbereit in gewisser Weise. Ich bin einen großen Teil meiner Schulzeit in Nobelschulen gegangen und sie hat das Schulgeld verdient in dem sie nachts zusätzlich Schreibarbeiten gemacht hat und in der Früh wieder ins Büro gegangen ist. Das Geräusch der Schreibmaschine im Ohr. Einschlafen und die Mutter sitzt noch im Wohnzimmer und tippt.

Wie haben deine Eltern reagiert, als du Schauspieler werden wolltest?
Meinen Vater hab ich ziemlich lang nicht gesehen. Wie das so ist, die Väter kommen dann wenn es beginnt ihnen schlechter zu gehen, wenn sie gesundheitlich zusammenbrechen. Dann besinnen sie sich, dass sie doch Nachwuchs haben. Ich denke der hat das für einen Witz gehalten und erst ernst genommen als ich mit dem Lukas Resetarits einen Film gedreht hab. Meine Mutter war froh, dass ich was vernünftiges, konsequent betreibe, wie das Studium am Mozarteum. Die war froh, dass ich was Redliches mache, weil sie um mich Angst gehabt hat und mich schon in einem zwielichtigen Umfeld draufgehen hat sehen. Sie hat mich sehr unterstützt.

Kunst war dir ja schon früh sehr wichtig, warum die Schauspielerei?
Ein kleines Kind geht einfach immer den Weg der die meiste Liebe bringt. Für mich war das die Schauspielerei. Ich hab gemerkt das gefällt den Leuten und irgendwie hat sich das angefühlt wie Liebe, die mir entgegen gekommen ist.

Der große Höhenflug startete dann aber erst 2007 mit "Revanche"?
Eigentlich hab ich direkt nach dem Mozarteum ziemlich schnell eine gute Karriere gemacht. In meinem jugendlichen Leichtsinn hab ich mir aber in Österreich viele Feinde geschaffen. Ich hab mir nie ein Blatt vor den Mund genommen und war sehr aufsässig. Eins hatte ich im Kopf, dass es wertvoll ist, Kritik zu üben. Ich bin auch heute noch ein Gerechtigkeitsfanatiker. Es gelingt mir ganz schwer Ungerechtigkeit zu schlucken und kreative Auseinandersetzung hab ich immer als etwas positives erachtet. Das alles hat mir gleich auch das Prädikat „schwierig" eingebracht. Da das Filmschaffen damals in Ö von sehr wenigen Leuten bestimmt war, war damit der Ofen auch aus! Ich war glaub ich 3 Jahre auf Eis gelegt. Hatte Arbeitsverbot in Ö. Das war die schwärzeste Zeit in meiner Karriere.

Dann bist du nach Berlin gegangen?
Ja, als Exilant. Ich bin in Berlin angekommen und hab erst mal im „Muschi Obermayer" als Barkeeper gearbeitet.

Warum Berlin?
Damals hatte ich irrsinnige Schulden, Panikattacken, es war die mieseste Phase in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl aus meiner Heimat vertrieben worden zu sein. Dann war da noch eine lange Beziehung, auf die hat meine Depression natürlich auch abgefärbt. Ich bin unerträglich geworden und wir haben uns nach 10 Jahren getrennt. Das war das schwärzeste Schwarz und der Totpunkt. Für mich aber auch eine Initialzündung. Ich war so aus der Bahn geworfen, dass ich mich von außen sehen konnte und begonnen habe mich zu reflektieren. Alles was mein Unterbewusstsein bis dahin immer wieder aufgestoßen hatte in Reihe zu bringen. Das war sehr wichtig und in Berlin hatte ich Freunde, die mir dabei geholfen haben.

Ich hatte zu dieser Stadt immer einen Bezug, seit den 80er Jahren und meinen ersten Berlinbesuchen. Damals noch besetzte Häuser in Kreuzberg. Viele meiner Kommilitonen leben hier und natürlich wollte ich auch in meiner Muttersprache weiterhin Schauspieler bleiben. Gelandet bin ich in Mitte. Hab da meine jetzige Frau kennengelernt. Die hat damals, noch während ihres Studiums, in einer Bar nebenan gearbeitet und es war mit einigen anderen Bekannten und Freunden, auch anderen Exilanten, die hier Clubs betreiben, Galerien, ihre Werkstätten haben und Läden ein Zirkel der sich gegenseitig am Tresen besucht und gepflegt hat. Mitte ist mein Kiez geworden. Ein Dorf. Und ich bin genesen. Ich liebe diese Stadt, einfach weil sie so offen ist, weil Jeder irgendwo herkommt und Alle in den Sozialpott einbringen was sie halt können und weil sie mich in meiner dunkelsten Phase aufgefangen hat. Ich habe hier in kurzer Zeit sehr viel Wichtiges gelernt und wunderbare Dinge geschenkt bekommen, wie meine Familie. Dafür bin ich dankbar.

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Schauspieler Andreas Lust
Andreas Lust wurde 1967 in Wien geboren. Nach dem Schauspiel-Studium am Mozarteum in Salzburg folgten Engagements u. a. am Volkstheater Wien.

2008 spielte er in Götz Spielmanns „Revanche“. Es folgten Hauptrollen in „Der Räuber“, für die Lust 2011 den Österreichischen Filmpreis erhielt, und in der Glavinic-Romanverfilmung „Der Kameramörder“.

Zuletzt war er in Florian Flickers Grenzgänger zu sehen. Seit 2009 spielte Lust als Forensiker Stefan Schnell eine Hauptrolle in der österreichischen Krimiserie „Schnell ermittelt“.

Am 6. Oktober 2013 ist er im TV-Spielfilm „Die verbotene Frau“ auf Puls4 zu sehen.

Lust lebt mit seiner Freundin Tabea und zwei Kindern (zwei und vier Jahre alt) in Berlin.

Wie ist das wenn du nach Wien zurück kommst? Gibt's da inzwischen Überlegenheitsgefühle?
Gar nicht. Ich bin ja ein Wiener Kind. Meine Jugend und Kindheitserlebnisse sind alle mit Wien verknüpft. Ich kenne mich immer noch nirgendwo besser aus. Mir gefällt auch das Selbstverständnis und Unaufgeregte an Wien. In Berlin ist ja andererseits alles immer aufgeregt und hip.


Fühlst du dich wieder angenommen?
Ja, ich hab da ja auch noch alte Freunde und Familie die Teil der Stadt sind. Ich kenne den Geruch und hab hier eine Vergangenheit. Aber manches kann man halt auch nicht so einfach löschen. Irgendein Bruch hat stattgefunden.

Mir scheint, dass Frauen eine sehr wichtige Rolle in deinem Leben spielen. Angefangen bei deiner Mutter, über die unglücklichen Lieben.... zu Tabea, der Mutter deiner Kinder. Was suchst du in den Frauen? Erdung?
Erdung such ich schon, weil ich ein wirrer Geist bin, ein Streuner... Und ich neige zu Hysterie und übertriebener Emotionalität, wie wahrscheinlich jeder Schauspieler, weil er ja darauf konditioniert ist, von einer Sekunde auf die andere emotionale Höchstleistungen abzurufen.

In der Zeit, als du in Linz geprobt hast, warst du ja ein ziemlicher Draufgänger. Wie stehst du heute zum Thema Treue?
(lacht) Das hat sich verändert seitdem ich meine Frau kennengelernt habe. Mein Leben hat sich mit Familie schon sehr verändert. Ich zieh jetzt auch nicht mehr so herum. Wenn du um 4 in der Früh nach Hause kommst und 3 Stunden später stehen 2 frisch gebackene Kinder vor dir und lassen dich nicht mehr aus, da fühlst du dich wie Abfall. Das gibst du dir dann auch nicht so oft.

Haben sich deine Erwartungen an die Liebe verändert?
Du musst jemanden natürlich attraktiv finden in seinem ganzen Sein, du musst gut finden was jemand tut. Ich kann mir nicht mehr vorstellen mit jemandem zusammen zu sein, wo ich mir denk, der schreibt so einen Scheiß aber der ist so geil. Das würd nicht lange halten. Und es ist auch ein Stück weit Arbeit, dass es hält.

Was macht denn eine Beziehung aus, die hält, abseits von Kindern?
Der Jungmädchentraum ist der, dass es einen einzigen, wahren richtigen Prinzen gibt, den man finden muss. Das gibt's aber so nicht, es gibt einige, man muss den richtigen finden, der in irgendeiner Weise gut mit dir harmoniert. Man muss auch nicht in ständiger Harmonie leben, wir fetzen ja auch. Aber wir haben eine Streitkultur entwickelt. wir schaffen es immer besser zum Ausgangspunkt zurück und können aus dem Streit aussteigen, der ja irrational ist und von oben drauf schauen - wie hat sich das ergeben? Und in dem Moment ist der Streit auch schon wieder beendet. Das gelingt uns immer besser. Es werden keine Türen mehr geknallt oder jemand rennt davon, wir fangen uns selbst ein.

Wie bist du früher mit solchen Streit-Situationen umgegangen?
Je unreflektierter du bist kommt deine Strategie aus dem was deine Eltern gemacht haben und was du vorgelebt bekommen hast. Und die Strategie die ich unbewusst von meinem Vater übernommen habe, ist die, cholerisch zu reagieren und dann davonzulaufen. Davonlaufen, Freunde treffen, in die nächste Bar, Nächte um die Ohren schlagen.

Tabea ist ja Ärztin, das ist ein Beruf, der auf den ersten Blick so gar nichts mit deinem Alltag als Schaupieler zu tun hat. Wo trefft ihr euch?
Ich hab viele Ärzte gespielt, Gerichtsmediziner, Chirurgen... dieser Beruf ist gehäuft vorgekommen. Am häufigsten habe ich eigentlich Ärzte und Polizisten gespielt (lacht). Das andere ist, ich neige zur Hypochondrie. Da ist es ein glücklicher Zufall mit einer Ärztin zusammen zu sein. Die bringt das dann wieder auf den Punkt. Außerdem ist sie Anästhesistin und für die zählt überhaupt nur Leben oder Tod. Also wenn du mit einem Weh-Wehchen daherkommst, dann gilt das als nicht erwähnenswert oder behandlungswürdig. Dann gibt es nur Witze. Es kann mich keiner besser verarschen als Tabea. Das liebe ich an dieser Frau, sie ist eine der lustigsten Frauen, die ich je getroffen habe. Das verbindet uns ganz stark: Humor. Der Humor geht meist auf meine Kosten, aber das ist wurscht. Ich kann nach sechs Jahren immer noch Tränen lachen. Tabea trifft manchmal Dinge auf den Punkt mit einem Schmäh...

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... obwohl sie Deutsche ist?
Ja, obwohl sie Deutsche ist. Aber die Berliner haben ja teilweise einen ganz guten Schmäh, ruppig, aber gut. Abgesehen davon gibt es natürlich genügend, das uns verbindet, Filme, Kunst, unsere Freundeskreise. Das ist wichtig für eine funktionierende Beziehung. Und wir haben natürlich deckende politische Ansichten, soziale Vorstellungen und unsere grundlegenden Vorstellungen vom Leben.

Bist du ein lustiger Mensch? Deine Rollen sind ja eher immer triste Charaktere?
Das ist ein Problem. Ich meine, die Leute, die mich privat kennen, die wissen, dass ich lustig bin. Aber im beruflichen Umfeld, haben mich noch die wenigsten so gesehen. Was mit mir gut funktioniert oder wo mich die Leute gerne einsetzen, sind irgendwelche Soziopathen oder Gescheiterte. Dann gehen sie davon aus, ich mache ihnen dann da was Besonderes draus . Das kommt nicht von ungefähr. Natürlich weil ich in meinem Leben eine starke dunkle Kraft auch habe. Ich schöpfe ganz stark aus einer Kindheitsverletzung und das ist eine Energie, auf die ich sofort Zugriff habe. Deshalb fällt es mir auch nicht schwer in solche Charaktere zu schlüpfen. Ändert aber nichts daran, dass ich eigentlich auch ein lustiger Mensch bin und das haben erst die wenigsten entdeckt. Ein, zwei sind aber schon draufgekommen, dass sie mich, wenn sie mich mit so einer Rolle betrauen, auch Humor reinbringen.

Etwas Tragik-Komisches ...
Ja genau, etwas, das in Österreich leider noch niemand an mir entdeckt hat und was mir großen Spaß machen würde. Eine gescheiterte Existenz, über die man auch lachen kann... ohne sie zu denunzieren. Denn ich bin per se kein lustiger, schenkelklopfender Roland Düringer, Georg Friedrich, Simon Schwarz. Die haben diese Lade besetzt. Die spielen die Rollen nicht, die ich spiele und ich spiele nicht die Rollen, die sie spielen. Aber ich würde gerne in diese Tragik-Komische Grauzone vordringen.


Und was berührt dich persönlich an einem menschlichen Charakter?
Die graden Michln. Ich hab das Gefühl, ich muss jeden beschützen, der in einen Fettnapf steigt. Mir gefallen Leute, die sich aussetzen und etwas riskieren, und wenn jemand im Fettnapf steht, dann bin ich der erste, der sich dazustellt. Und wenn ich lange darüber rede, dann fange ich an zu heulen. Das hat meine ganze Hochachtung und Liebe. Leute zu beschützen, die rausgehen und sich hinstellen und wenn sie ausgelacht werden, stell ich mich neben sie und lach zurück. Ich trage so einen Kampfgeist in mir. Leute zu beschützen, die riskieren.

Woher kommt das?
Keine Ahnung. Ich empfinde das als wertvoll. Ich hasse diese Duckmäuser, die immer nur laut schreien und laut für etwas aufzeigen, wo sie wissen - es ist politisch korrekt und eine ganze Masse hinter ihnen.

Hast du vor noch mal ins Ausland zu gehen?
Mit Familie ist das natürlich schwieriger geworden. Trotzdem stelle ich mir manchmal die Frage: wars das? Wird's in meinem Leben noch mal eine krasse Veränderung geben? Ich stells mir manchmal vor.

Wohin würde es dich ziehen?
Ich glaube als erstes wär´s noch Europa, London vielleicht. Ich würd nicht gleich nach Amerika hupfen. Obwohl, ich weiß es nicht. Wenn man einmal in Berlin ist, dann ist es auch schwer sich was Anderes vorzustellen. Für eine Zeit vielleicht.


Und karrieretechnisch...? Würds dich nicht reizen irgendwo noch mal ganz fett international einzusteigen?
Naja, ich würde lügen, wenn es mich nicht interessieren würde. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, das was der Christoph Waltz da erlebt, das geht mir am Arsch vorbei. Na klar, das ist doch wie Honig, das ist wie Balsam. Aber das hat nix mit meinem Wohnsitz zu tun. Außerdem hab ich gelernt, je mehr man etwas will, desto mehr fordert dieses auch von einem!

Was bedeutet Lust für dich?
Du musst Lust auf etwas haben, sonst wird nichts draus.

Wie motivierst du dich Lust zu haben?
Dann muss man irgendwas dran finden, dass einem die Lust verschafft. Denn ohne Lust, geht es tatsächlich nicht.

Und wie steht es um die sexuelle Lust?
Sexualität ist eine der stärksten Triebfedern der Menschheit und war in meinem Leben immer sehr wichtig. Eine Urenergie, da die Lust was zu machen ja auch aus der Sexualität kommt. Ich meine, Preise gewinnt man ja auch um zu besserem und mehr Sex zu kommen. Für was brauchst sonst einen Preis, die stehen alle nur im Regal, damit du dein Ego bügeln kannst.

Aber auch um zu mehr und zu besseren Preisen zu kommen...
Aber was machst damit? Die schmeißen sie dir dann irgendwann in die Grube nach? Nein, um zu mehr und zu besserem Sex zu kommen.

Nichts geht ohne Sex ...
Nein, Sexualität ist die stärkste Triebfeder. Für alles, selbst Kriege. Im Grunde kann man's so reduzieren, das ist Brachialpsychologie, aber man kann es drauf zurückführen dass jeder geliebt werden möchte und deshalb etwas Bestimmtes tut. So verquert es ist - jeder will nicht nur Anerkennung, sondern eigentlich abspritzen.

Wo findet sich die Religion darin als Kriegsmotivator?
Auch im Sex. Der ist umso geiler wenn er kanalisiert ist. Oder irgendwas dran verboten ist. Weil das Spiel mit Offenheit und Verschluss ist das aufregendste Spiel. Da ist die Katholische Kirche ganz weit vorne. Sex der offen so daliegt ist widerlich und langweilig. Erotik ist dann üppig wenn sie spielt. Grundsätzlich ist Erotik das Schöne. Ich flirte auch wahnsinnig gern. Obwohl ich Familie habe.

Das ist auch ok für deine Frau?
"Look but don´t touch" und die flirtet auch.

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Wie hält sich die sexuelle Spannung über die Jahre?
Vernachlässige dich nicht. Geniere dich nicht für deine Fantasie und trau dich zu spielen. Seine Sinne wachzuhalten ist glaub ich ganz wichtig. Manchmal ist auch ein kleiner Abstand ganz gut.

Wie kann man sich das vorstellen?
Dann geh ich in die Kirche und zünde eine Kerze an. Ich bin ein Fetischist ohne bestimmten Fetisch. Ich kann mich in Details verlieben. Und aufgrund meiner Sinnlichkeit kann ich dieses Detail zum Mittelpunkt werden lassen.

Leidenschaft verlangt Distanz, Liebe verlangt Nähe....
Ich bin in der glücklichen Lage, dass wir uns immer wieder beruflich bedingt distanzieren müssen. Wir haben die Spannung. Jeder hat seinen eigenen Raum. Du musst dich selbst weiterentwickeln, dir selbst deine eigene Fantasie und Sexualität auch erfahren. Ich hatte da auch nie Berührungsängste in irgendeiner Richtung. Ich habe viele schwule Freunde, die wichtig waren und mir eine Welt der Kunst eröffnet haben, in die mich sonst niemand geführt hätte. Auch ästhetisch wichtig.

Mittlerweile findet man auch heterosexuelle Männer mit Geschmack...
Ich komm aus einer Zeit, wo Pitralon das einzige Duftwasser war.

Stehst du auf solche Dinge? Parfums, Cremes?
Es leben zwei Menschen in meiner Brust. Zum einen der sphärische, verstiegene Tagträumer mit der fischhaften Mentalität und auf der anderen Seite bin ich Materialist und freu ich mich wahnsinnig über die Schönheit von Dingen.

Und über schöne Menschen....
Ja, aber nach meinem Schön. Schön ist bei mir nicht dieses Glatte, ich freu mich über die ästhetischen Ecken und Kanten. Wenn wer eine Zahnlücke hat. Ich hab mal eine Frau geliebt, die hatte so eine Stupsnase gehabt, ich fand die so geil diese Stupsnase.

Verwendest du Antifalten Creme?
Mittlerweile ja. Das ist auch über die Frauen in meinem Leben gekommen.

Verwendest du die von deiner Frau, oder hast du eine eigene?
Mittlerweile kauf ich mir meine eigene. Diese Cremekultur ist über Frauen in mein Leben getragen worden. Bis 30 brauchst du doch keine Creme. Das höchste was ich mir ins Gesicht geschmiert habe, war Nivea. Mittlerweile kauf ich mir Vichy und Clarins, die Tübchen. Ich freu mich an Tübchen, die gut riechen. Ich bin auch auf Anweisung von Frauen ein guter Goodiebag Mitnehmer, ich nehm oft auch zwei. So wandelt man sich.

Du warst ja in deiner Jugend recht umtriebig ... Wie wirst du damit umgehen, wenn deine Kinder in das „schlimme" Alter kommen?
Ich hab Angst davor. Ich hatte so großes Glück durch so vieles durchgeschwommen zu sein. Wenn der Kleine nur halb so viel macht, von dem, was ich veranstaltet hab, hab ich keine Haare mehr am Kopf. Ich weiß nicht, ob die genau so viel Glück haben.

Was bedeutet das Vater-Sein für dich? Wie gehst du das an, damit so was erst gar nicht passiert?
Mit der größtmöglichen Offenheit. Das einzige was ich in den vier Jahren mit den Kindern gelernt habe ist, dass das einzige, das erzieherisch fruchtet das ist, was du selbst lebst. Also du kannst selbst nur versuchen ein erfülltes und interessiertes Leben zu leben und wenn deine Kinder das bei dir mitkriegen, dann können sie selbst zu solchen Menschen werden. Was ich aus meinem Freundeskreis mitgekriegt habe: die Menschen, die inzwischen gestorben oder abgestürzt sind, das waren die, die keine Perspektiven im Kopf hatten und kein Interesse...

Und keine Lust?
Ja, und keine Lust am Leben. Und die, mit denen ich heute noch befreundet bin, das sind die, die eine Utopie im Kopf hatten und Freude zu Forschen und Dinge auszuprobieren, Neugierde und ein Ziel mit sich selbst.


Was sind die wichtigsten Dinge, die du deinen Kindern weitergeben willst?
Neugierde, Wissbegierde und Lust am Leben. Und zwar keine Lust an der Zerstörung, oder der Selbstzerstörung, sondern eine Lust am Aufbau, am Schaffen. Ich will sie in ihren Träumen und Versuchen bestärken. Meine Aufgabe als Vater ist es die Stärken meiner Kinder zu erkennen und sie darin zu fördern.

Und zeichnet sich da schon was ab?
Die Kleine neigt zur Politikerin, die ist so strahlend und macht sich jeden zum Freund. Er ist ein sturer Bock, ehrgeizig, nicht wehleidig, zäh. Er ist ein gutmütiger Kämpfer. Die zwei als Team sind super.


Wir haben ja kurz über Religion gesprochen. Hast du deine Kinder taufen lassen?
Ja, ich war mal katholisch und meine Kinder sind getauft. Ein Jahrtausend Jahre alter Ritus, ich fand die sollen Wurzeln und eine Tradition haben. Rundherum - sprich Prenzlauer Berg - da hast du die alternativen Kinder, die fragen, "Mutti was is´n das für ein plus Zeichen auf dem Haus? Also, Geronimo, das ist kein Pluszeichen, das ist ein Kreuz, da ist wer gestorben." Die Taufe war ein Riesending mit Tafel im "Clärchens Ballhaus", mit Verwandten und Freunden, die das Kind begrüßen. Ein großes Familiengelage. Natürlich hätten wir uns alternativ einen anderen Ritus aussuchen können - wir stecken uns eine Feder in den Popsch und schwimmen durch die Spree, aber das ist eine Jahrtausend alte Tradition, warum soll ich da nicht drauf zurückgreifen?

Und dann sind sie ja evangelisch getauft. Die Pastorin, eine ganz junge, die fand ich gut. Und jetzt haben sie die Freundin von Tabea als Taufpatin, da hab ich auch schon Angst davor, wenn Tante Lena die mal übers Wochenende nach Südafrika mitnimmt. Die ist Stylistin und ein bisschen durchgeknallt Wir lieben sie! Sie droht jetzt schon mit der ersten Barbie. Natürlich ging es auch um die Party. Aber ich finde wichtig, dass meine Kinder Wurzeln haben, die soll man kennen, um sie dann über Bord zu werfen und dagegen zu revoltieren, wenn man es für nötig hält. Man muss ja irgendeine Ausgangsbasis haben. Die Wurzellosen sind auch die Verlorenen.

Fühlst du dich heute erwachsen?
Ja, ich bin erwachsen geworden. Ich bin nicht jeden Tag erwachsen, zum Glück, aber ich bin in den letzten 10 Jahren erwachsen geworden.

Fühlst du dich manchmal alt? Kennst du so etwas wie Midlife-Crisis?
Die Frage, die du mir vorher gestellt hast, die beantwortet das. Ja, ich mach mir Gedanken, was noch kommt in meinem Leben. Das ist ein klarer Fall von Midlife-Crisis.


Hat sich was an deiner Lebensführung geändert? Wie sieht das Erwachsen-Sein praktisch aus? Am Nachmittag keinen Alkohol trinken?
(Lacht) Das mache ich jetzt sowieso nur mit Euch. Aber natürlich, mit den Kindern ist eine Menge Verantwortung dazugekommen. Du kannst den Kindern nicht immer von Gemüse vorschwärmen, selbst aber zu McDonalds gehen. Das kommt nicht an. Der Papa redet immer von Broccoli, frisst selbst aber Burger. Das heißt, du musst selbst Broccoli-Fan werden. Mein Erwachsenwerden ist auch dadurch spürbar, dass ich mich selbst mehr pflege. Ich achte jetzt mehr auf mich und will ein Vorbild sein. Wenn du fix und fertig bist vom Vorabend kannst du deinen Kindern nicht auf Augenhöhe begegnen. Und das möchte ich!

Und fühlt sich das gut an? Oder vermisst du manchmal die wilden Zeiten?
Nein, das tu ich nicht. Weil, wenn ich das haben möchte, dann geht das auch. Wenn jeder für sich unterwegs sein will, dann machen wir uns das möglich. Wir sind ja auch keine Kinder von Traurigkeit. Dann nimmt man sich das raus und der, der bleibt übernimmt den nächsten Vormittag. (Pause)
Ich mein, eines muss ich gestehen. Das ist ein Geständnis und ich hoffe Tabea liest das nie... Gelegentlich, wenn ich woanders zu tun habe, dann reise ich einen Tag später ab, um mich auszuschlafen, bevor ich mich der Meute stelle.

 

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